Macht Marvel noch weiter mit den großen, teuren MCU-Serien auf Disney+ oder ist nach der dritten und letzten Staffel „Daredevil: Born Again“ endgültig Schluss damit? So richtig klar ist die Antwort auf diese Frage noch nicht. Für die nächsten Jahre sind zwar hauptsächlich animierte Projekte angekündigt, doch mit „Zodiac“ eben auch eine neue Realserie, die offenbar ein Revival von „Agents Of S.H.I.E.L.D.“ wird.
Doch wie auch immer die Zukunft des MCU auf den heimischen Bildschirmen aussieht: Mit „VisionQuest“ startet nun eine Marvel-Serie der alten Schule, die nicht nur an die Vorgänger „WandaVision“ und „Agatha All Along“ sowie an „Avengers 2: Age Of Ultron“ anknüpft, sondern auch die Weichen für „Avengers 5: Doomsday“ und vor allem „Avengers 6: Secret Wars“ stellen soll.
Wie wichtig „VisionQuest“ für zukünftige Handlungsstränge wird, bleibt natürlich abzuwarten. Nachdem ich für diese Kritik die ersten vier Episoden geschaut habe, kann ich aber mit Sicherheit sagen: „VisionQuest“ ist eine weitere äußerst gelungene Serie aus dem Hause Marvel, die bisher sträflich vernachlässigte (KI-)Figuren in den Mittelpunkt stellt und mit einigen faszinierenden Neuzugängen zusammenbringt. Dazu gibt es treffsicheren Humor, eine Handvoll wirklich berührender Momente und erstaunlich brutale Actionszenen.
Die Handlung von "VisionQuest"
In „WandaVision“ erschuf sich die um ihren geliebten Vision (Paul Bettany) trauernde Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) kurzerhand ihre eigene Familie mitsamt Vision und den Zwillingen Billy und Tommy. Allerdings mischte auch White Vision mit, eine weiße, aus dem zerstörten Körper des ursprünglichen Vision erschaffene Version des Androiden, die schließlich die Erinnerungen ihres Vorgängers erlangte und spurlos verschwand.
Viele Jahre später lebt White Vision zurückgezogen im schottischen Edinburgh und versucht noch immer, sowohl die Menschen um ihn herum als auch den ursprünglichen Vision zu verstehen. Dabei sollen ihm die anderen KIs helfen, die in seine Programmierung eingeflossen sind und nun gewissermaßen in seinem Kopf leben: Iron Mans ursprüngliche KI J.A.R.V.I.S. (James D'Arcy), dessen Nachfolgerin F.R.I.D.A.Y. (Orla Brady), die Spider-Man-Helferin E.D.I.T.H. (Emily Hampshire), die Service-Roboter D.U.M.-E (Henry Lewis) und U (Jonathan Sayer) – und sogar der mörderische Bösewicht Ultron (James Spader).
Doch dann gerät White Vision ins Visier des Söldners Paladin (Todd Stashwick), der einen cleveren Plan ausgeheckt hat, um den Androiden aus der Reserve zu locken: Er entführt Thomas Shepherd (Ruaridh Mollica), einen jungen Mann, in dem offenbar die Seele von Visions mit Zauberei erschaffenem Sohn Tommy Maximoff weiterlebt...
Wer „WandaVision“ und „Agatha All Along“ sowie „Avengers: Age Of Ultron“ nicht gesehen hat, wird in „VisionQuest“ lange Zeit nur Bahnhof verstehen. Obwohl die Serie mit einer ausführlichen Zusammenfassung beginnt, zahlt es sich hier mehr als bei fast jeder anderen MCU-Serie aus, wenn man die Vorgänger parat hat. Denn hier wird ständig auf vorherige Ereignisse angespielt und die anderen Titel werden teilweise sogar wörtlich zitiert. Großartig etwa, wie Serienschöpfer und Showrunner Terry Matalas („Star Trek: Picard“) und sein Team das Schiff-des-Theseus-Bild aus „WandaVision“ aufgreifen und daraus eine neue Motivation für White Vision entwickeln.
Trotzdem macht „VisionQuest“ auch ohne dieses Vorwissen eine Menge Spaß. Denn Matalas und Co. erzählen eine stimmige, immer wieder die Erwartungen unterlaufende Geschichte, die bis ganz an die Anfänge des Marvel Cinematic Universe zurückreicht und mit ihrer KI-Thematik trotzdem perfekt in das Jahr 2026 passt. Mal ganz abgesehen davon, dass die Serie einfach blendend unterhält.
Starke Figuren, treffsicherer Humor
Das liegt zum einen an der cleveren Idee, Visions Innenleben mit einem Haus darzustellen, in dem die verschiedenen KIs wie eine Familie zusammenleben, und zum anderen an den starken Figuren, die diese KI-WG bilden. Paul Bettany bekräftigt einmal mehr seine Rolle als Fanliebling, wobei er als White Vision noch einmal ganz neue Facetten herausarbeiten kann. So verhält sich diese Version der Figur unter Menschen merklich unbeholfener als sein Vorgänger und geht im Kampf gegen hoffnungslos unterlegene Schergen deutlich brutaler vor – denn wie er mehrfach sagt, ist er nicht Vision, der bekannte Held und Avenger.
Auch die KIs in Visions Kopf sind ein echter Volltreffer – von James D'Arcy als Visions älterer Bruder J.A.R.V.I.S. über das zunächst stumm bleibende Comedy-Duo aus D.U.M.-E und U bis hin zu Ultron. Der hier nicht nur von James Spader gesprochene, sondern auch vor der Kamera gespielte (Ex-)Bösewicht stiehlt so gut wie jede Szene, in der er auftritt, weil Spader als Visions Gegenspieler, Gewissen und Vaterfigur in Personalunion einige der besten Dialoge in den Mund gelegt bekommt und diese mit diebischer Freude ausspielt.
Endlich mal ein guter Bösewicht!
Dazu kommt mit Paladin ein ausnahmsweise mal richtig guter MCU-Widersacher. Der Söldner ist nämlich anders, als man es vielleicht erwarten würde, nicht gewissenlos, sondern geht einfach nur äußerst professionell vor. Deswegen erschießt er schon mal kurzerhand einen seiner Schergen, weil dieser eine Zivilistin umgebracht hat. Und wenn er die Geheimdienstberichte über den Westview-Zwischenfall aus „WandaVision“ liest und dabei aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt, ist das durchaus eine Einladung für das Publikum, sich kurz gemeinsam mit ihm über einige der haarsträubenderen Ereignisse im MCU zu amüsieren.
Apropos amüsieren: Anlässe dafür gibt es, wie man es im MCU gewöhnt ist, in „VisionQuest“ auch sonst genügend. Da wird etwa ein Gespräch zwischen Vision und Thomas in zig Varianten durchgespielt – Vision ist nun mal ein wandelnder Quanten-Computer. Und die Trennung einer unerwünschten Verbindung zu einem anderen Androiden inszeniert Episoden-Regisseurin Gandja Monteiro („Wednesday“) wie einen Exorzismus, nur mit einem Codebuch statt einer Bibel.
Trotzdem kommen auch die emotionalen Momente nicht zu kurz, wie etwa bei einer Beerdigung am Ende der dritten Folge, über die wir hier aus Spoilergründen aber kein Wort mehr verraten wollen.
Wenn ihr nach dieser Kritik neugierig auf „VisionQuest“ geworden seid: Die MCU-Serie startet am 14. Oktober 2026 mit zwei Folgen auf Disney+. Und im Kino geht es dann am 16. Dezember mit „Avengers: Doomsday“ weiter. Hier ist der Trailer: