Betrachtet man die Liste der Humanexperimente seit Anfang des 20. Jahrhunderts, stellt man schnell fest, dass sie nicht nur lang, sondern auch von Grausamkeiten gezeichnet ist – neben Verbrechen des Nationalsozialismus ermöglichen vor allem die 60er- und 70er-Jahre einen Blick in menschliche Abgründe und ethisch hoch fragwürdiges Vorgehen. Das kalifornische Palo Alto war Schauplatz gleich zweier berühmter Experimente: 1967 führte der Lehrer Ron Jones das „Third Wave Experiment“ durch, das später als „Die Welle“ in die Geschichte eingehen sollte.
Nur wenige Jahre später entstand wenige Kilometer entfernt auf dem Campus der Stanford University ein Versuchsaufbau, der sich ebenfalls ins kollektive Gedächtnis einbrennen sollte: das Stanford-Prison-Experiment von 1971. Unter der Leitung des Psychologen Philip Zimbardo wurden Studenten in einem simulierten Gefängnis per Zufall in Wärter und Gefangene unterteilt, um unter anderem den Einfluss sozialer Rollen auf menschliches Verhalten zu erforschen. Das Experiment sollte zwei Wochen lang gehen, wurde jedoch bereits nach sechs Tagen abgebrochen – und später immer wieder kritisiert. Bis heute werden insbesondere seine Methodik und Versuchsleitung infrage gestellt.
Zimbardos Experiment lieferte jedoch die Inspiration für Mario Giordanos Roman „Black Box“'*, der wiederum Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ mit Moritz Bleibtreu zugrunde lag. Von der Realität entfernte sich Hirschbiegel freilich einen guten Schritt, indem er das Experiment weiter eskalieren ließ – was auch dazu führte, dass gegen den Untertitel „nach einer wahren Begebenheit“ erfolgreich vorgegangen wurde. Dem Film geschadet hat das nicht: Dieser ist auch 25 Jahre, nachdem er erstmals im Kino zu sehen war, eine ziemliche Wucht und kann wohl mit Recht als einer der besten deutschen Filme bezeichnet werden.
Am 28. September 2026 läuft der moderne Klassiker um 22.35 Uhr auf Arte – und das Einschalten lohnt sich umso mehr, da es den Film aktuell nirgends zu streamen gibt und die DVD bzw. Blu-Ray* recht teuer sind. Wer danach noch nicht genug hat, kann sich auf Amazon Prime Video das US-Remake mit Adrien Brody und Forest Whitaker anschauen. An das Original kommt dieses trotz seiner starken Besetzung allerdings nicht heran, weswegen FILMSTARTS.de-Chefredakteur Christoph Petersen in seiner Kritik auch nur 2 Sterne vergab.
4.000 Mark für zwei Wochen Gefängnis
Der Taxifahrer Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu) stößt auf eine Zeitungsannonce: Für 4.000 Mark werden Männer gesucht, die an einem zweiwöchigen psychologischen Experiment teilnehmen. Zwanzig Probanden werden ausgesucht und per Zufallsprinzip in zwei Gruppen unterteilt: Gefangene und Wärter.
Die Aufgabe ist scheinbar einfach: Die Wärter sorgen für Ruhe und Ordnung, während die Gefangenen gehorchen und ihre Zeit absitzen sollen. Die Gefangenen sollen mit ihren Nummern statt mit ihren Namen angesprochen werden, nach der Bettruhe kein Wort mehr sagen und bei Ungehorsam Liegestütze machen. Doch bei Liegestützen soll es nicht bleiben: Was als einfaches Rollenspiel beginnt, entwickelt sich schnell zu einer unaufhaltsamen Dynamik aus Macht, Gewalt und Demütigung – mit fatalen Folgen.
Wenn aus Rollen Menschen werden
Das reale Experiment von 1971 geriet bereits früh aus den Fugen: Die Gefangenen rebellierten, die Wärter sprühten Kohlendioxid in ihre Zellen, Es folgten Demütigungen und enormer psychischer Druck – bis letztlich nach sechs Tagen abgebrochen wurde. Oliver Hirschbiegels ging es in „Das Experiment“ weniger um eine akkurate Nachstellung der Ereignisse, als um deren filmische Zuspitzung und maximale Eskalation, verbunden mit der Frage: Was macht Macht mit Menschen und wie weit würden sie gehen?
Der Film zeigt, wie sehr Menschen in ihren Rollen verschwinden können, sobald sie eine Uniform überstreifen – besonders gut sichtbar wird dies am Wärter Berus (Justus von Dohnányi), der seine geliehene Autorität zunehmend nutzt, um Gewalt auf die Insassen auszuüben, und letztlich vollkommen mit seiner Rolle verschmilzt. Auf der anderen Seite steht Tarek als keineswegs unschuldiges Opfer: Der junge Moritz Bleibtreu spielt ihn mit einer rotzigen, provokanten Energie, mit der er die Wärter immer wieder herausfordert und die ohnehin fragile Versuchsanordnung ins Wanken bringt.
Subtil ist „Das Experiment“ dabei sicherlich nicht. Zum Ende hin wird hier voll aufgedreht: Ein Wärter wird zum Insassen, eine Mitglied der Versuchsleitung ebenso, ein Insasse stirbt, die Grenzen verschwimmen, bis der Film selbst aus seiner Versuchsanordnung auszubrechen scheint. Das ist für deutsches Kino eine ungeheure, seltene Radikalität – und beinahe schon ein Experiment für sich.
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