Die unmittelbare Nachkriegszeit ist Thema zahlreicher deutscher Filme, und das aus nachvollziehbarem Grund, bietet sie doch fruchtbaren Nährboden für Erzählungen voller zwischenmenschlicher wie gesellschaftspolitischer Konflikte. In der mit ihr verbundenen Kulisse aus einem Land in Schutt und Asche lässt sich, reich an Fallhöhe, über die theoretische Notwendigkeit eines Neubeginns sinnieren.
Zugleich lässt sich mit diesem historischen Setting eindringlich davon berichten, wie schwer solch ein Neuanfang ist – aufgrund klaffender Wunden politischer, emotionaler und persönlicher Natur. Ein Film, der sich diesem Zeitabschnitt deutscher Historie und besagtem Themenkomplex auf vielschichtige, spannende und emotional mitreißende Weise nähert, ist Christian Petzolds „Phoenix“ aus dem Jahr 2014.
Heute, am 26. August 2026, läuft „Phoenix“ ab 20.15 Uhr bei arte. Darüber hinaus ist der Film, ebenso wie eine umfangreiche Auswahl an anderen Regiearbeiten Petzolds, derzeit in der arte-Mediathek zu finden.
Darum geht es in "Phoenix"
Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Nelly Lenz (Nina Hoss) hat das Konzentrationslager überlebt, ist dem Horror jedoch nur mit schweren Verletzungen entkommen. Lene (Nina Kunzendorf), eine Freundin aus der Vorkriegszeit und Mitarbeiterin der Jewish Agency, bringt ihre Glaubensgenossin nach Berlin, wo sie sich einer intensiven Gesichtsoperation unterzieht. Kaum von dieser Prozedur genesen, begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) – und das obwohl (oder etwa gerade weil) Lene befürchtet, dass er es war, der Nelly an die Nazis verriet.
Als sich die frühere Sängerin Nelly und der ehemalige Klavierspieler Johnny im Nachtclub Phoenix treffen, erkennt er sie nicht – verwickelt sie aber in einen perfiden Plan: Er schlägt ihr vor, sich als seine von ihm totgeglaubte Frau auszugeben, damit er an ihr Erbe gelangt. Ein gespenstisches, doppeltes Identitätsspiel setzt sich in Gang, in dessen Zuge dornige, verwirrende Gefühle aufkeimen...
Die historische Geisterstunde und der unmögliche Neustart
Zwar findet sich in Petzolds Filmografie kein konventioneller Horrorfilm, allerdings zieht sich eine Anmutung des Gespenstischen wie ein roter Faden durch sein Schaffen: Der „Transit“-Regisseur erzählt mit spürbarer Vorliebe von Figuren, die ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld, ihren gesellschaftlichen Strukturen oder ihrem kulturellen Zeitgeist entrückt sind und einer rastlosen Erscheinung gleich umher spuken, ihren angestammten Platz und Ruhe suchend.
Dieses Faible Petzolds mit der Geschichte einer Holocaust-Überlebenden zu vereinen, birgt arge Risiken. Kann eine an Alfred Hitchcocks „Vertigo“ angelehnte Geschichte über eine Jüdin, die einem Irrlicht gleich durch Schutt und Asche des Nachkriegsdeutschlands wandert, doch leicht einen abgeschmackten Beiklang erlangen. Dem Autorenfilmer ist es aber gemeinsam mit seinem Schreibpartner Harun Farocki („Die innere Sicherheit“) gelungen, seine wiederkehrenden Themenideen mit immenser, feinfühliger Emotionalität und intellektueller Fülle in dieses Sujet einzuarbeiten.
Petzold und Farocki entwerfen die „Trümmerjahre“ als filmische und gesellschaftliche Geisterstunde, in der Hoffnung auf eine humanere Zukunft, konstante Verleugnung unübersehbarer Schrecken und die Tragik unter abscheulichen Umständen ausgelöschter Leben dicht an dicht existieren. Auf direkter, menschlich-emotionaler Ebene nutzen sie dies für die tragisch-poetische Geschichte einer Frau, die mit dem, was ihr angetan wurde, nicht abschließen kann und sich geisterhaft der Lösung ihrer emotionalen Beklommenheit nähert.
Vergessen, Ignorieren, Heimsuchen – Hoss gibt als sich dem letztlichen Ziel entgegen schleppendes, menschgewordenes Phantom (oder doch als phantomgewordener Mensch) die wohl beste Performance ihrer Karriere, voller mikroskopisch kleiner Nuancen, die jedoch gewaltiges Echo hervorrufen.
Auf thematischer Ebene wird indes abseits der üblichen, abgegriffenen Motive von den tiefen, seelischen Narben auf Seiten der Opfer berichtet. Beispielsweise, indem sich im Gespräch zwischen Nelly und Lene klärt, dass sie aufgrund ihres Traumas keine Lieder in deutscher Sprache mehr hören können. Zugleich werden der gesellschaftliche Opportunismus der Nachkriegszeit und das verlogene Engagement, die Kriegs- und Holocaust-Schrecken auszublenden, mit der Penetranz tausender kleiner Nadelstiche vorgeführt.
Somit ist „Phoenix“ auch ein mit gespenstischer Unbequemlichkeit und der schweren, sich um den letzte Hauch Fassung bemühenden Eleganz des Film-noir-Kinos vermittelter Abgesang auf konventionelles, deutsches Geschichtsverarbeitungskino: Den Band der historischen Gräueltaten zuschlagen, tabula rasa machen und ohne Re-Traumatisierung einen Neustart hinlegen – das ist unmöglich. Diesem Schreckgespenst von Erkenntnis muss man endlich ins Gesicht schauen.
Einen weiteren, aktuelleren Film von Christian Petzold stellen wir euch im folgenden Beitrag vor:
Wenige Monate nach Kinostart jetzt schon im Streaming-Abo: Das neue Meisterstück eines der besten deutschen Filmemacher unserer Zeit