Satoshi Kon gehört zu den ganz großen Anime-Regisseuren. Leider ist der Filmemacher bereits 2010 verstorben – und Zeit seines Lebens hat er gerade einmal vier vollständige Spielfilme inszeniert. Doch diese sind allesamt genial – und haben auch bereits andere große Künstler inspiriert. Christopher Nolan dürfte sich visuell bei seinem Sci-Fi-Kracher „Inception“ in einigen Szenen ziemlich stark an „Paprika“ orientiert haben – auch wenn er das bis heute nie offiziell zugegeben hat.
Auch Darren Aronofsky hat in „Requiem for a Dream“ und „Black Swan“ dem Anime-Meister Tribut gezollt, denn seine Dramen weisen inhaltliche und visuelle Parallelen zu „Perfect Blue“ auf. Das ist auch kein Wunder, schließlich ist Aronofsky großer Fan der Vorlage und hatte sich sogar die Rechte am Anime-Meisterwerk gesichert, um eine Realverfilmung umzusetzen.
Und zumindest ich kann seine Faszination für „Perfect Blue“ komplett verstehen. Der Stalker-Thriller ist nicht nur eine hochspannende Auseinandersetzung mit toxischem Personenkult, die zunehmend die Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen lässt, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf den Umgang mit jungen Künstlerinnen im knallharten Showgeschäft. Wer den Anime-Klassiker noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt nachholen. Aktuell findet ihr ihn beispielsweise bei Streaming-Anbietern wie Amazon Prime Video, wo ihr ihn gegen eine Gebühr leihen könnt:
Und darum geht es in "Perfect Blue"
Mima Kirigoe ist Sängerin der mäßig erfolgreichen Girlgroup „Cham“. Auf Anraten ihres Agenten beschließt sie, ihre Musikkarriere hinter sich zu lassen und sich als Schauspielerin zu versuchen. Tatsächlich ergattert sie eine Rolle in einer TV-Serie, die jedoch so gar nicht zu ihrem bislang unschuldig-kindlichen Image passen will. Während ihre Managerin Rumi, die einst selbst von einer Karriere als Sängerin träumte, die Entscheidung missbilligt, sehnen sich auch Mimas Fans nach ihrem alten Idol im rosa Kostüm zurück. Verunsichert durch ihre Schuldgefühle gegenüber den ehemaligen Bandkolleginnen und zunehmend geplagt von Selbstzweifeln, gerät Mima immer stärker unter Druck.
Zu allem Überfluss scheint ihr auch noch ein fanatischer Fan nachzustellen, dessen unheilvolles Grinsen sie immer wieder zu sehen glaubt. Als schließlich die erste Person aus ihrem Umfeld brutal ermordet wird, gerät Mimas ohnehin fragile Realität vollends ins Wanken. Schon bald weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann – und ob die Bedrohung tatsächlich von außen kommt oder vielleicht in ihrem eigenen Kopf beginnt.
Ein spannendes Zeitdokument – das noch immer fesselt
„Perfect Blue“ funktioniert auch als Zeitkapsel der späten 1990er hervorragend – einer Zeit, in der das Internet immer stärker auf dem Vormarsch und tatsächlich noch „Neuland“ war. Einen Computer im Haus zu haben, war noch keine Selbstverständlichkeit – und so gehört auch die Entdeckung des neuen digitalen Zeitalters und die Auseinandersetzung mit dem „gläsernen Menschen“ zu den Themen, die im Anime-Meisterwerk behandelt werden.
Zudem wird hier auch der Umgang mit jungen Künstler*innen behandelt, von denen viele nach wie vor von der Industrie gnadenlos ausgebeutet werden - oder am öffentlichen Druck zugrunde gehen. „Perfect Blue“ spielt hier sehr offensichtlich auf den tragischen Tod der einistigen Pop-Hoffnungsträgerin Yukiko Okada an, die 1986 durch Suizid verstarb. Leider kein Einzelfall in Japan - bis heute gibt es immer wieder Fälle von Stars, die sich aufgrund des Leistungsdrucks, öffentlicher Kritik oder Stalkern aus dem öffentlichen Leben zurückziehen - oder sich sogar das Leben nehmen.
Doch der eigentliche Fokus von „Perfect Blue“ liegt in der Verschmelzung von Wahn, Traum und Wirklichkeit, die hier sowohl erzählerisch als auch visuell vollzogen wird. Es ist als Zuschauer*in gar nicht mehr so einfach, die verschiedenen Ebenen in Einklang zu bringen – und so verliert man ähnlich wie die Hauptfigur nach und nach jedwedes Gefühl für Zeit und Raum – und gleitet fast hilflos durch das Geschehen. Dass es für all diesen Wahnsinn sogar eine einleuchtende Lösung gibt, die beim mehrmaligen Schauen sogar bereits schlüssig angedeutet wird, ist wahrscheinlich eine der größten Stärken des Films.
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