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    Unser Interview mit "Martyrs"-Kultregisseur Pascale Laugier zu "Ghostland": Ich hätte mich fast mit den Weinsteins geprügelt!
    Von Michael Meyns — 06.04.2018 um 21:00

    Wir haben Pascal Laugier bei der Deutschlandpremiere seines Horror-Schockers „Ghostland“ in Berlin getroffen – und dabei hat der „Martyrs“-Regisseur in einer Weise Klartext gesprochen, wie wir es nur selten zuvor in einem Interview erlebt haben…

    Capelight

    Mit „Martyrs“ hat er einen der extremsten, verstörendsten und besten Horrorfilme aller Zeiten gedreht – nun meldet sich Pascal Laugier mit seinem zweiten englischsprachigen Filmprojekt „Ghostland“ zurück. Darin geht es um Colleen (Mylène Farmer) und ihre Teenager-Töchter Beth Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson), die in einem abgelegenen kanadischen Landhaus von zwei folternden und mordenden Psychopathen terrorisiert werden. Klingt simpel, aber „Ghostland“ ist trotzdem alles andere als ein 08/15-Folterporno, sondern ein faszinierend verschachtelter Terrorfilm, in dem die erwachsene Beth („Teen Wolf“-Star Crystal Reed) Jahre später die grausamen Geschehnisse der Nacht zu einem abgründigen Bestseller verarbeitet…

    FILMSTARTS: Du hast mal gesagt, dass du die Welle der Meta-Horror-Filme wie „Scream“ nicht besonders magst. Wie unterscheidet sich „Ghostland“ nun in deinen Augen von dieser Art Filme?

    Pascal Laugier: Nun, bei den meisten – nicht allen – „Scream“ und Post-„Scream“-Mainstream-Horrorfilmen bekommt man den Eindruck, dass der Regisseur sich für ein wenig besser hält als seine Geschichte und seine Figuren. Ich dagegen liebe Kino, bei dem man sich als Regisseur entblößt, so wie es etwa M. Night Shyamalan oder John Carpenter machen: Sie riskieren etwas, offenbaren ihr Innerstes – das kann auch schiefgehen, lächerlich wirken, aber anders geht es nicht.

    Ghostland - Stell dich deiner Angst

    FILMSTARTS: Trotzdem gibt es in „Ghostland“ ein gewisses Spiel mit klassischen Horrormotiven – der Film ist ja zum Beispiel sehr bewusst im Einsatz von Stereotypen…

    Pascal Laugier: Ich bin eben in allererster Linie Horrorfan und kenne in dem Genre einfach alles. Und im Jahre 2018 ist auch das Publikum ebenfalls sehr wissend - sie kennen schon alles, sind aber zugleich auch zynisch und müssen von einem Film immer erst überzeugt werden. Als ich aufgewachsen bin, in den 1970er Jahren, war das noch anders: Wir liebten den Film, schon bevor wir ihn uns angesehen haben. Der Akt des Kinobesuchs reichte schon aus.

    Damals wusste man nichts über einen Film, bevor man ihn sich ansah. Heute hat ein Zuschauer schon zwei, drei Trailer gesehen, die fast alles verraten haben, und kauft seine Karte dann in der Erwartung, dass der Film einhält, was die Trailer versprechen. Im Wissen darum, dass das moderne Publikum sehr anspruchsvoll ist und schon so viel gesehen hat, ist es deshalb meine Aufgabe, es dennoch zu überraschen, denn am Ende geht es vor allem um das Erlebnis: Wenn ein Zuschauer meines Films das Kino verlässt, will ich, dass er nicht mehr dieselbe Person ist, das ist mein Ziel.

    FILMSTARTS: Deine zwei Killer sind ja auch Stereotypen – ein Transvestit und ein fetter hässlicher Typ. Natürlich ist das ein bewusstes Spiel mit Klischees, aber manche Zuschauer werden das sicherlich auch problematisch sehen…

    Pascal Laugier: Oh ja, in Paris haben mich manche Menschen dafür angegriffen - sie mochten den Film, konnten aber nicht verstehen, warum ich einen Transvestiten als Antagonisten nutzte. Ich kann dazu nur sagen: Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts und für uns in den 1970ern waren all diese ideologischen Fragen irrelevant. Jüdisch, arabisch, schwul - was auch immer, das war alles kein Thema mehr, aber heute kommen diese Fragen zurück, werden wieder zu Problemen gemacht. Aber das kann mich nicht interessieren, ich mache mein eigenes Ding.

    FILMSTARTS: Nun kann man den Film ja auch als Ausgeburt der Imagination der erwachsenen Beth verstehen, die als wenig talentierte Autorin dann all diese Klischees verwurstet…

    Pascal Laugier: Natürlich, der Film hat kein Anfang und kein Ende, er ist eine Art Spirale, eine Möbius-Schleife. Man kann ihn verstehen, wie man mag. Ich mag die Idee eines optimistischen Endes, meine Interpretation wäre, dass der Film die Geschichte eines Mädchens ist, die all diesen Horror erleben muss, um eine emotionale Künstlerin zu werden. Anfangs ist sie noch ein Fan, sie vergöttert Lovecraft - und am Ende liest Lovecraft ihr Buch und ist beeindruckt von ihr.

    FILMSTARTS: Insofern ist der Film also doch ziemlich „meta“?

    Pascal Laugier: Nein, nicht wirklich. Das sind einfach Subtexte, die man wahrnehmen kann oder auch nicht. Manche sehen den Film sehr straight, nämlich als Thriller, sie nehmen die emotionalen Subtexte gar nicht wahr. Das war auch wichtig für mich, dass man ihn so wahrnehmen kann. Letztlich ist es das, was meine persönliche Note ausmacht, wenn es sie denn überhaupt gibt: Je brutaler meine Filme sind, desto wichtiger ist es für mich, eine emotionale Ebene hineinzubringen. Ich könnte nicht zwei Jahre an einem Film arbeiten, der nur aus Blut und Gedärmen besteht. Ich brauche den melodramatischen Ton im Horror.

    Oliver Walterscheid

    FILMSTARTS: Du hast ja anfangs erwähnt, dass du Shyamalan sehr schätzt. Er hatte ja nach „The Sixth Sense“ das Problem, dass fortan immer solche extremen Twists von ihm erwartet wurden und „Martyrs“ hat ja auch solch eine überraschende Wendung. Aber mir scheint, dass deine Filme weniger über Twists funktionieren, sondern eigentlich sehr stringente Geschichten erzählen, die nur eben immer wieder extreme Wendungen nehmen…

    Pascal Laugier: Ja, das ist die Art von Twist, die ich mag. Das hat mit der Erzählperspektive zu tun, also der Frage: Wer ist der Autor des Films. Im modernen Hollywood-Kino wird das oft vergessen, da wird man erschlagen von Effekten, von viel zu vielen Schnitten, viel zu vielen Kameraperspektiven - das ist dann meist eher die Perspektive des Produzenten, der mit dem vielen Geld angibt, das er zur Verfügung hat. Ich komme aus einer Generation, die einen Film mit nur einer Kamera dreht. Da geht es weniger um das Motiv, sondern um die Art der Darstellung. Für mich müssen Filme auch so sein, wenn sie Kunst sein wollen. Und das führt zurück zur Erzählperspektive und den extremen Wendungen, die ich gern einsetzte. Als Kind war ich immer wieder extrem überrascht von den Episoden der „Twilight Zone“, ihr Erfinder Rod Serling ist einer meiner Helden, weil er zwar eine populäre, erfolgreiche Show gemacht hat, die aber zugleich oft philosophisch war und viel mit Subtexten gearbeitet hat.

    FILMSTARTS: Vermutlich ist der Amish-Junge ganz zu Beginn von „Ghostland“ dann auch so ein Subtext?

    Pascal Laugier: Das ist mein Sohn! Aber was diese Figur bedeutet, bleibt mein Geheimnis.

    FILMSTARTS: So wie in „Martyrs“ die Szene am Ende, wenn die Gequälte der alten Dame ins Ohr flüstert?

    Pascal Laugier: Genau! Die Schauspielerin hat da etwas ganz Bestimmtes gesagt, aber ich werde es niemals verraten...

    Martyrs

    FILMSTARTS: Nach „Martyrs“ wird auch „Ghostland“ wieder von komplex-starken Frauenfiguren dominiert, die stets mehr sind als nur typische Horroropfer…

    Pascal Laugier: Es ist für mich auch einfach eine Art, ihnen nahezukommen, sie vielleicht zu verstehen. Frauen sind für mich ein großes Rätsel - ich werde sie nie wirklich verstehen, aber ich versuche es. Und natürlich ist es eine Methode, sich mit schönen Frauen zu umgeben - zumal sie mich, als ich noch ein dickes Kind war, immer abgelehnt haben.

    FILMSTARTS: Es wird ja gerade viel über die Rolle von Frauen in der Filmindustrie gesprochen, wie sie in Filmen dargestellt werden, auch wie sie am Set behandelt werden. In deinen Filmen leiden Frauen ja erheblich, werden gequält und gefoltert…

    Pascal Laugier: Ja, denn das Böse existiert, es ist ein Teil dieser Welt. Aber in meinen Filmen sind die Frauen ja stark, sie lehnen es ab, Opfer zu sein. Aber ich wurde natürlich schon oft beschuldigt, misogyn oder sexistisch zu sein. Aber das ist nur Ideologie.

    FILMSTARTS: Was sagst du denn zur MeToo-Debatte?

    Pascal Laugier: Ich habe ja einige Zeit mit den Weinsteins an einem „Hellraiser“-Remake gearbeitet, da war ich oft in ihren Büros in New York - und du kannst mir glauben, all die Assistentinnen waren da völlig verängstigt, nicht nur wegen der sexuellen Belästigungen, sondern weil die Weinsteins einfach extrem unangenehme Leute waren, auch gegenüber Männern: Sie haben mich wie Dreck behandelt, ich hätte mich fast mit ihnen geprügelt. Und ganz Hollywood wusste das. Ich bin erleichtert, dass Frauen jetzt offen darüber reden können, aber der aktuelle Level an Heuchelei in Hollywood ist geradezu lachhaft.

    FILMSTARTS: Eine Sache, die ich ansprechen muss: Taylor Hickson, die während der „Ghostland“-Dreharbeiten bei einem Unfall mit einer Glasscheibe schwer verletzt wurde, hat nun die Produzenten verklagt. Vielleicht kannst du das kommentieren?

    Pascal Laugier: Aus offensichtlichen rechtlichen Gründen kann ich meine eigene Version der Ereignisse nicht genau darlegen. Aber ich möchte klar sagen, dass das wichtigste für mich heute Taylor ist. Ich unterstütze sie zu 100 Prozent. Am Set war sie wie meine Tochter und was da passiert ist, hat uns alle sehr schockiert. In Frankreich ist sie in den Sozialen Medien stark attackiert worden – und zwar von Kommentatoren, die keine Ahnung haben, was passiert ist, aber dennoch eine Meinung haben. Sie ist eine tolle Schauspielerin, sie ist jung und noch sehr verletzlich und ich unterstütze sie uneingeschränkt.

    FILMSTARTS: Du hast ja schon dein abgesagtes „Hellraiser“-Remake erwähnt. Wie stehst du denn zum US-Remake von „Martyrs“?

    Pascal Laugier: Oh je, ich wurde noch nicht einmal gewarnt, dass ein Remake gedreht wird, niemand hat mir Bescheid gesagt. Ich hatte einen schlechten Vertrag, ich hab nicht einmal Geld dafür bekommen! Das ist wirklich das einzige was ich in meiner Karriere bereue: Das mein Name nun mit solch einem Schrottfilm verknüpft ist und ich noch nicht einmal einen Cent dafür bekommen habe! Ich hab versucht, ihn mir anzusehen, aber habe nur 20 Minuten durchgehalten. Es war, als würde ich zusehen, wie meine Mutter vergewaltigt wird! Dann habe ich aufgehört. Das Leben ist zu kurz. Im amerikanischen System ist so ein Film wie „Martyrs“ einfach gar nicht möglich – sie haben meinen Film gesehen und ihn dann in etwas völlig Uninteressantes verwandelt.

    Martyrs - The Ultimate Horror Movie

    FILMSTARTS: Warum ist aus dem „Hellraiser“-Projekt eigentlich nichts geworden?

    Pascal Laugier: Clive Barker mochte meinen Ansatz sehr und er sagte mir: „Pascal, du hast genau verstanden, worum es mir geht.“ Aber die Weinsteins haben die Rechte und wollten lieber eine weichgespülte Version haben. Das „Hellraiser“-Universum hätte noch so viel Potential, aber das Problem ist, dass die Welt von „Hellraiser“ zugleich sehr teuer und sehr hart ist. Wie bei Lovecraft. Das ist auch der Grund, warum Guillermo del Toro nie das Geld für seinen sehr teuren Lovecraft-Film „Mountains Of Madness“ zusammenbekommen hat: Der Stoff ist sehr düster, zu düster für Hollywood, und zugleich eben auch sehr teuer.

    FILMSTARTS: Arbeitest du denn schon an einem neuen Projekt?

    Pascal Laugier: Nein, ich bin mit Ghostland“ erst seit einem Monat fertig. ich habe zwei Jahre an ihm gearbeitet, es war eine tolle, aber auch eine sehr anstrengende Arbeit. Jetzt brauch ich erst einmal eine Pause.

    Ghostland“ läuft seit dem 5. April 2018 in den deutschen Kinos!

     

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