"Der Albtraum aller Kritiker": Einer der besten Filme dieses Jahrhunderts sprengt die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion – bald auch in 4K!
von Sidney Schering
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2008 veröffentlichte der gefeierte Drehbuchautor Charlie Kaufman sein Regiedebüt: Ein vielschichtiges, surreales und tragikomisches Statement über Identität, Vergänglichkeit und das Erzählen an sich. 2027 erscheint „Synecdoche, New York“ in 4K.

Bitterkomische Filme wie „Being John Malkovich“, „Adaption“ oder „Vergiss mein nicht“, in denen Wahrhaftigkeit und Surrealität verschmelzen, haben Charlie Kaufman in den späten 1990ern und frühen 2000ern zum gefeierten Star-Autoren gemacht. Anschließend nahm er alles, wofür seine Skripts stehen, und gab in seinem Regiedebüt endgültig jegliche Zurückhaltung hinsichtlich seiner Stilmittel und Themen auf:

„Synecdoche, New York“ ist ein melancholischer, zwischendurch nihilistisch anmutender, verschachtelter Film, der die Grenze zwischen Fakt und Fiktion auflöst und den begnadeten Philip Seymour Hoffman zu seiner besten Performance anstiftete. Aufgrund seiner thematischen Dichte, emotionalen Komplexität und Fülle an Gedanken bezeichnete FILMSTARTS-Autor Christian Roman das Projekt in seiner 4,5-Sterne-Besprechung als „Albtraum aller Kritiker“, Kritikerlegende Roger Ebert lobte ihn derweil als einen der besten Filme der 2000er.

2016 kürte ihn die BBC zu einem der 20 besten Filme des 21. Jahrhunderts, das Moving Arts Film Journal wählte ihn zuvor unter die 100 besten Filme überhaupt. Hierzulande könnt ihr den gleichermaßen unterhaltsamen wie intellektuell stimulierenden und emotional zehrenden Geniestreich aktuell leider nicht streamen, aber am 28. Januar 2027 feiert „Synecdoche, New York“ seine deutsche 4K-Premiere als Mediabook. Parallel dazu erhält die brillante, theatrale Tragikomödie Neuauflagen auf DVD und Blu-ray.

Darum geht es in "Synecdoche, New York"

Caden Cotard (Philip Seymour Hoffman) ist ein neurotischer, depressiver Hypochonder und glückloser Theaterregisseur, der angesichts seiner scheiternden Ehe verzweifelt den Silberstreif am Horizont sucht. Als seine unkonventionell besetzte Neuinszenierung des Klassikers „Tod eines Handlungsreisenden“ zum Erstaunen seiner als Künstlerin tätigen Frau Adele (Catherine Keener) erfolgreich startet, erhält Caden durch eine Theaterstiftung ein sattes Preisgeld und somit quasi einen Blankocheck für sein nächstes Werk.

Daraufhin setzt er sich in den Kopf, mit seinem neuen Stück das Leben in seiner Gesamtheit akkurat einzufangen. Zu diesem Zweck erwirbt er einen Flugzeughangar, der als megalomanische Theaterbühne dienen soll. Doch weder Cadens Bemühungen, die niederschmetternde Wahrheit über das Leben auf die Bretter zu bringen, bringen ihn näher an Erfüllung, noch seine Liebelei mit Kartenverkäuferin Hazel (Samantha Morton). Beziehungen zerbrechen, die Vorbereitungen auf Cadens Stück eskalieren, Jahrzehnte brausen vorbei und der Tod nähert sich unaufhaltsam ...

Alles steckt in einem Film

Die Interpretationsmöglichkeiten von „Synecdoche, New York“ sind mindestens so mannigfaltig wie seine postmoderne, verschachtelte Handlung. Kaufmans Regiedebüt lässt sich beispielsweise als Abgesang auf den Versuch deuten, die Wirklichkeit vollumfänglich und akkurat einzufangen. Kunst muss unweigerlich Schwerpunkte setzen, Facetten ausblenden und Ebenen glattbügeln – ist dies gut gemacht, entfaltet sich gerade dadurch Bedeutung.

Hier hallt der Titel des Films nach, handelt es sich bei einer Synekdoche (so die deutsche Schreibweise) um eine rhetorische Figur, laut der sich ein Wort durch einen Begriff mit enger oder weiter gefasster Bedeutung ersetzen lässt. Die wohl berühmteste Form einer Synekdoche wird durch das lateinische Prinzip pars pro toto beschrieben – ein Teil steht für das Ganze.

Im Falle des übertrieben ambitionierten, zu wenig inspirierten Caden Cotard bedeutet dies, dass er böse gesagt unfähig ist. Er begreift ein essentielles Kunst-Grundprinzip nicht und denkt, er müsste sein komplettes Leben abbilden, um eine Aussage zu treffen. Würde er sich auf einzelne Aspekte und ein paar konkrete Gedanken beschränken, könnte er mit seinen Ressourcen etwas ebenso Erstaunliches wie Profundes schaffen – stattdessen verbeißt er sich in ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist.

Nicht so lange auf "morgen" warten, bis es kein "heute" mehr gibt!

Diese Ebene von „Synecdoche, New York“ lässt sich aus dem Kunstmilieu reißen und allgemein aufziehen: Kaufmans surreale Tragikomödie, in der unterhaltsame Absurdität und gespenstische Melancholie dicht an dicht stehen, zeigt die immensen Kosten des Wartens auf (angebliche) Perfektion. Statt bis zum Umfallen an etwas vermeintlich Vollkommenem zu sitzen (nur, um es unvollendet zu hinterlassen) oder auf den perfekten Moment zu warten, bloß um ihm nie zu begegnen, sollten wir tätig werden und uns mit „gut genug“ begnügen.

Das ist eine Aussage, die häufig in Literatur, Theater und Film getroffen wird, aber selten mit solch einer Überzeugung und derartigem emotionalen Echo wie in „Synecdoche, New York“: Wer stets „morgen“ plant, den Schwarm um ein erstes Rendezvous zu bitten, „erst im richtigen Moment“ angeknackste Freundschaften reparieren will oder „dann, wenn es passt“ abgelegten Passionen erneut nachgehen möchte, wird irgendwann feststellen, dass schlagartig 20 Jahre vergangen sind und sich nichts getan hat.

Egal, wie faszinierend Hoffman den jammernden Protagonisten dieses Films spielt – man will wirklich nicht in seine Fußstapfen treten. Nicht grundlos wurde er nach dem Cotard-Syndrom benannt, das auch als Wandelleichen-Syndrom bekannt ist und Personen beschreibt, die irrtümlich glauben, zu verwesen, bereits tot zu sein oder gar nicht zu existieren. Kurzum: Nach dem schleichend immer apokalyptischer anmutenden, mit niederschmetternden Klängen untermalten „Synecdoche, New York“ ist es an der Zeit, seinem innerem Tatendrang zu folgen und zu leben, statt nur zu planen.

Und wenn euch das alles einschüchtern sollte – vielleicht ist ein 4,5 Stunden langes FSK-18-Action-Meisterwerk genau das, was ihr jetzt braucht:

Auf dieses gewaltige 4,5-Stunden-Meisterwerk mussten wir über 20 (!) Jahre warten – diese Woche kommt das Action-Epos endlich ins Heimkino

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Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
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