Nicht jedes filmische Meisterwerk wird sofort als solches erkannt. Die Geschichte des Kinos ist voller Werke, die bei ihrem Erscheinen an den Kinokassen scheiterten und erst Jahre oder sogar Jahrzehnte später den Status eines Klassikers erhielten. Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) fand sein Publikum erst im Heimkino und auch Orson Welles' „Citizen Kane“ (1941) spielte weit weniger Geld ein, als sein Ruf heute vermuten lässt. Kaum ein Beispiel zeigt diesen Widerspruch jedoch so eindrucksvoll wie „Tatis herrliche Zeiten“ (1967), auch bekannt unter seinem Originaltitel „Playtime“.
Der französische Regisseur Jacques Tati investierte Jahre seines Lebens und nahezu sein gesamtes Vermögen in ein Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Das Publikum blieb damals jedoch aus – mit verheerenden Folgen für seinen Schöpfer. Heute gilt der Film dagegen als einer der bedeutendsten Beiträge der Filmgeschichte und findet sich regelmäßig auf den wichtigsten Bestenlisten wieder, etwa bei Sight and Sound.
Ein visionärer Film, der seinen Schöpfer ruinierte
In „Tatis herrliche Zeiten“ begleitet das Publikum einmal mehr Monsieur Hulot, Tatis berühmteste Figur. Anders als klassische Komödien erzählt der Film jedoch keine geradlinige Geschichte. Stattdessen beobachtet er das hektische Leben in einer futuristisch wirkenden Großstadt aus Glas, Stahl und Beton. Geschäftsleute, Touristengruppen und Angestellte bewegen sich durch sterile Gebäude, verlieren die Orientierung und geraten immer wieder in absurde Situationen. Aus scheinbar belanglosen Alltagsmomenten entsteht eine präzise Satire auf Modernisierung, Konsum und die zunehmende Anonymität des Stadtlebens.
Für die Produktion ließ Tati sogar eine komplette Filmstadt errichten. Das eigens gebaute „Tativille“ verschlang enorme Summen und machte „Tatis herrliche Zeiten“ zu einem der teuersten europäischen Filme seiner Zeit. Der wirtschaftliche Aufwand zahlte sich zunächst jedoch nicht aus. Nach seiner Premiere blieb der große Publikumserfolg aus, die Einnahmen konnten die Kosten bei Weitem nicht decken. Die finanziellen Folgen zwangen Tati schließlich dazu, einen Großteil seines Besitzes aufzugeben und hinterließen ihn dauerhaft in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Gerade das, was viele Zuschauer damals irritierte, macht den Film heute einzigartig. Tati verzichtet weitgehend auf klassische Pointen und rückt stattdessen das gesamte Bild in den Mittelpunkt. Jede Einstellung steckt voller kleiner Beobachtungen, visueller Gags und sorgfältig komponierter Bewegungen, die sich oft erst beim wiederholten Anschauen vollständig erschließen. Häufig laufen mehrere humorvolle Ereignisse gleichzeitig in verschiedenen Bildbereichen ab, sodass jede Sichtung neue Details offenbart. Kein Wunder also, dass der Titel laut fast 9.000 Filmkritikern*innen zu einem der besten Filme aller Zeiten zählt.
8.797 Kritiker-Listen ausgewertet: Das sind die 100 besten Filme aller ZeitenDiese außergewöhnliche Bildsprache genießt bis heute höchste Anerkennung. Internationale Kritiker, Filmwissenschaftler und Regisseure zählen „Tatis herrliche Zeiten“ regelmäßig zu den größten Filmen aller Zeiten. Besonders häufig wird seine visuelle Gestaltung hervorgehoben. So schaffte es der Film auch in eine Auswahl der 100 großartigsten Einstellungen der Filmgeschichte. Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart und prägt das Verständnis davon, wie sich Geschichten allein über Bildkomposition, Rhythmus und Inszenierung erzählen lassen.
Jacques Tati und das Vermächtnis eines außergewöhnlichen Künstlers
Jacques Tati (1907 - 1982) zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Kinos. Mit Filmen wie „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (1953) oder „Mein Onkel“ (1958) entwickelte er eine unverwechselbare Filmsprache, die nahezu ohne Dialoge auskommt und stattdessen auf präzise Choreografien, Geräusche und visuelle Komik setzt. Seine Arbeiten verbinden Humor mit scharfer Gesellschaftsbeobachtung und beeinflussten Generationen von Filmschaffenden – von „Mr. Bean“ Rowan Atkinson über Regisseur Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“) bis hin zu zahlreichen Animationsstudios.
Vor allem „Tatis herrliche Zeiten“ gilt heute als Höhepunkt seines Schaffens. Was einst als kostspieliger Fehlschlag galt, wird inzwischen als visionäres Meisterwerk betrachtet, das seiner Epoche weit voraus war. Der Film zeigt eindrucksvoll, dass kommerzieller Erfolg und künstlerische Bedeutung nicht zwangsläufig zusammengehören. Filmhistorisch weit weniger Einfluss, dafür aber kommerziell äußerst erfolgreich war dieser Film, der jedoch – ganz im Gegensatz zu Tatis Meilenstein – mittlerweile ziemlich in Vergessenheit geraten ist, obwohl durchaus Kontroversen ausgelöst hat. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden FILMSTARTS-Artikel:
Vor 34 Jahren lockte dieser Film über 4 (!) Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos: Er beruht auf wahren Begebenheiten und wurde kontrovers diskutiert!*Bei diesem Link handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.