Wenn Eli Roth einen neuen Film dreht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es blutig wird. Und auch der erst mal unschuldig klingende „Ice Cream Man“ wird heftig, das machte mir bereits mein Set-Visit im kanadischen Toronto klar, zu dem ich von StudioCanal eingeladen wurde. Als Fan des Regisseurs konnte ich mir eine solche Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen. Dass sie zugleich meine erste Reise nach Nordamerika werden würde, machte die Einladung umso reizvoller. Was ich allerdings nicht ahnte: Neben jeder Menge Kunstblut und fiesen Schocker-Szenen erwarteten mich dort auch eine Wespenplage und jede Menge Regen.
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Wer „Ice Cream Man“ bislang noch nicht kennt, bekommt hier erst einmal eine kurze Inhaltsangabe: Die beschauliche US-Kleinstadt Bayleen Bay wird von einem merkwürdigen Gast heimgesucht. Ein geheimnisvoller Eisverkäufer (Ari Millen) verteilt seine Süßigkeiten an die Kinder. Was zunächst wie eine harmlose Geste wirkt, entpuppt sich schon bald als tödliche Bedrohung. Kurz nach dem Verzehr der Naschwaren häufen sich verstörende Vorfälle, die den einst so friedlichen Ort ins Chaos stürzen, denn die Kinder verwandeln sich in blutrünstige Killermaschinen.
Während meines Set-Visits in Toronto wurde die Handlung allerdings noch streng unter Verschluss gehalten – und so bekam ich nur skizzenhaft umschrieben, worum es in dem Film eigentlich ging. Meine größte Verwunderung entsprang der Tatsache, dass „Ice Cream Man“ in Kanada gedreht werden sollte, während der Film doch in einem amerikanischen Vorort spielt. Doch diese Unstimmigkeit sollte schon bald Sinn ergeben, denn Drehs in Kanada sind derzeit nicht nur günstiger, auch wirken die dortigen Vorstädte oft amerikanischer als viele US-Suburbs selbst, wie mir mehrere Crewmitglieder versicherten.
Wiedersehen mit Eli Roth
Mein erster Tag am Set von „Ice Cream Man“ begann gleich mit einem Dämpfer, denn für den ganzen Tag wurde Regen angekündigt. Bei unserem ersten Drehstopp machte dies allerdings keinen Unterschied, denn hier wurde in dem Biker-Treff und Barbershop „Flying Squirrel“ gedreht, der zu einem Heimwerker-Laden umdekoriert wurde. Die dort gedrehte Szene gestaltete sich noch erstaunlich unblutig. Zwei Kinder kaufen in dem Laden ein. Nett, aber natürlich nicht das, was man erwartet, wenn man an einem Eli-Roth-Set vorbeischaut.
Immerhin begrüßte mich im Anschluss Eli Roth höchstselbst – und nahm sich die Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten. Er erzählte mir, dass das Drehbuch zu „Ice Cream Man“ in Grundzügen bereits seit dem Jahre 2003 existiert und er die Idee anfänglich als Roman umsetzen wollte. Doch nachdem er seine eigene Produktionsfirma „The Horror Section“ ins Leben gerufen hatte, entschloss er sich, diesen Film zum Startprojekt des Unternehmens werden zu lassen.
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Über den genauen Inhalt des Films wollte er mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel verraten. Verschwörerisch ließ er mich wissen, dass es sich bei „Ice Cream Man“ um eine abgewandelte Version von Alfred Hitchcocks Horror-Klassiker „Die Vögel“ handeln würde – aber mit blutrünstigen Kindern statt Vögeln. Inzwischen gibt es ja auch die ersten verstörenden Trailer – und die lassen schon etwas deutlicher durchscheinen, was er damit gemeint hat –, auch wenn ich den Vergleich noch immer wild finde.
Wespenplagen und ein wunderschönes Gespräch mit Ari Millen
Als nächster Punkt der Tagesordnung stand ein Interview mit Hauptdarsteller Ari Millen auf dem Programm, der in „Ice Cream Man“ den schaurigen Eisverkäufer spielt. Fans der Serie „Orphan Black“ dürften mit dem Gesicht des kanadischen Schauspielers bestens vertraut sein, denn hier verkörpert er Mark Rollins – und seine Klone. Doch bevor das Interview in einem örtlichen Park überhaupt losgehen konnte, gab es ein anderes Problem. Die Schlechtwetterfront hatte sich zwar verzogen – dafür tummelten sich nun Hunderte Wespen in der Luft. Auf Nachfrage erklärte man mir, dass das für Toronto um diese Jahreszeit normal sei – es momentan aber besonders schlimm wäre.
Und tatsächlich waren sie überall: Egal, wo man sich hinsetzen oder seine Sachen ablegen wollte, waren Wespen. Notgedrungen wurde das Interview mit Ari Millen dann in den „Ice Cream Man“-Van verlegt. Vielleicht war die gemeinsame Flucht vor den Wespen ein guter Eisbrecher, denn selten habe ich so ein freundschaftlich-lockeres und im positivsten Sinne ausuferndes Interview geführt. Über eine halbe Stunde sprach ich mit Ari Millen über den Film und dessen Interpretation seiner Rolle. Er erzählte mir von der möglichen Herkunft des Eisverkäufers, der seiner Meinung nach sogar aus „Ostdeutschland“ oder aus einem kriegsgebeutelten Land kommen könnte, und nach Amerika ausgewandert sei, um Kindern mit seinem Eis eine Freude zu machen. Dass er durch unberechtigte Anschuldigungen der Eltern im Gefängnis landete, hätte die Figur jedoch gebrochen. Aus diesem Konflikt entsteht eine Geschichte, in der er große Parallelen zum „Rattenfänger von Hameln“ erkennt - und sie als eine skurrile und äußerst grausame Mischung aus „Kevin – Allein zu Haus“ und „28 Days Later“ beschreibt.
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Zudem verriet Ari Millen mir noch, dass die Arbeit an „Ice Cream Man“ eine ganz besondere Herausforderung für ihn gewesen sei, denn der blasse Eismann spricht in dem Film nicht. Gerade das Casting war wohl eines der „seltsamsten Vorsprechen“, das der Schauspieler jemals absolviert hatte: Es wurden lediglich verschiedene Blicke und Gesichtsausdrücke aufgezeichnet, dann musste er ein „schreckliches Geräusch“ machen und die Melodie eines Eiswagens singen. Anscheinend hat er diese merkwürdige Herausforderung aber mit Bravour gemeistert.
Nass – aber glücklich!
Den Rest des Tages verbrachten wir dann am regnerischen Außen-Set im Park und sahen die Szene, in der der diabolische Eisverkäufer seine kalte Ware an die Kinder der Stadt verteilt. Besonders spannend: Obwohl der Regen wieder einsetzte und es teilweise ordentlich prasselte, wurde gedreht. Das Set wurde mit einer wasserdichten Abdeckung überdacht, sodass trotz aller Widrigkeiten die Kameras laufen konnten. Leider hatte ich keinen Schirm dabei – und so war ich nach einiger Zeit selbst klatschnass und musste mich irgendwann komplett durchnässt ins Hotel zurückfahren lassen.
Zwei Szenen haben sich bei mir an diesem Tag noch in den Kopf gebrannt. Die eine spielte sich während der gemeinsamen Mittagspause mit der Crew ab: Die Kinderdarsteller*innen, die am nächsten Tag für reichlich blutiges Chaos am Set sorgen sollten, diskutierten begeistert über „Peppa Pig“, während sich ihre Eltern über glutenfreies Essen austauschten. Eine völlig normale Alltagsszene, die am Set eines Eli-Roth-Films jedoch erstaunlich surreal wirkte. Irgendwie schön zu sehen, dass zwischen all dem Wahnsinn auch noch Platz für die ganz alltäglichen Dinge ist.
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Und zum anderen Eli Roths Outfit. Der Mann, den ich seit Jahren als den Meister des Gore kenne und der in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ als Bärenjude Jagd auf Nazis macht, leitete im Jack-Wolfskin-Dad-Look die Dreharbeiten. Das ist grundsympathisch und durchaus verständlich – auch ich trage gerne äußerst bequeme Klamotten bei der Arbeit. Und doch denke ich an diesen Moment auch oft mit ein bisschen Wehmut, denn irgendwie zeigt er mir, dass auch meine Helden von damals älter geworden sind.
Jetzt wird es blutig
Für den zweiten Tag wurde mir dann auch endlich Blut versprochen. Gedreht wurde in einer kanadischen Vorortsiedlung. In einem der Häuser hatte sich das Produktionsteam breitgemacht und über einen Kontrollmonitor im Wohnzimmer bekam ich dabei einen guten Blick auf die fiesen Szenen, die gerade im Obergeschoss gefilmt wurden. Hier malträtierten gerade zwei Kinder ihren Vater mit einem Zahnbohrer – den sie ihm gnadenlos ins Ohr rammten.
Natürlich entzaubert der Blick hinter die Kulissen auch immer ein wenig – denn selbst die kleinsten Szenen werden teilweise dutzendfach wiederholt. So habe ich an diesem Tag wohl gut 30 Aufnahmen davon gesehen, wie der Vater aus dem Bett hochschreckt und mit seinem Kopf gegen eine Pfanne knallt. Gleichzeitig kreieren solche Set-Visits aber auch immer herrlich absurde Momente: Nachdem zwei Kinder zuvor gerade noch mit Horror-Schminke im Gesicht auf dem Monitor ihren Dad gequält haben, kamen diese im nächsten Moment lachend und tanzend die Treppe herunter. Offenbar hatten die jungen Schauspieler*innen während der Dreharbeiten einen Heidenspaß.
StudioCanal
Als letzte Station des Set-Visits stand noch ein kurzer Besuch bei Steve Newburn an. Der Spezialeffekt-Experte hat schon an Filmen wie Ari Asters „Beau Is Afraid“, „The Dark Knight Rises“ oder „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ mitgearbeitet. Sein Arbeitsplatz – ein Anhänger am Set-Stützpunkt – war nichts für schwache Nerven. Überall lagen blutige Körperteile, abgetrennte Köpfe und andere fiese Requisiten herum, die bei Eli Roths „Ice Cream Man“ zum Einsatz kamen. Im Gespräch verriet mir Steve Newburn, dass er einen höllischen Spaß daran gehabt hätte, Gore-Gags auf Kinderspiel-Basis in den Film einzubauen. Besonders die Szene, in der Kinder „Dr. Bibber“ am lebenden Objekt nachspielen, hätte es ihm angetan, ebenso eine Sequenz, in der Eingeweide kurzerhand zur Springseilschnur umfunktioniert wurden.
Und genau diese Fiesheiten, die dort im Wagen des Spezialeffekt-Teams herumlagen, machen mir Lust auf „Ice Cream Man“. Wenn hier Kinder nach einem üblen Gewaltakt gegen ihre Eltern den Floss tanzen (ich frage mich noch immer, ob es diese Szene tatsächlich so in den fertigen Film geschafft hat), dann ist das genau die Eli-Roth-Unterhaltung, die ich erwarte: Eine bitterböse Splatter-Orgie mit einem kleinen bisschen Gesellschaftskritik, die sich dabei selbst nie zu ernst nimmt. Ob „Ice Cream Man“ am Ende wirklich so verrückt wird, wie es mein Besuch am Set vermuten lässt, erfahren wir ab dem 6. August 2026. Nach zwei Tagen zwischen Wespen, Regen, Jack-Wolfskin-Jacken, Kunstblut und abgetrennten Körperteilen freue ich mich jedenfalls mehr denn je darauf.