Nur wenige Schauspieler*innen können von sich behaupten, direkt mit ihrer ersten großen Filmrolle Kinogeschichte geschrieben zu haben – Tippi Hedren gehört allerdings zweifellos dazu. Als Alfred Hitchcock sie 1963 in seinem legendären Horror-Klassiker „Die Vögel“ besetzte, verfügte die damals 33-Jährige praktisch über keinerlei Schauspielerfahrung. Doch der Film wurde zum weltweiten Erfolg – und Hedren über Nacht zum Star. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Elke Sommer („Der Preis“) und Ursula Andress („James Bond – 007 jagt Dr. No“) erhielt sie 1964 einen Golden Globe als Beste Nachwuchsdarstellerin.
So begann Tippi Hedrens Karriere
Doch von vorn: Nathalie Kay „Tippi“ Hedren wurde am 19. Januar 1930 in New Ulm im US-Bundesstaat Minnesota geboren. Bereits als Jugendliche arbeitete sie als Model, ehe sie im Alter von 20 Jahren nach New York zog und bei der renommierten Agentur Eileen Ford unter Vertrag genommen wurde. In den folgenden Jahren war sie unter anderem auf den Titelseiten der Zeitschriften Life und Glamour zu sehen.
1961 wurde schließlich Alfred Hitchcock auf sie aufmerksam, nachdem er Hedren zufällig in einem Werbespot für ein Diätgetränk entdeckt hatte. Dieser stellte ihr prompt einen Siebenjahresvertrag in Aussicht – verriet ihr aber zunächst nicht, für welche Rolle er sie in Betracht zog. Selbst als er einen zwei Tage umfassenden, 25.000 Dollar teuren Farbkameratest mit ihr absolvierte, in dessen Rahmen sie Szenen aus früheren Hitchcock-Filmen wie „Rebecca“ oder „Über den Dächern von Nizza“ nachspielen musste, glaubte Hedren noch, dass sie für seine Fernsehserie „Alfred Hitchcock präsentiert“ vorgesehen war.
Erst bei einem anschließenden gemeinsamen Mittagessen rückte der „Psycho“-Schöpfer mit der Wahrheit heraus, indem er ihr eine goldene Brosche mit drei fliegenden Vögeln in die Hand drückte – Hedren sollte die Hauptrolle in seinem kommenden Kinofilm „Die Vögel“ spielen, in dem die Bewohner*innen einer kalifornischen Küstenstadt urplötzlich von aggressiven Vogelschwärmen angegriffen werden.
Für Hedren bedeutete der Film zwar den internationalen Durchbruch, allerdings waren die Dreharbeiten alles andere als einfach für sie. Besonders eine Szene, in der ihre Figur auf einem Dachboden von Vögeln attackiert wird, entwickelte sich zur regelrechten Tortur. Wie die Schauspielerin später berichtete, hatte man ihr zunächst versichert, dass für die Sequenz mechanische Tiere eingesetzt würden. Stattdessen wurde sie fünf Tage lang mit lebenden Möwen, Raben und Krähen konfrontiert, von denen einige sogar mit dünnen Nylonfäden an ihrer Kleidung befestigt wurden. Als einer der Vögel sie im Gesicht verletzte und nur knapp ihr Auge verfehlte, brach Hedren schließlich erschöpft zusammen. Ein Arzt verordnete ihr daraufhin eine Woche Ruhe.
Auch darüber hinaus wurde Hedrens Verhältnis zu Hitchcock zunehmend problematisch. Wie die Schauspielerin Jahrzehnte später berichtete, soll sich der Regisseur bereits während der Dreharbeiten zu „Die Vögel“ besitzergreifend und kontrollierend verhalten haben. Bei ihrem nächsten gemeinsamen Film, dem Psycho-Thriller „Marnie“ (1964), habe er sie schließlich sexuell bedrängt. Als Hedren ihn zurückwies und die Zusammenarbeit beenden wollte, soll er ihr angedroht haben, ihre Karriere zu ruinieren.
Tatsächlich hielt er sie weiterhin vertraglich an sich gebunden und verhinderte so, dass sie andere Rollenangebote annehmen konnte – erst 1966 wurde sie aus ihren Verpflichtungen entlassen. Die Vorwürfe gegen Hitchcock und dessen Umgang mit Hedren wurden 2012 im Fernsehfilm „The Girl“ mit Sienna Miller und Toby Jones aufgegriffen.
Tippi Hedren arbeitete mit Charlie Chaplin – und am "gefährlichsten Film aller Zeiten"!
1967 konnte Hedren endlich wieder arbeiten – und stand an der Seite von Marlon Brando und Sophia Loren für Charles Chaplins letzten Film „Die Gräfin von Hongkong“ vor der Kamera. Allerdings fiel ihre Rolle deutlich kleiner aus als ursprünglich angekündigt. Auch im Anschluss gelang es ihr nicht, an ihre früheren Erfolge anzuknüpfen – was nicht zuletzt mit Hitchcocks enormem Einfluss in der Filmbranche und den von ihm blockierten Karrierechancen zusammenhängen dürfte.
In Filmen wie „Tiger By The Tail“ (1970) oder „The Harrad Experiment“ (1973) bekam sie zwar noch einmal größere Rollen, allerdings handelte es sich dabei um vergleichsweise kleine Produktionen. Danach zog sie sich für mehrere Jahre weitgehend aus dem Rampenlicht zurück und widmete sich gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Noel Marshall einem ungewöhnlichen (und extrem riskanten) Projekt: dem Abenteuer „Roar“, das aus guten Gründen immer wieder als „gefährlichster Film aller Zeiten“ bezeichnet wurde!
Die Idee zu „Roar“ entwickelte das Paar bereits im Jahr 1969 während einer Reise ins heutige Simbabwe. Dort entdeckten die beiden ein verlassenes Haus, in dem sich eine ganze Löwenfamilie niedergelassen hatte. Fasziniert von den Tieren beschlossen sie, einen Film über das Zusammenleben von Menschen und Raubkatzen zu drehen – im Mittelpunkt sollte eine Familie stehen, die ihren Vater auf dessen afrikanischer Forschungsstation besucht und dort von zahlreichen frei herumlaufenden Löwen, Tigern und Leoparden überrascht wird. Professionelle Tiertrainer warnten Hedren und Marshall eindringlich vor ihrem Vorhaben – also begannen die beiden kurzerhand damit, selbst Großkatzen aufzuziehen.
1974 begann schließlich die Produktion. Marshall übernahm die Regie und die männliche Hauptrolle, ihm zur Seite standen Hedren sowie ihre Tochter Melanie Griffith, deren Hollywood-Karriere damals gerade Fahrt aufnahm. Die Dreharbeiten sollten sich über mehrere Jahre hinziehen – mehr als 150 (!) nicht dressierte Großkatzen kamen dabei zum Einsatz. Mit erwartbar verheerenden Folgen: Über 70 Beteiligte wurden während der Produktion verletzt.
Hedren selbst wurde unter anderem von einem Löwen in den Hals gebissen. Tochter Griffith, damals etwa 16 Jahre alt, erlitt bei einem Angriff Gesichtsverletzungen, die mit 50 Stichen genäht werden mussten. Als „Roar“ im Jahr 1981 endlich erschien, wurde er obendrein zum finanziellen Desaster: Lediglich 2 Millionen US-Dollar konnte er an den Kinokassen erwirtschaften – bei einem Budget von 17 Millionen!
Tippi Hedren lebt noch heute in einem Raubkatzenreservat
Obwohl (oder vielleicht auch: weil) „Roar“ wohl weder für die beteiligten Menschen noch für die Tiere eine besonders angenehme Erfahrung war, brachte der Film Hedren dazu, sich intensiv mit den Problemen der privaten Raubkatzenhaltung auseinanderzusetzen. 1983 gründete sie die gemeinnützige Roar Foundation, die das kalifornische Raubkatzenreservat Shambala Preserve betreibt und sich um Großkatzen aus ungeeigneten Haltungsbedingungen kümmert. Dieses dient Hedren, deren Demenzerkrankung 2024 öffentlich gemacht wurde, bis heute als Wohnort.
Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb Hedren als Schauspielerin aktiv und übernahm unter anderem Rollen im Thriller „Fremde Schatten“ (1990) oder der Komödie „I Heart Huckabees“ (2004). 1994 ließ sie sich außerdem zu einem kleinen Auftritt in der TV-Fortsetzung „Die Vögel II – Die Rückkehr“ überreden, bereute ihre Mitwirkung im Nachhinein allerdings. Im Jahr 2016 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Tippi: A Memoir“, bevor sie 2018 im Alter von 88 Jahren noch einmal für eine Gucci-Werbekampagne vor der Kamera stand.
Übrigens ist nicht nur Hedrens Tochter Melanie Griffith („Die Waffen der Frauen“) eine bekannte Schauspielerin, sondern auch ihre Enkelin – Dakota Johnson, die 1989 aus Griffiths Ehe mit ihrem Schauspiel-Kollegen Don Johnson („Miami Vice“) hervorging und mit „Fifty Shades Of Grey“ im Jahr 2015 ihren großen Durchbruch feierte. Aktuell ist sie in der Bestseller-Verfilmung „Verity – Dunkle Geheimnisse“ im Kino zu sehen.
Wenn ihr euch nach dem Lesen dieses Artikels nun übrigens fragt, was eigentlich aus Melanie Griffith geworden ist, werdet ihr im nachfolgenden Artikel schlauer:
Sie war einer der größten Stars der 80er und 90er: Was macht Melanie Griffith eigentlich heute?*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.