Das Musicalgenre war seit jeher vielfältiger, als ihm diejenigen zugestehen, die sich nicht für diese schillernde, bewegte und fesselnde Kunstform erwärmen können. Trotzdem gab es bis in die frühen 1970er-Jahre hinein kein Filmmusical, das so direkt drastische Inhalte präsentierte wie „Cabaret“: Die Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks thematisiert auf erschütternde, aufwühlende Weise den Aufstieg des Nationalsozialismus und warnt eindringlich davor, solch einen Rechtsruck erneut zuzulassen.
Darüber hinaus geht es im umjubelten Klassiker entgegen früherer Genrestandards nicht in codierter, sondern in klarer Form um die Vielfalt der Sexualität. Das brachte „Cabaret“ in den USA vorübergehend die höchste Altersfreigabe ein (bis eine Neuprüfung erfolgte), und auch in Deutschland war die FSK-Freigabe ab 16 Jahren abseits der damals gewohnten Genrenorm. Falls ihr dieses vielfach preisgekrönte Ausnahmemusical, das inhaltlich von Fetisch bis Faschismus reicht, nachholen oder erneut erleben möchtet:
Derzeit bietet in Deutschland leider kein Streamingdienst den Titel zum Abruf an – sei es im Abo oder als Leih- und Kauf-VOD. Doch ihr könnt „Cabaret“ selbstredend auf DVD erwerben:
Darum geht es in "Cabaret"
Berlin während der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Die Bevölkerung lenkt sich durch Partys und Entertainment vom politischen Geschehen ab, etwa im ebenso berühmten wie berüchtigten Kit-Kat-Klub. Dort bezirzen allabendlich musikalische und erotische Acts das Publikum, zu dem der englische Sprachwissenschaftler Brian Roberts (Michael York) zählt, der schriftstellerische Ambitionen hegt.
Der größte Star des Klubs, die US-Amerikanerin Sally Bowles (Liza Minnelli), träumt wiederum von einer Karriere als ernstzunehmende Schauspielerin. Um dieses Ziel zu verwirklichen, lässt sie sich eiskalt berechnend auf allerlei Affären ein. Es ist aber ihr Techtelmechtel mit Brian, das wahre Gefühle in ihr hervorruft, während er ihr gegenüber zurückhaltend reagiert. Viel unsicherer als die Zukunft zwischen Sally und Brian ist aber all das, was sich vor den Türen des Klubs ereignet ...
Animalisch, tragisch, ausgezeichnet
Mit seinem mutigen, relevanten Themenmix und der von Regisseur Bob Fosse gewählten, konsequent unter die Haut gehenden Umsetzung überzeugte „Cabaret“ die zeitgenössische Filmkritik. So stellte der hoch angesehene Filmkritiker Roger Ebert lobend heraus, dass „Cabaret“ mit diesem harschen Stoff gekonnt das Klischee untergräbt, dass Musicals ihr Publikum glücklich machen müssten.
Die einflussreiche und prestigeträchtige Kritikerin Pauline Kael lobte zudem den „außerordentlichen Balanceakt“ Fosses, sich vom Berlin des Jahres 1931 kühl zu distanzieren, die Dekadenz der Figuren als „schmierig“ zu entlarven und dennoch eine „animalische Energie“ an den Tag zu legen. Auch bei der heutigen Filmpresse kommt „Cabaret“ stark an, weshalb der Klassiker tolle 92 Prozent bei Rotten Tomatoes aufweist.
Zu den zahlreichen Fans des Leinwandmusicals zählt übrigens „Fight Club“-Regisseur David Fincher, der ihn als einen seiner 26 Lieblingsfilme enthüllte (mehr dazu), und auch wir von FILMSTARTS sind schwer angetan, weshalb wir „Cabaret“ zu einem der besten Musicals aller Zeiten gewählt haben:
Die besten Musicals aller ZeitenBei den Academy Awards räumte „Cabaret“ ebenfalls ab: Das Musical wurde für zehn Oscars nominiert und gewann den begehrten Goldjungen in sogleich acht Sparten. Unter anderem bekamen Regisseur Bob Fosse, Hauptdarstellerin Liza Minnelli, Kameramann Geoffrey Unsworth und Filmeditor David Bretherton den Preis zugesprochen.
In der Königskategorie „Bester Film“ gewann „Cabaret“ hingegen nicht, sondern musste sich dem Mafia-Epos „Der Pate“ geschlagen geben. Damit hält der antifaschistische Kino-Meilenstein auch einen ungewöhnlichen Rekord: Kein anderer Film gewann mehr Academy Awards, ohne zudem den Oscar als „Bester Film“ einzuheimsen.
Wenige Jahre nach „Cabaret“ inszenierte Fosse übrigens einen weiteren, faszinierenden Film. Der begeisterte unter anderem den einflussreichen Meisterregisseur Stanley Kubrick. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden Beitrag:
"Der beste Film, den ich je gesehen habe": Dieses Meisterwerk erhielt das ultimative Lob von Regie-Legende Stanley Kubrick*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.