Zugegeben: In der Animationsserie „Creature Commandos“ gab es bereits einen ersten Eindruck vom Gotham des neuen DC-Universums (DCU). Doch in „Clayface“ gibt es nun die ersten Live-Action-Einblicke in Batmans Heimatstadt. Daher wollten wir von Regisseur James Watkins natürlich wissen, was seine Inspiration war und ob es bei der Erschaffung diesen neuen Gothams irgendwelche Vorgaben gab – gerade auch in Hinblick auf die US-Altersfreigabe für Erwachsene. Außerdem sprechen wir darüber, wie eine der besten Szenen des Kinojahres 2026 gedreht wurde, und über die Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Volker Bertelmann.
FILMSTARTS: Ich war sehr beeindruckt von der Darstellung Gothams in „Clayface“. Kannst du ein wenig über den Prozess erzählen, wie ihr den Look von Gotham für diesen ersten Live-Action-Auftritt entwickelt habt?
James Watkins: James Price, mit dem ich viel zusammenarbeite, ist ein genialer Szenenbildner und hat einen Oscar für „Poor Things“ gewonnen. Wir haben uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, wie Gotham aussehen soll. Ich wollte eine korrupte Stadt, eine Stadt, in der die Müllabfuhr den Müll nicht abholt, die über uns aufragt und in der man sich klein fühlt. Das ist wie ein eigener Charakter – eine Stadt mit einer beklemmenden, schweren Atmosphäre.
Wir haben uns daher viele Deutsche-Expressionismus-Filme aus den 1930er-Jahren angeschaut. Zusammen mit Rob Hardy, dem Chef-Kameramann, haben wir uns aber auch viel Straßenfotografie aus New York aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren angesehen, als die Stadt noch nicht aufgeräumt war. Es gab da eine gewisse Exzentrik auf den Straßen, bei den Leuten und dem Leben auf der Straße. Die Beleuchtung war viel mehr Neon und hatte eher dieses Natrium-Licht. Das Licht hatte etwas Schmutziges an sich, eine Art schmutzige Romantik. Wir haben auch viel mit nassen Straßen gearbeitet, um Spiegelungen zu erzeugen, was meiner Meinung nach gut zur Dualität von Matt passte.
Wir haben also hart daran gearbeitet, unser eigenes kleines Gotham-Universum zu erschaffen. Wir haben außerdem in Liverpool gedreht, was für ein authentisches Gefühl gesorgt hat. Ich wollte nicht, dass alles nur im Studio mit Computereffekten gemacht wird, sondern ein geerdetes Gefühl dafür schaffen, an einem echten Ort zu drehen.
Warner Bros.
FILMSTARTS: Gab es irgendwelche Einschränkungen, was ihr nicht zeigen durftet, oder Vorgaben, was ihr zeigen musstet?
James Watkins: Ich hatte überhaupt keine Einschränkungen. Die Leute sind überrascht, wenn ich das sage, aber es ist die Wahrheit. Es gab Gespräche nach dem Motto: „Das ist das, was wir machen“ – „Super!“, und so haben wir einfach weitergemacht.
FILMSTARTS: „Clayface“ ist der erste DCU-Film mit einem R-Rating, also einer Altersfreigabe für Erwachsene in den USA. Wie habt ihr die Freiheit, die eine solche Freigabe mit sich bringt, und die Anforderung, einen Film in einem zusammenhängenden größeren Filmuniversum anzusiedeln, unter einen Hut bekommen?
James Watkins: Als ich zum ersten Mal den Film und meine Vision dafür gepitcht habe, habe ich [DCU-Chef] James Gunn, [Produzent] Matt Reeves und den anderen viel Bildmaterial gezeigt von dem, was ich mir vorgestellt habe und wo ich hinwollte. Und es gab einen Moment, in dem James Gunn „Oh mein Gott“ gesagt und weggeschaut hat. Ich dachte schon: „Er erträgt es nicht“ und fragte: „Alles okay bei dir?“ und er antwortete: „Nein, nein, das ist großartig!“
Sie wollten sich also unbedingt darauf einlassen, mich die Grenzen austesten und überschreiten zu lassen, wohl wissend, dass das ein R-Rating bedeuten würde. Der Film ist also keineswegs halbherzig. Viele Leute fragen: „Hoffentlich macht ihr das nicht zu weichgespült?“ Und ich sage: „Nein, nein, das ist eine wilde Fahrt, eine Achterbahnfahrt für das Publikum.“ Das Publikum an diesen Ort mitzunehmen und den Body-Horror ohne Kompromisse durchzuziehen – das war einfach toll.
"Clayface"-Regisseur James Watkins über Batman und "The Brave And The Bold"
FILMSTARTS: Spürst du jetzt eine gewisse Verantwortung oder ein Besitzgefühl für Gotham und damit natürlich auch für Batman, nachdem du mit deinem Film die ersten Schritte in diese Welt gewagt hast?
James Watkins: Nein, ich empfinde da überhaupt kein Besitzgefühl. Ich fühle mich einfach privilegiert, in diesem Sandkasten spielen zu dürfen. Natürlich fühle ich eine Verantwortung für meinen Film, aber es ging einfach darum, einen eigenständigen Film in diesem Universum zu erschaffen. Wie bei „Joker“, wo sie einen brillanten Film gemacht haben. Es ging einfach um diesen einen Charakter, Matt Hagen, und seine Reise in dieser Welt, in Gotham. Ich fand einfach, dass das eine fantastische, interessante Gelegenheit war, einen Horrorfilm oder Thriller in diesem Umfeld zu erkunden und DC ein in eine neue Richtung zu führen.
FILMSTARTS: Aber „Clayface“ ist ja Teil eines größeren Universums. Was würdest du also tun, wenn James Gunn und Peter Safran dir morgen den Regiejob für „The Brave And The Bold“ anbieten würden?
James Watkins: Ich denke im Moment an gar nichts über „Clayface“ hinaus. Ich habe anderthalb bis zwei Jahre damit verbracht, diesen Film zu machen, und versuche einfach nur, ihn so gut wie möglich zu machen. Interessanterweise habe ich nie Gespräche über das größere Universum geführt. Ich weiß nicht, was James und Peter vorhaben – ich bin sicher, sie haben viele Ideen im Kopf. Aber eigentlich war es schön: Ich musste nicht über meine Welt hinausdenken, und innerhalb meiner Welt gab es schon genug zu bedenken.
So wurde eine der besten Filmszenen des Kinojahres 2026 gedreht
FILMSTARTS: Eine der faszinierendsten Szenen in diesem Film – und meiner Meinung nach im ganzen Filmjahr 2026 – ist die Traumszene, in der Caitlyn zuschaut, wie Matt sich in sie verwandelt. Woher kam die Idee für diese Szene und wie habt ihr sie gedreht?
James Watkins: Ich dachte, es wäre einfach eine sehr interessante Szene, weil sie zeigt, was sie für ihn empfindet. Es gibt eine Überschneidung zwischen ihr als Wissenschaftlerin und ihr als Frau. Er ist ihr Projekt, aber sie hat auch Gefühle für ihn – diese Art von Ambivalenz. Es gibt also eine seltsame Dreiecksbeziehung zwischen ihm und diesen beiden Facetten ihrer Persönlichkeit. Ich dachte, die Szene könnte etwas sehr Langsames, Hypnotisches und eine seltsame, eklige Note haben. Ich habe viel mit Volker Bertelmann über die Musik gesprochen und darüber, wie man das Tempo verlangsamt und die hypnotische Wirkung betont. Einfach immer weiter darauf einlassen.
Was das Filmen angeht: Wir haben vieles auf sehr altmodische Weise gedreht. Man dreht Naomi, wie sie zuschaut, dann dreht man Naomi im Bett, und dann Tom im Bett. Und schließlich haben wir vieles gedreht, bei dem beide dabei waren. Sie lag im Bett und er lag direkt hinter dem Bett, während er seine Hand auf sie legt. Es waren also häufig keine visuellen Effekte. Manches fühlte sich in dem Moment lächerlich an und wir haben beim Drehen viel gelacht. Aber wenn man nur ihren Körper und seine Hand sieht – die beiden haben am Set im Grunde Twister gespielt.
Warner Bros.
FILMSTARTS: Da du Volker Bertelmann bereits erwähnt hast: Wie war die Zusammenarbeit mit ihm und was machte ihn zum richtigen Komponisten für diesen Film?
James Watkins: Ich liebe Volkers Arbeit und er ist außerdem ein sehr netter Mann. Wir haben eine tolle Beziehung. Ich wollte jemanden, der mir einen Score liefern kann, der die Größe und Breite hat, die man für einen Studiofilm braucht, der aber gleichzeitig nicht generisch ist. Er hat eine Haltung, seinen eigenen Sound und sein eigenes Gefühl. Er versteht es, sich in die Figuren zu versetzen. Volkers Arbeitsweise ist nicht bombastisch; er ist ein sehr präziser, bedachter Mann. Wir haben immer über die Charaktere, die Emotionen gesprochen und darüber, wie die Musik wirkt – ich mag es nicht, wenn die Musik führt, sondern wenn sie unterstützt. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit. Ich habe mich wirklich mit Volker angefreundet und würde liebend gerne wieder mit ihm arbeiten.
„Clayface“ läuft seit dem 22. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.