Es ist ein offenes Geheimnis in Hollywood, dass die Netflix-Bosse unbedingt mal einen Oscar für den besten Film gewinnen wollen. Angeblich wurden zahlreiche Produktionen vor allem bewilligt, weil man sich damit Goldjungen-Chancen ausrechnete. Doch gewinnen konnte man den Preis bislang nicht, auch wenn man mit „Roma“ im Jahr 2019 dem verdammt nahe kam.
Bei den nächsten Oscars könnte sich das endlich ändern. Denn mit „La Bola Negra“ hat Netflix nicht nur einen Film im Rennen, der bereits bei seiner Weltpremiere in Cannes für Begeisterung sorgte und dort den Preis für die beste Regie gewann. Das bildgewaltige Epos von Javier Calvo und Javier Ambrossi hat nun auch noch einen Preis gewonnen, der traditionell wie kaum ein anderer als Fingerzeig für die Oscars gilt: den People's Choice Award beim Toronto International Film Festival (TIFF).
Der TIFF-Publikumspreis ist ein gewaltiger Oscar-Indikator
Natürlich garantiert auch ein Sieg in Toronto noch keinen Oscar. Die Bilanz des Publikumspreises ist allerdings beeindruckend. Seit 2012 schaffte es mit einer einzigen Ausnahme jeder Gewinner des TIFF People's Choice Award anschließend auch zu einer Oscar-Nominierung als bester Film. Nur die Stephen-King-Verfilmung „The Life Of Chuck“ durchbrach 2024 diese Serie. Das hatte allerdings besondere Gründe. Es ist nämlich der einzige Film, der nicht direkt in die Kinos gebracht wurde, um für die Oscars anschließend überhaupt qualifiziert zu sein. US-Verleih Neon brachte ihn erst im darauffolgenden Jahr heraus, als der Hype vorbei war, und startete dann auch keine große Oscar-Kampagne mehr.
Geht man noch etwas weiter zurück, wird die Bedeutung des Preises sogar noch deutlicher. Von den 18 Gewinnern seit 2008 wurden 16 später für den Best-Picture-Oscar nominiert. Fünf davon gewannen ihn sogar: „Slumdog Millionär“, „The King's Speech“, „12 Years A Slave“, „Green Book“ und „Nomadland“. Der TIFF-Publikumspreis ist fast schon eine Garantie für eine Oscarnominierung als Bester Film. „La Bola Negra“ dürfte nun endgültig zu den Filmen gehören, an denen im Oscar-Rennen kaum ein Weg vorbeiführt.
Netflix dürfte dabei besonders freuen, dass man nun auch die Nase ein wenig vor Konkurrent Amazon hat. Denn beim TIFF-Publikumspreis setzte sich „La Bola Negra“ ein wenig überraschend gegen „I Play Rocky“ durch. Der Film mit Anthony Ippolito als junger Sylvester Stallone auf dessen steinigem Weg zum ersten „Rocky“ galt bei vielen Insidern als wahrscheinlichster Anwärter auf die Auszeichnung, landete aber „nur“ auf Platz zwei. Dahinter folgte mit „Being Heumann“ übrigens das neue Drama von Siân Heder. Das stammt wieder von Apple, wo auch bereits „CODA“ erschien. Mit dem gewann die Regisseurin bekanntlich u. a. den Bester-Film-Oscar, was bei Netflix viele gewurmt haben dürfte. Denn so räumte Apple den begehrten Preis vor dem viel größeren Streamingkonkurrenten ab.
Netflix macht bei "La Bola Negra" ernst
Dass Netflix große Hoffnungen in „La Bola Negra“ setzt, war schon vorher offensichtlich. Nach der gefeierten Weltpremiere in Cannes entstand ein Wettbieten um die US-Rechte, bei dem sich der Streamingdienst unter anderem gegen die Oscar-erfahrenen Indie-Verleiher A24 und Neon durchgesetzt haben soll. Anschließend traf Netflix eine für das Unternehmen ungewöhnliche Entscheidung: In den USA startet „La Bola Negra“ bereits am 16. Oktober 2026 im Kino und bleibt dort 47 Tage exklusiv auf der großen Leinwand, ehe der Film am 2. Dezember ins Streamingangebot wandert. Eine längere exklusive Kinoauswertung hat Netflix bislang keinem seiner Filme spendiert.
Das Ganze ist Teil einer großen Award-Kampagne und nach dem Erfolg in Toronto dürfte Netflix dabei nun noch einmal einen Gang hochschalten. Hierzulande sieht die Situation übrigens etwas anders aus: Die deutschen Rechte liegen nicht bei Netflix, sondern beim Pandora Filmverleih. „La Bola Negra“ startet am 19. November 2026 in den deutschen Kinos und wird hier daher auch nicht einfach wenige Wochen später im Netflix-Abo landen, sondern erst einmal exklusiv nur in den Kinos auf der großen Leinwand laufen. Dort empfehlen wir euch auch unbedingt, dieses bildgewaltige Werk zu sehen.
Für uns ist "La Bola Negra" "pure epische Wucht"
Dass Netflix so viel Vertrauen in den Film steckt, können wir sehr gut nachvollziehen. Der Autor dieser Zeilen konnte „La Bola Negra“ bereits bei seiner Weltpremiere in Cannes sehen und vergab in der FILMSTARTS-Kritik starke vier von fünf Sternen. Das Fazit dort: „Pure epische Wucht!“ Der 155 Minuten lange Film ist ein gewaltiges queeres Geschichts-Melodram, das drei Zeitebenen miteinander verknüpft. Ausgangspunkt sind dabei unter anderem wenige erhaltene Seiten eines unvollendeten Werks des berühmten spanischen Dichters Federico García Lorca sowie das Theaterstück „La piedra oscura“ von Alberto Conejero. Mit Penélope Cruz und Glenn Close treten zwei große Stars in Nebenrollen auf.
Im Mittelpunkt stehen allerdings mehrere schwule Männer in drei verschiedenen Epochen der spanischen Geschichte, genauer in den Jahren 1932, 1937 und 2017. Besonders die während des Spanischen Bürgerkriegs angesiedelte Liebesgeschichte zwischen Sebastián (Guitarricadelafuente) und dem republikanischen Gefangenen Rafael (Miguel Bernardeau) entwickelt dabei eine enorme emotionale Kraft.
„La Bola Negra“ ist ein visuell ganz groß gedachtes Werk. Ausstattung, Kostüme, Kamera und Musik müssen sich nicht hinter deutlich teureren Hollywood-Epen verstecken. Besonders stark ist, wie Bilder, Geräusche und Gefühle zwischen den verschiedenen Zeitebenen weitergetragen werden und diese dadurch förmlich miteinander ins Gespräch treten. Am Ende steht für uns trotz einer teilweise auch sehr fordernden Überladung mit zahlreichen Figuren, historischen Bezügen und Themen ein „wahrhaft episches, tief bewegendes queeres Geschichts-Melodram“.