"Ich brauche einfach Hoffnung und Zuversicht": Rosalie Thomass spricht mit uns über die sehnsüchtig erwartete Verfilmung von "Lügen über meine Mutter"
von Christoph Petersen
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In meinen 25 Jahren als Filmjournalist wurde ich abseits von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ noch nie so oft und intensiv auf eine anstehende Buchverfilmung angesprochen. Umso schöner, dass uns Rosalie Thomass in der Redaktion besucht hat.

Daniela Dröscher hat in „Lügen über meine Mutter“ ihre Kindheit in den Achtzigerjahren aufgeschrieben – und damit einen Bestseller gelandet, der nicht nur oft verkauft wurde, sondern viele Lesende im Innersten berührt hat. Das war auch bei der Schauspielerin Rosalie Thomass so, die sich direkt am Tag nach der Lektüre um die Filmrechte am Buch beworben und dann neben der Übernahme der Hauptrolle auch selbst das Drehbuch geschrieben hat. Jetzt kommt „Lügen über meine Mutter“ ins Kino – und Rosalie Thomass spürt vor allem bei den Publikumsgesprächen nach den Vorstellungen, was der Roman und nun hoffentlich bald auch der Film tatsächlich für realweltliche Auswirkungen hat.

Erzählt wird die Familiengeschichte aus der Perspektive der zu Beginn sechs Jahre alten Ela (Elise Lindner), die mitbekommt, wie sehr ihr Vater Werner (Golo Euler) ihre Mutter Cornelia (Rosalie Thomass) wegen ihres Gewichts unter Druck setzt. Angesichts des allgemeinen Wohlstandsversprechens der Achtzigerjahre redet er sich ein, dass sein berufliches Versagen nur damit zu tun hat, dass er keine „vorzeigbare“ Frau für Firmenveranstaltungen hat. Trotz des schmerzhaften Themas ist „Lügen über meine Mutter“ aber kein grau-grauer Downer, sondern ein kraftvoll-farbenfroher Film geworden – und so lautet auch das Fazit der 4-Sterne-FILMSTARTS-Kritik: „Ein oft schmerzhafter, aber dafür umso kraftvollerer Befreiungsschlag.“

„Lügen über meine Mutter“-Hauptdarstellerin und -Drehbuchautorin Rosalie Thomass mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen bei der Aufnahme zum Leinwandliebe-Podcast. Webedia
„Lügen über meine Mutter“-Hauptdarstellerin und -Drehbuchautorin Rosalie Thomass mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen bei der Aufnahme zum Leinwandliebe-Podcast.

Wir freuen uns deshalb auch besonders, dass die frischgebackene „Tatort“-Kommissarin Rosalie Thomass („Jagdsaison“) bei uns in der Berliner FILMSTARTS-Redaktion für eine gemeinsame Aufnahme für unseren Leinwandliebe-Podcast vorbeigeschaut hat. Das volle Interview könnt ihr euch direkt hier (oder natürlich auch auf Spotify sowie in eurer üblichen Podcast-App – sucht dort einfach nach „Leinwandliebe“) anhören:

Wenn ihr lieber lest als hört, haben wir hier zumindest die ersten paar Minuten des wirklich sehr tollen Gesprächs auch noch mal als Text-Teaser für euch:

FILMSTARTS: Ich würde gerne mit dem Poster anfangen, denn da sind mir zwei Besonderheiten aufgefallen, die mich sehr gefreut haben. Da steht nämlich „Ein Film von Rosalie Thomass und Aron Lehmann“ – und ich wüsste jetzt kein anderes Beispiel dafür, wo ein Regisseur so nach seiner Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin genannt wird. Von allem, was ich über die Entstehung des Films weiß, ist es absolut gerechtfertigt, dich da an erster Stelle aufzuführen – aber wie ist das zustande gekommen, es muss ja jemand auf die Idee gekommen sein, dass dies ein Fall ist, wo es einfach Sinn ergibt, aus den Traditionen auszubrechen?

Rosalie Thomass: Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe das auch erst gesehen, als es schon so war. Soweit ich weiß, beruht es darauf, dass Aron die Haltung vertritt, der Regiekult sei etwas aus der Zeit gefallen. Er arbeitet sehr wertschätzend und integrativ mit seinem ganzen Team; außerdem war ihm besonders wichtig, immer auch den Blick der Autorin ernst zu nehmen. Das bin in dem Fall eben ich [lacht]. Es ist auch für ihn erst mal ein weiblicher Stoff und er wollte immer mit mir absprechen, ob das aus meiner Perspektive stimmig ist. Das heißt, ich wurde von Anfang an mit ihm und seinem fantastischen Kameramann Cristian Pirjol reingeholt und konnte wirklich Stück für Stück über die Auflösung der Szenen gucken und meinen Senf dazugeben.

FILMSTARTS: Aber das Projekt ging von Anfang an von dir aus?

Rosalie Thomass: Ja. Ich habe schon vor einiger Zeit mit dem Schreiben angefangen, weil mir als Schauspielerin in der Schwangerschaft langweilig war – weil wir ja offenbar keine schwangeren Frauen in Filmen sehen wollen und wir während der Schwangerschaft auch nicht versichert werden. Wenn ich wieder ein bisschen Zeit habe, würde ich dieses Thema gerne mal anpacken. Jedenfalls habe ich dann Drehbücher geschrieben und das auch so ein bisschen rumposaunt, was glaube ich ganz gut war. Denn so kam vor vier Jahren meine Kollegin Paula Paul zu mir und meinte, dass ich „Lügen über meine Mutter“ adaptieren und auch spielen müsse.

Wenn jemand so streng mit mir ist, dann mache ich das auch – also habe ich mir das Buch am nächsten Tag am Bahnhof in der Buchhandlung besorgt und mich anschließend sofort um die Rechte beworben. Dafür habe ich direkt ein Paket geschnürt und der Autorin Daniela Dröscher von vornherein vorgeschlagen, dass ich es schreibe und spiele, dass Aron Lehmann die Regie übernimmt und Tobis den Film produziert und verleiht. Also ein komplettes Package, weil ich auch wollte, dass Daniela weiß, dass ihr sehr persönlicher autofiktionaler Stoff bei uns in guten Händen ist.

Lügen über meine Mutter
Lügen über meine Mutter
Starttermin 8. Oktober 2026 | 1 Std. 46 Min.
Von Aron Lehmann
Mit Rosalie Thomass, Golo Euler, Elise Lindner
User-Wertung
3,2
Filmstarts
4,0
Vorführungen (221)

FILMSTARTS: Haben du und dein Regisseur und Lebensgefährte Aron Lehmann denn trotzdem drüber nachgedacht, ob für diesen Stoff nicht eine Regisseurin passender wäre, oder war das gar kein Thema?

Rosalie Thomass: Ja, diese Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht eigentlich am Diskurs vorbeiführt, weil es für mich schon sehr entscheidend ist, wer die Geschichte aufschreibt. Die Perspektive, die diese Geschichte erzählt, ist zutiefst weiblich – und zwar durch Daniela und durch mich. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob wir uns das zumuten wollen als Paar, aber die Frage, ob Mann oder Frau, stellt sich für mich in so einem Fall nicht, weil ich wusste, dass das jemand machen muss, der so zu Hause ist in seiner Handschrift.

Das Besondere an Aron als Regisseur ist, dass er keine Angst vor Gefühlen und auch keine Angst vor Poesie hat. Seine Filme sind immer warm und es ist eben egal, wie schwer eine Geschichte ist oder wie viel sie einem zumutet. Es gibt immer auch die Erlaubnis für Leichtigkeit und für Humor. Und das muss man sich trauen und dafür muss man auch der Geschichte viel zutrauen. Und das kann Aron einfach sehr gut.

FILMSTARTS: Ebenfalls am Poster aufgefallen ist mir der Kommentar der Romanautorin Daniela Dröscher: „Dieser Film ist wie eine geliebte Schwester: Nah an meinem Buch und zugleich ganz eigen.“ Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein unterstützender Spruch eines Autors oder einer Autorin auf dem Plakat abgedruckt wird, aber es ist eben schon kein simpler Werbespruch, sondern wahnsinnig spezifisch. Das hat dich schon gefreut, oder?

Rosalie Thomass: Na ja, das ist vielleicht auch deshalb so spezifisch, weil Daniela eine wirkliche Wortkünstlerin ist und sich sehr gut ausdrücken kann. Aber man hat natürlich schon die Hoffnung, dass die Autorin ihren Text wiederfindet in dem Film. Was ich hingegen nicht zu hoffen gewagt hätte, ist, dass sie den Film wirklich liebt – und darüber bin ich wahnsinnig glücklich und vielleicht auch ein ganz kleines bisschen stolz. Diese filmische Adaption ist natürlich auch meine sehr persönliche Interpretation – und das hat sie mir auch so sehr ermöglicht. Sie hat von sich gesagt, dass sie das Buch fertig geschrieben hat und nichts mehr hinzuzufügen habe – und nun solle ich es nehmen und damit fliegen. Das ist eine fantastische Voraussetzung für kreatives Arbeiten.

Ein absolutes Highlight von „Lügen über meine Mutter“: Die spektakuläre Disco-Szene zu Herbert Grönemeyers „Männer“, die Rosalie Thomass selbst mit einer Art Hexentanz vergleicht. Tobis Film
Ein absolutes Highlight von „Lügen über meine Mutter“: Die spektakuläre Disco-Szene zu Herbert Grönemeyers „Männer“, die Rosalie Thomass selbst mit einer Art Hexentanz vergleicht.

FILMSTARTS: Was ich an dem Film so spannend finde, ist, wie konsequent die kindliche Perspektive umgesetzt wird. „Lügen über meine Mutter“ beginnt ja im Italienurlaub – und dort ist es gleich doppelt sonnig, weil sich Menschen eben so an Urlaube aus ihrer Kindheit erinnern. Aber dann geht’s in die rheinland-pfälzische Provinz – und die italienische Sonne kommt einfach mit. Wann ist dir klar geworden, dass man den Film nicht als klassisch-graues Achtzigerjahre-Ehedrama inszenieren sollte, sondern trotz aller Tragik und Traurigkeit eigentlich immer die Sonne scheinen soll?

Rosalie Thomass: Das ist schön, dass du das so beschreibst, weil das so auch schon in meinem Anschreiben an Daniela mit drinstand, dass ich kein graues, depressives Drama, sondern einen farbenfrohen, lebendigen und leuchtenden Film machen möchte. Das hängt auch mit meiner Persönlichkeitsstruktur zusammen, weil ich einfach Hoffnung und Zuversicht brauche – und das geht vielen anderen sicherlich auch so. Wenn ich selbst etwas schreibe, wird das wahrscheinlich nie ohne Humor auskommen, weil ich selbst einfach ohne Humor nicht durch den Tag kommen würde. Gibt es überhaupt Menschen, die es aushalten, ohne sich über die Schwierigkeiten des Daseins zu amüsieren? Die kindliche Perspektive war eben auch ein Geschenk und ich fand es so wundervoll befreiend, als Aron irgendwann feststellte: „Hey Leute, wir befinden uns doch in der Erinnerung eines Kindes. Wer kann sich denn schon an alles exakt erinnern? Wir können doch im Prinzip machen, was wir wollen.“

Das komplette Gespräch mit Rosalie Thomass gibt es im Leinwandliebe-Podcast, den ihr entweder oben in diesem Artikel eingebettet oder natürlich auch bei Spotify oder der Podcast-App eures Vertrauens findet. „Lügen über meine Mutter“ läuft seit dem 8. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.

Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.
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