"Plötzlich wird man sich bewusst, wozu ein einzelner Mensch fähig ist": Wir sprechen mit Gore-Meister Eli Roth über "Ice Cream Man"

FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler hatte die Möglichkeit, Horror-Legende Eli Roth am Set von „Ice Cream Man“ zu besuchen. Wir wollten wissen, woher seine Faszination für praktische Effekte kommt – und wie er eigentlich zur „Terrifier“-Reihe steht.

Am 6. August 2026 ist mit „Ice Cream Man“ der neue Film von Gore-Meister Eli Roth in den Kinos gestartet. FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler hatte die Möglichkeit, Regisseur Eli Roth während eines Set-Visits über die Schulter zu schauen – und ganz nah am blutigen Treiben zu sein (den ganzen Set-Visit-Bericht findet ihr hier). Doch am ersten Tag gestalteten sich die Szenen allesamt noch sehr harmlos. Sogar so harmlos, dass der Regisseur sich sofort dafür entschuldigte, dass heute „noch niemand umgebracht wurde“.

Im anschließenden Gespräch wollten wir wissen, warum Eli Roth seine Ideen eigentlich immer so ewig reifen lassen muss, bis er sie schlussendlich auf die Leinwand hievt, wie er über die neue Terror-Welle der „Terrifier“-Filme denkt und ob wir vielleicht doch noch eine Spielfilm-Version von „The Piano Killer“ erwarten können. Doch zuallererst wollten wir wissen, ob es in den USA eigentlich überhaupt noch Eis-Trucks gibt – und warum wir so eine diebische Freude daran haben, Kindheitserinnerungen in Horrorfilm-Albträume zu verwandeln.

Eli Roth und FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler Privat
Eli Roth und FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler

FILMSTARTS: Gibt es in den USA eigentlich noch Eiswagen – oder ist das ein Relikt aus deiner Kindheit?

Eli Roth: Ja, die gibt es überall. Ich weiß das, weil sie im Sommer überall auftauchen. Aktuell scheinen sogar einige gruselige Eiswagen um Mitternacht durch die Straßen zu fahren. Es gibt sogar einige YouTube-Videos dazu. Und alle denken, dass ich dahinterstecke und virales Marketing betreiben würde. Das stimmt aber gar nicht [lacht].

FILMSTARTS: In Horrorfilmen werden Kindheitserinnerungen gerne pervertiert – und so wird aus dem Eiswagen plötzlich ein Schreckens-Mobil. Warum macht es uns so teuflisch viel Spaß, unsere eigenen Kindheitserinnerungen durch den Horror-Fleischwolf zu drehen?

Eli Roth: Das weiß ich auch nicht genau. Es ist, als ob es etwas sehr Urtümliches und Befriedigendes daran gäbe, diese glücklichen Erinnerungen zu nehmen und etwas sehr Perverses, etwas Schreckliches damit anzustellen. Wie die Unschuld eines Eiswagens. Es geht wirklich darum, wie wir diesen Erwachsenen einfach vertrauen, die in die Nachbarschaft fahren und jedem, den man kennt, Eis geben. Es gibt einfach eine Art stillschweigende Vereinbarung, dass es sicher ist, Eis von einer fremden Person zu kaufen. Und die Vorstellung, dass jemand dir etwas untermischen würde, das nicht nur gefährlich ist, sondern dich regelrecht in den Wahnsinn treibt, ist einfach erschreckend.

FILMSTARTS: Ein gutes Eis kann einen schon verrückt machen – aber meist auf eine gute Art und Weise.

Eli Roth: Das stimmt, auf eine gute Art und Weise. Aber das hier geht noch einen Schritt weiter. Als ich ein Kind war, gab es so etwas wie die Tylenol-Panik, die ich nie vergessen werde. Das ist der Grund, warum man heute Tabletten in Folie verpackt, denn es gab einen Fall, wo Kopfschmerzmedizin von jemandem vergiftet wurde. Also wurden plötzlich alle Medikamente mit einer Folienverpackung versehen, damit man sehen konnte, ob sich jemand daran zu schaffen gemacht hat. Man glaubte vorher nicht daran, dass jemand jemals etwas so Schreckliches tun würde. Solche Dinge haben die Kultur verändert. Plötzlich wird man sich bewusst, wozu ein einzelner Mensch fähig ist.

FILMSTARTS: Wie bist du eigentlich auf die Idee zu „Ice Cream Man“ gekommen? Das ist ja schon ein wirklich durchgeknallter Horrorfilm.

Eli Roth: Das ist ein Projekt, das ich schon lange im Kopf habe. Ich habe die Geschichte geschrieben, und dann habe ich meinen Freund Noah Belson, mit dem ich meine Animationsfilme „Chowder Heads“ und „The Rotten Fruit“ gemacht habe, gebeten, einen Entwurf zu schreiben. Das war direkt nach „Cabin Fever“. Er wusste leider nicht, wie man für ein Low-Budget-Projekt schreibt, also hat er es zu groß angelegt. Dann habe ich aber erst einmal „Hostel“ gedreht, und hab es erst einmal beiseite gelegt. Aber es gab schon seit 2006 ein Drehbuch, also schon sehr lange.

Als ich mein Produktionsstudio The Horror Section gegründet habe und über einen Film nachdachte, mit dem ich die Firma starten könnte, wollte ich einen Low-Budget-Film drehen, der mich an meine Anfänge erinnert. An Produktionen wie „Cabin Fever“, „Hostel“ und „The Green Inferno“. Etwas, das einfach total verrückt ist, das die Studios niemals drehen würden, das ich aber mit all dem – allem, was ich jetzt weiß – umsetzen könnte. Ich wollte einen total verrückten Film machen mit dieser Eisverkäufer-Figur und Kindern, die völlig durchdrehen. Es sollte so werden wie „Die Vögel“, nur mit Kindern statt Vögeln.

Auch StudioCanal
Auch "Ice Cream Man" lag schon länger in der Schublade.

FILMSTARTS: Auch „Thanksgiving“ hattest du schon seit 30 Jahren im Kopf. Warum müssen deine Filmideen bei dir so lange reifen?

Eli Roth: Es ist wie bei einem guten Wein, da sollte man auch nichts überstürzen. Weißt du, wenn du einen 89er Mouton willst, dann trinkst du ihn auch nicht in dem Jahr, in dem er hergestellt wurde. Der Wein muss erst reifen. So stelle ich mir das mit meinen Filmen auch vor. Man hat ein Bild oder eine Idee, und man hat eine Sequenz oder eine Szene, und man weiß nicht, wie das alles zusammenpassen soll. Man denkt darüber nach und dann vergisst man die Idee wieder. Stell es dir wie eine alte Beziehung vor. Du weißt schon, du denkst an eine Freundin, die du hattest, als du jünger warst. Du bist total besessen von ihr, dann trennt ihr euch, dann denkst du an sie, dann kommt ihr wieder zusammen. Ich meine, jetzt bin ich verheiratet, aber es ist wirklich wie bei den alten Beziehungen: Sie kommen wieder zu dir zurück.

Es sind einfach Ideen, die dich nachts nicht schlafen lassen. Es ist, als würde jemand einem in den Hinterkopf piksen und sagen: „Hey, hey, hey, erinnerst du dich an mich? Ich bin eine gute Idee!“ Und ich dachte mir tatsächlich: „Na gut, dann schreibe ich das einfach als Roman.“ Also fing ich an, einen Roman zu schreiben. Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares geschrieben, wollte es aber unbedingt ausprobieren. Als The Horror Section langsam Gestalt annahm, hatte ich etwa 15 Ideen, die ich den Leuten zeigte. Und die mit Abstand beliebteste Idee war „Ice Cream Man“.

FILMSTARTS: Einige deiner Ideen sind auch den Fake-Trailern entsprungen. Ich liebe „The Piano Killer“ (schaut den Fake-Trailer hier auf YouTube). Gibt es eine Chance, dass wir davon eine Spielfilm-Umsetzung bekommen?

Eli Roth: Ich finde die Idee eines „Piano-Killers“ großartig. Ich weiß nur nicht, wie man das 90 Minuten lang durchziehen soll. Wir haben aber ein paar Ideen. Vielleicht mache ich auch einfach weiter mit den Fake-Trailern. Schon allein beim Drehen ist es eine unglaublich unpraktische Waffe. Wir haben Klaviere gebaut, sie 40 Fuß in die Luft gehoben und dann herunterfallen lassen. Um das tatsächlich umzusetzen, braucht man etwa 4 Stunden. Wenn man das also wirklich jemandem antun wollte, würde das tagelange Planung erfordern. Man muss es im genau richtigen Moment tun, was ja irgendwie den Reiz des Klavierkillers ausmacht. Man stellt sich unweigerlich die Frage, wie er das bloß macht. Es ist ein Giallo, nur dass er Klaviere statt eines Messers benutzt.

FILMSTARTS: Wie stehst du eigentlich zur „Terrifier“-Reihe? Glaubst du, dass der kommerzielle Erfolg der Filme den Weg für eine neue Welle extrem brutaler Genrefilme geebnet hat?

Eli Roth: Ich glaube, „Terrifier“ war einfach der richtige Film zur richtigen Zeit mit dem richtigen Regisseur. Was Damien [Leone] und sein Team auf die Beine gestellt haben, war ein unglaublicher Film, der genau den kulturellen Moment eingefangen hat, der damals gebraucht wurde. Und er hat gezeigt, wie mainstreamtauglich Gore ist. Einen Film ohne Altersfreigabe in die Kinos zu bringen und damit weltweit 100 Millionen Dollar einzuspielen, hat einfach bewiesen, woran ich schon immer geglaubt habe: Es gibt ein großes Publikum für diese wirklich harten Filme. Und so fiel es mir viel leichter zu sagen, dass ich „Ice Cream Man“ so hart wie möglich machen werde.

Art hat Gore Mainstream-tauglich gemacht. Tiberius Film
Art hat Gore Mainstream-tauglich gemacht.

FILMSTARTS: Wo wir gerade von „Terrifier“ sprechen: Du liebst es ja schon sehr, dein Publikum zu quälen – gab es jemals einen Film, den du dir nicht bis zum Ende anschauen konntest?

Eli Roth: Eigentlich nicht. Vielleicht „America’s Sweethearts“ mit Billy Crystal [lacht].

FILMSTARTS: Okay, das ist natürlich eine ganz andere Art von Folter. Du hast also eine große Vorliebe für praktische Spezialeffekte. Woher kommt die?

Eli Roth: Nun, ich mag Zaubertricks, und weißt du, wenn man einen Zaubertrick gesehen hat und jemand in echt, live vor den eigenen Augen, in zwei Hälften zersägt wurde, fand ich das immer faszinierend. Aber ich liebe es einfach. Ich mag es, wenn man den Trick persönlich vorführen kann, und wenn Leute einen künstlichen Kopf und künstliches Blut herstellen, finde ich das viel wirkungsvoller. Weißt du, ich habe nichts gegen CGI, aber – und manchmal braucht man es auch –, es ist toll, etwas nachbessern zu können. Man kann winzige kleine Änderungen vornehmen, um es so hinzubekommen, wie man es will oder wie man es sich vorgestellt hat, aber es geht einfach nichts über Carrie, die auf dem Abschlussball blutüberströmt ist.

Es gibt einen Grund, warum das so ikonisch ist: Wenn man sieht, wie eine andere Figur das durchmacht, spürt man es. Und ich denke, die besten Horrorfilme lassen einen wirklich etwas fühlen. Und wenn es CGI ist, weiß man auf einer bestimmten Ebene, dass sie es nicht wirklich getan haben. Es ist ihnen nicht wirklich passiert. Wenn jemand in zwei Hälften gerissen wird oder ein Körper per CGI gespalten wird, wirkt es einfach wie ein Videospiel. Aber wenn eine tolle Puppe in zwei Hälften gesägt wird und das Blut über die Schauspieler spritzt und es ekelhaft ist, weiß man, dass es eine richtige Sauerei war.

Stefan Geisler
Stefan Geisler
-Redakteur
"Tanz der Teufel 2" und ein manisch-lachender Bruce Campbell haben Stefans Horror-Herz gestohlen. Seitdem kann er nicht mehr ohne: "Der Babadook", "Halloween" und "The Lords of Salem" - Horrorfilme gehören für Stefan einfach zu einem guten Filmabend.
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren