Im US-Kino ist er der Inbegriff der Entschleunigung – mal auf lässige die Zigarette im Mundwinkel aufbewahrende Art, mal auf nachdenklich die Gesetzmäßigkeiten des Filmmediums in Fragen stellende Weise. So oder so: Autorenfilmer Jim Jarmusch hat in seiner 1980 begonnenen Karriere zahlreiche sich ins Gedächtnis brennende Regiearbeiten abgeliefert – wie den markanten Episodenfilm „Coffee And Cigarettes“, den Vorstellungen von Vergänglichkeit und Lebenssinn hinterfragenden Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ und den Cannes-Gewinner „Down By Law“.
Auch Jarmuschs neustes Werk ist gemütlich, nachdenklich, ganz im Stile eines würdevoll gealterten, in sich ruhenden Rockers echt cool und obendrein ausgezeichnet: Der drei Kapitel umfassende Anthologiefilm „Father Mother Sister Brother“ hat bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 den Goldenen Löwen gewonnen! Egal, ob ihr ihn im Kino verpasst habt und daher nachholen wollt oder noch einmal schauen möchtet – jetzt habt ihr die Chance dazu: „Father Mother Sister Brother“ ist diese Woche auf DVD und Blu-ray erschienen.
Die obig verlinkte Blu-ray kommt, genauso wie die DVD*, ohne Bonusmaterial daher – der Reiz des Physischen muss also ausreichen. Ansonsten könnt ihr „Father Mother Sister Brother“ unter anderem bei Amazon Prime Video* als Video-on-Demand beziehen.
Darum geht es in "Father Mother Sister Brother"
Jim Jarmuschs dramatisches, still-komisches Triptychon beginnt im Nordosten der USA, wo die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) ihren knurrigen, verlotterten Vater (Tom Waits) in seiner abgelegenen Hütte besuchen. Der ehemalige Haudegen ist ein zahmer, etwas orientierungsloser Kauz geworden, was Jeff und Emily ebenso beruhigt – wenigstens lässt er endlich die Drogen ruhen – wie irritiert.
Die zweite Episode spielt in Dublin, wo die Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) ihren alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer Mutter (Charlotte Rampling) abhalten, einer strengen Erfolgsautorin, die weder mit der intellektuellen Scheue Timotheas noch mit Liliths Aufmüpfigkeit viel anfangen kann.
Abgeschlossen wird der Film in Paris, wo Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) ein letztes Mal das Appartement ihrer Eltern besuchen. Geschwisterliche Neckereien, Familien-Insider, Neugier über ihre eigene Vergangenheit und Wehmut wechseln sich im Zuge dessen unvorhersehbar ab...
Zurückgelehnt und grinsend reflektiert
Das Glas Whisky in der einen Hand, die Fluppe in der anderen, den Rücken ans gemütlich-ausgeleierte Sitzmöbel gelehnt und die Füße hochgelegt: Man muss einen Jim-Jarmusch-Film nicht exakt so goutieren – doch es hilft, sich mental in solch eine „Mir doch schnuppe, ich koste in aller Seelenruhe den Moment!“-Haltung zu versetzen. Das gilt auch für „Father Mother Sister Brother“, und das nicht nur, weil der mit einer charakteristisch rauen Stimme gesegnete Blues-Jazz-Rocker Tom Waits die Titelfigur der ersten Episode verkörpert.
Denn wer darauf wartet, dass im Film was passiert, ist hier fehl am Platze. Wer sich auf Jarmuschs genüssliche Mixtur aus ruhig-groteskem Witz und Herumgegrübel einlässt, wird aber feststellen, dass durch den Film was passiert: „Father Mother Sister Brother“ ist eine kurios-unstressige, dennoch überaus wirksame Konfrontationstherapie mit Familiendynamiken.
Wie bei Anthologiefilmen üblich, wird daher nicht jedes Kapitel gleich gut funktionieren. Während die einen Filmfans auf die verdatterten, peinlich berührten Jeff und Emily anspringen werden, dürften sich andere in den ungleichen Schwestern erkennen, die um die Erwartungen ihrer Mutter herumtänzeln. Und wieder andere sehen sich eher im kummervollen Bruder-Schwester-Duo, das den Film abschließt.
Diese Abfolge an genau beobachteten und mit Kniff, aber ohne klare Wertung zugespitzten Charakterstudien wird durchzogen von Melancholie, kleinen Lügen, Gesprächshülsen über Wasser sowie einer britische Floskel. Und während die Familien gehemmt miteinander reden, brettern Jugendliche auf dem Skateboard von A nach B – aber nicht rasant genug, um „Father Mother Sister Brother“ den Status als „Anti-Actionfilm“ zu rauben.
So bezeichnete Jarmusch seine jüngste Regiearbeit im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes nämlich selbst. Und wie die Briten sagen: Bob's your uncle! Oder, frei übersetzt: Fertig ist die Laube. Aber nur Geduld, der Film wird nach Einsatz des Abspanns noch nicht fertig mit euch sein. Genauso wie unser folgender Heimkino-Tipp, der lange nachhallt, sobald man ihn nur lässt...
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