Paul Verhoeven ist eine der ungewöhnlichsten Hollywood-Karrieren überhaupt gelungen. Mit provokanten Werken wie „Türkische Früchte“ oder „Spetters“ hatte der niederländische Regisseur in den 1970er- und 1980er-Jahren international auf sich aufmerksam gemacht, bis sein Noir-Erotik-Thriller „Der vierte Mann“ (1983) die US-Studios auf den Plan rief – schließlich hatte der Film gezeigt, dass Verhoeven auch ein hervorragender Genre-Handwerker war.
Nur zwei Jahre später folgte mit dem nihilistischen Mittelalter-Epos „Fleisch & Blut“ (unter anderem besetzt mit seinem Stammdarsteller Rutger Hauer und Jennifer Jason Leigh) seine erste englischsprachige Produktion. Zwar wurde der Film ein gewaltiger Box-Office-Flop – doch Hollywood verlor trotzdem nicht das Vertrauen in Verhoevens Talent. So landete wenig später das Drehbuch zu „RoboCop“ auf seinem Schreibtisch – der Auftakt zu einer drei Filme umfassenden Serie von Science-Fiction-Klassikern. Da überrascht es, dass Verhoeven eigentlich keinerlei Interesse an dem Genre hatte...
Wie seine Regie-Kollegen David Cronenberg („Die Fliege“), Alex Cox („Repo Man“) und Monte Hellman („Asphaltrennen“), denen das Skript von „RoboCop“ zuvor ebenfalls angeboten worden war, winkte auch Verhoeven wegen des albern anmutenden Titels zunächst ab – und warf das Drehbuch direkt in den Papierkorb. Dort fischte es seine Ehefrau Martine Verhoeven wieder heraus, und sie erkannte schnell das Potenzial der Geschichte um einen getöteten Polizisten, der als Cyborg wieder zum Leben erweckt wird. Sie überzeugte ihren Mann, es zu lesen – und trotz anfänglicher Skepsis war auch Verhoeven bald an Bord.
Paul Verhoeven hatte keine Lust auf "RoboCop"
Seine Verpflichtung sollte sich sowohl für das Studio als auch den Regisseur selbst als Glücksgriff erweisen. Die Produzenten ließen Verhoeven bei der Umsetzung weitgehend freie Hand – dieser nutzte seine kreative Freiheit, um den Stoff als Satire auf Konzernmacht und Medien sowie als Reflexion über Identität anzulegen. Zugleich trieb er den Gewaltpegel in die Höhe. Dieses Risiko zahlte sich am Ende aus: „RoboCop“ wurde nicht nur von der Kritik überwiegend gelobt, sondern schlug auch an den Kinokassen ein. In den Jahren darauf entstanden zwei Fortsetzungen, mit denen Verhoeven allerdings nichts mehr zu tun hatte.
Ich habe den Film übrigens erst kürzlich im Rahmen einer 35mm-Kinovorstellung wiedergesehen und war einmal mehr verblüfft davon, wie organisch Subversion und Genre-Kino hier ineinandergreifen – denn „RoboCop“ lässt sich auch schlichtweg als brachiale, überaus effektvoll inszenierte Sci-Fi-Action genießen. Das gilt übrigens auch für „Starship Troopers“ (1997), dem ich ebenfalls vor wenigen Wochen auf der großen Leinwand wiederbegegnet bin.
"Starship Troopers": damals missverstanden, heute Kult
In diesem Fall war die Rezeptionsgeschichte jedoch eine andere: Während etwa die französische Regie-Legende Jacques Rivette („Die schöne Querulantin“) die Hintergründigkeit des Films schon damals erkannte, warfen zahlreiche Kritiker*innen dem Film vor, Militarismus zu verherrlichen und eine faschistoide Ästhetik zu bedienen.
Erst im Laufe der Jahre setzte sich die Lesart durch, dass Verhoeven ganz bewusst mit propagandistischen Stilmerkmalen arbeitete, um deren Verführungsmechanismen im Rahmen eines (erneut überaus brutalen) Menschen-gegen-Alienkäfer-Blockbusters offenzulegen. Ich reihe mich irgendwo in der Mitte ein: Zu den Qualitäten von „Starship Troopers“ gehört in meinen Augen, dass er Patriotismus und Kriegstreiberei zwar karikiert, das daraus entstehende Spektakel aber durchaus selbst genießt – und dadurch bis zu einem gewissen Grad immer uneindeutig bleibt.
Verhoevens drittes Sci-Fi-Projekt war 20 Jahre lang in der Entwicklung
Zwischen „RoboCop“ und „Starship Troopers“ hat Verhoeven aber noch einen dritten Science-Fiction-Film gedreht, der heute zu den absoluten Highlights des Genres gezählt wird: Die Rede ist natürlich von „Total Recall“ (1990) mit Arnold Schwarzenegger, einer freien Adaption der von Philip K. Dick verfassten Kurzgeschichte „We Can Remember It for You Wholesale“. Der Film spielt im Jahr 2084 und erzählt von dem Bauarbeiter Douglas Quaid, der sich künstliche Erinnerungen an einen Urlaub auf dem Mars implantieren lassen möchte – und dadurch in eine Verschwörung gerät.
Bevor Verhoeven das Projekt übernahm, befand es sich übrigens bereits seit fast zwei Jahrzehnten in der Entwicklung – die verschiedenen Stationen bis zur Realisierung haben wir euch in einem anderen Artikel zusammengefasst. In jedem Fall hatte sich die lange Wartezeit gelohnt: Auch „Total Recall“ war ein Box-Office-Hit, und in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik gab es die seltene Maximalwertung von fünf Sternen. Im Text heißt es, der Film dürfe „zum Allerbesten des Science-Fiction-Genres gezählt werden“.
Verhoeven war also für gleich drei (!) absolute Genre-Highlights gedreht – vor diesem Hintergrund überrascht es, dass der „Benedetta“-Macher nach eigenen Aussagen mit Science-Fiction rein gar nichts am Hut hat. Im Gespräch mit Ain't It Cool News gestand er:
„Offen gesagt bin ich überhaupt kein Science-Fiction-Fan. Um ehrlich zu sein: Ich hasse Science-Fiction.“ Er habe nur deshalb bei so vielen Vertretern dieser Gattung Regie geführt, „weil die anderen Projekte, die man mir angeboten hat, noch viel schlechter waren“ (via Far Out Magazine).
Zugleich verriet er, dass „RoboCop“, „Basic Instinct“ und „Starship Troopers“ seine einzigen US-amerikanischen Filme seien, hinter denen er wirklich stehe – „der Rest war deutlich schlechter“. Da hätten ihm damals sicher nicht allzu viele Menschen widersprochen – schließlich erntete vor allem eine seiner Regiearbeiten nahezu ausschließlich Verrisse und avancierte auch an den Kinokassen zum Desaster. Mittlerweile gilt der Film jedoch in Teilen als rehabilitiert. Ich zum Beispiel liebe ihn – und auch Quentin Tarantino war begeistert, wie ihr im folgenden Artikel lesen könnt:
"Verdammt großartig": Quentin Tarantino feiert diesen Mega-Flop – obwohl er lange als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten galt!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.