Er teilt sich seinen Vor- und Nachnamen mit dem Verfasser des wegweisenden Abenteuerromans „Die Schatzinsel“ und verantwortete selbst zahlreiche zeitlose Ausnahmewerke des gepflegten, toll getricksten Eskapismus: Robert Stevenson drehte den britischen Grusel-Meilenstein „Der Mann, der sein Gehirn austauschte“ mit Boris Karloff, traumatisierte mehrere Generationen mit dem atypisch-tragischen Disney-Klassiker „Sein Freund Jello“ und verwirklichte Walt Disneys kunterbuntes, musikalisches Passionsprojekt „Mary Poppins“.
Auch mit der Stunts und Slapstick effektvoll vereinenden Komödie „Ein toller Käfer“ und dem Quentin Tarantino beeinflussenden Krimi-Spaß „Alles für die Katz“ steuerte er populäre Kassenschlager zum Disney-Kanon bei. Das auf einem Roman des Schriftstellers Ian Cameron basierende Fantasy-Abenteuer „Insel am Ende der Welt“ müsste sich eigentlich nahtlos in Stevensons Erfolgslaufbahn eingliedern.
Doch trotz intensiver Promo-Bemühungen und frühzeitiger Sequelpläne stellte die acht Millionen Dollar teure Produktion 1974 einen wirtschaftlichen Rückschlag für die Disney-Studios dar. Die Ambitionen, einen zweiten Teil zu drehen, wurden zügig aufgegeben, aber in den Herzen der Disney-Kreativen hält „Insel am Ende der Welt“ ungebrochen einen Ehrenplatz inne:
Immer und immer wieder versuchen die sogenannten Disney-Imagineers, die für die Gestaltung der Disney-Themenparks zuständig sind, ein umfangreiches Netzwerk an Attraktionen rund um die Ikonografie dieses Fantasy-Abenteuers aus dem Boden zu stampfen. Diese ambitionierten Träume nahmen zwar letztlich nie Gestalt an, dennoch hat der Film Einzug in die Disney-Themenpark-Ästhetik gehalten:
Im Disneyland Paris gibt es eine Replik des eindrucksvollen Luftschiffs Hyperion aus diesem Abenteuer-Geheimtipp zu bewundern. Es thront als selbstbewusst-übergroße Deko über dem „Café Hyperion“ im unter anderem Jules Verne gewidmeten Themenbereich „Discoveryland“ und wird als solches von rund zehn Millionen Menschen im Jahr bewundert. Nur sehr wenige von ihnen dürften wissen, auf welchen Film sich der imposante Anblick bezieht.
Disney
Und leider ist es derzeit schwierig, sich selbst davon zu überzeugen, welche Qualitäten dieses Trickspektakel dazu führten, dass man im Hause Disney nicht völlig von ihm lassen kann: „Insel am Ende der Welt“ ist in einigen Ländern, darunter Deutschland, aktuell gar nicht legal im Streaming zu finden. Wenigstens könnt ihr euch den verkannten Abenteuer-Klassiker auf DVD besorgen:
Darum geht es in "Insel am Ende der Welt"
1907: Der britische Industriemagnat Sir Anthony Ross (Donald Sinden) ist reich, einflussreich und unfassbar traurig: Sein Sohn Donald (David Gwillim) ging während einer Arktis-Expedition verschollen, auf der er die legendären Walfriedhöfe und eine kartografisch nicht erfasste, sagenumwobene Insel suchen wollte.
Also heuert Ross den Archäologie-Professor John Ivarsson (David Hartman) und den exzentrischen Erfinder/Flugkapitän Brieux (Jacques Marin) an, um mit dem modernen Luftschiff Hyperion Donalds letzten Spuren nachzugehen. Als die Hyperion im Polargebiet Schiffbruch erleidet, bekommt das Rettungsteam Hilfe durch den Eingeborenen Umiak (Mako), der zuvor Donald begleitete, und stolpert versehentlich in eine gewaltige Entdeckung: Ein durch Vulkanaktivitäten erhitztes Tal von Wikingern...
Zügig erzählt, visuell imposant
In nicht einmal 100 Minuten scheucht Stevenson seine Figuren durch eine Vielzahl an Schauplätzen, die oftmals mit erstaunlicher Liebe zum Detail und markantem Stilwillen zum Leben erweckt werden. Für diesen Trip vom Edwardianischen London in ein prachtvolles Luftschiff, hinein in eine skurril-brachiale Wikinger-Kultur und quer durch einen makabren, imposanten Walfriedhof bekamen Peter Ellenshaw, John B. Mansbridge, Walter H. Tyler, Al Roelofs und Hal Gausman eine wohlverdiente Oscar-Nominierung in der Sparte „Bestes Szenenbild“.
Ellenshaw leistete dabei einen besonders großen Beitrag, ergänzte er doch die realen, von ihm mitentworfenen Kulissen durch seine fabelhaften Matte-Gemälde – also Handmalereien, die teils täuschend echt aussehen, teils etwas zu malerisch-schön sind, um wahr zu sein, aber auch so enormen Reiz ausüben. Herausragend ist außerdem Stevensons Händchen dafür, Modelle, reales Bildmaterial und Matte-Gemälde zu starken Motiven zu vereinen, etwa wenn die im tiefsten Frost die Hyperion durch ein Gebirge geführt wird. Die Rückprojektion in „Insel am Ende der Welt“ kann da leider nicht mithalten, sondern reißt gelegentlich aus der Illusion heraus.
Die zentralen Figuren in „Insel am Ende der Welt“ sind leider nicht so denkwürdig wie die Bildästhetik dieses zügig erzählten Abenteuers. Aber selbst wenn die Figuren für sich stehend wenig Eindruck hinterlassen, so unterhält ihr Rapport miteinander. Hinzu kommt eine von Maurice Jarre („Doktor Schiwago“) komponierte Filmmusik voller Enthusiasmus und außergewöhnlicher Arrangements. Frühe Elektroeinsätze, kakophonisch-wilde Percussion und pompös pustende Alphörner zurren das fantasievolle, schmissige Abenteuer-Gesamtpaket dieses Films stimmig zu: „Insel am Ende der Welt“ ist kein Disney-Volltreffer, wohl aber schöner Eskapismus nach alter Schule – ideal für einen Filmnachmittag, an dem es Zerstreuung sein muss!
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