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    "The Gray Man" auf Netflix beweist: Das beste Actionkino wird gerade nicht in Hollywood gemacht
    23.07.2022 um 15:58
    Aktualisiert am 24.07.2022 um 12:15
    Björn Becher
    Björn Becher
    -Mitglied der Chefredaktion
    Von den Stunts eines Buster Keatons über die Akrobatik eines Jackie Chans hin zur Brachialgewalt in „The Raid“. Björn Becher liebt Actionfilme.

    Nach Kinostart vorab ist „The Gray Man“ nun auf Netflix verfügbar und liefert krachende Action. Für diese ist Hollywood aber längst nicht mehr das Maß der Dinge – wie gerade der US-Film beweist und auch die Macher sowie Star Ryan Gosling erkannten.

    Netflix

    In der Wahrnehmung vor allem der westlichen Welt ist das Kino aus Hollywood immer das Maß der Dinge – auch in Sachen Actionfilmen. Und natürlich hat das amerikanische Kino hier über die Jahre auch immer wieder das Genre geprägt – angefangen einst bei den aberwitzigen Stunts von Stummfilm-Comedians wie Buster Keaton und Harold Lloyd über die Zeitlupen-Gewalt eines Sam Peckinpah („The Wild Bunch“) oder die innovativen Bullet-Time-Sequenzen der Wachowski-Schwestern in „Matrix“. Und auch heute versetzen uns die Stunts eines Tom Cruise vor allem in der „Mission: Impossible“-Reihe weiter in Begeisterung.

    Doch oft sind „neue“ Ideen im amerikanischen Actionkino zuvor in anderen Winkeln der Welt entstanden und schwappten dann erst rüber. In den 1980er- und 1990er-Jahren war zum Beispiel Hongkong mit Namen wie Jackie Chan und John Woo das Maß der Dinge. Unsere beiden Beispiele sollten bekanntlich dann auch schnell ihren Stil und ihre neuen Ideen persönlich in die USA tragen. Und aktuell prägen Produktionen aus Indien das moderne Actionkino mit, wie auch die Brüder Joe und Anthony Russo erkannt haben und ihre neueste Regie-Arbeit „The Gray Man“ in Ansätzen zeigt.

    Indische Filme als Vorbild für die Action in "The Gray Man"

    Wie wir in unserer Kritik ausführen, ist die Qualität der Action in „The Gray Man“ insgesamt sehr wechselhaft. Zu oft verbergen Kamera und schnelle Schnitte die gute Stunt-Arbeit, zu oft werden die Szenen beschleunigt, um zu vertuschen, dass die Schläge langsamer ausgeführt wurden. Ein Highlight ist aber der Auftritt des indischen Superstars Dhanush. In seiner Heimat ist der seit fast zwei Jahrzehnten bekannt, war gerade zuletzt immer wieder in Actionfilmen wie „Vada Chennai“ oder „Asuran“ zu sehen. Im Westen kennt man ihn dagegen noch kaum, sodass wir uns wunderten, ihn plötzlich mit einer herausragenden Performance in einem Hollywood-Film zu sehen.

    Im Rahmen eines kurzen Interviews mit den Russo-Brüdern wollten wir daher von den Regisseuren hinter Marvel-Hits wie „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“ wissen, wie es zur der Besetzung von Dhanush in „The Gray Man“ kam. Dabei verrieten sie uns, dass es am Ende ein Vorschlag ihres Stunt-Teams gewesen sei. Bei der Ideensuche, was man Aufregendes und Interessantes bei der Action für „The Gray Man“ machen könne, habe ihnen das Team nämlich immer wieder Clips von Dhanush aus verschiedenen Filmen vorgeführt.

    Hier hatte also das indische Actionkino ganz direkt Einfluss auf die 200 Millionen Dollar teure US-Netflix-Großproduktion. Bei der Überlegung, was man „neu“ machen kann, hat man geschaut, was Indien bereits gemacht hat. Und dann auch gleich einen Star von dort übernommen – der dann auch eine herausragende Körperlichkeit in einen kurzen Fight mit Ryan Gosling und Ana de Armas in einem Krankenhaus einbringt.

    Ryan Gosling will einen Actionfilm in Indien drehen

    Was für einen Stellenwert das indische Actionkino hat, wurde uns auch noch in einem anderen Gespräch deutlich – und zwar mit „The Gray Man“-Star Ryan Gosling. Dabei stand es angesichts der knappen Interviewzeit von nur fünf Minuten gar nicht auf dem Plan, mit ihm über Dhanush zu reden. Doch beim Gespräch über künftige Traumprojekte mit unserer Kollegin Melanie Schöppe platzte es plötzlich aus Gosling heraus: „Ich will einen Bollywood-Film drehen. Ich habe es geliebt, mit Dhanush zu arbeiten. Ich hoffe, mit ihm hat sich eine Tür geöffnet. Vielleicht sieht er in Zukunft ein Projekt und will einen Film mit mir in Indien drehen.“

    Eine kurze Anmerkung von uns: Gosling unterläuft hier der weit verbreitete Fehler, das indische Kino mit Bollywood gleichzusetzen. Bollywood ist allerdings nur die in Mumbai beheimatete Hindi-Unterhaltungsfilmindustrie. Dhanush selbst arbeitet vor allem in der in Chennai beheimateten tamilischen Filmindustrie (auch bekannt als Kollywood), die oft viel experimentellere Werke und neben der als Tollywood bekannten Telugu-Industrie die ungewöhnlichen Action-Ideen hervorbringt.

    Wir wären auf jeden Fall gespannt, Ryan Gosling in einem indischen Actionfilm mit Dhanush zu sehen. Das dürfte zudem noch dazu beitragen, dass noch mehr Leute sich mal das dortige Kino anschauen – und womöglich schnell begeistert sind.

    Update: Die Russos wollen sogar Filme in Indien entwickeln

    Kurz nach Erstveröffentlichung dieses Artikels gaben die Russo-Brüder sogar am Rande der indischen Premiere von „The Gray Man“ bekannt, dass sie in Zukunft womöglich enge Kooperationen mit einem indischen Filmstudio eingehen wollen und Projekte in Indien entwickeln. Man sei in Gesprächen mit Excel Entertainment, der Firma von u. a. Regisseur, Produzent und Schauspieler Farhan Akhtar (war zuletzt in einer kleinen Nebenrolle in „Ms. Marvel“ zu sehen).

    Noch sei man in einem frühen Stadium und tausche Ideen aus, doch es könne in Zukunft zu einer Zusammenarbeit kommen. Excel Entertainment ist unter anderem eine der Firmen, die für den Erfolg des Action-Sequels „K.G.F: Chapter 2“ verantwortlich ist. Dieser avancierte jüngst zum bislang dritterfolgreichsten indischen Film der Geschichte.

    Indisches Actionkino auf Netflix

    Denn aktuell wächst die Begeisterung für indisches (Action-)kino auch in Deutschland (so auch beim Autor dieser Zeilen, der es gerade selbst noch sehr frisch nach und nach entdeckt). Filme wie „Vikram“ oder „RRR“ laufen mittlerweile zum Start in deutschen Großstädten in den Kinos – und das dank vieler indischstämmiger Besucher*innen in einem vollen Saal mit einem den Film feiernden Publikum.

    Auch auf Netflix, wo ihr ja nun „The Gray Man“ streamen könnt, finden sich zahlreiche indische Werke. Wollt ihr nach „The Gray Man“ mehr von Dhansush sehen, gibt es allerdings leider nur einen Titel. Hier könnt ihr euch den Gangster-Thriller „Jagame Thandhiram“ anschauen, der zwar wunderbare Momente mit dem Star hat, insgesamt aber auch eine Menge Längen und so sicher nicht zu seinen besten Filmen gehört - als den einzigen weiteren Film mit Dhanush auf Netflix wollten wir ihn euch aber nicht vorenthalten.

    Richtig überdrehte Action liefern die beiden Superhelden-Parodien „The Man Who Feels No Pain“ und „Murali – Wie der Blitz“. Deutlich härter ist der auf wahren Begebenheiten basierende „Major“. Und wer danach auch mal ein paar ältere indische Filme sehen will, wird vielleicht mit den Rache-Reißern „Duniya“ (von 1984) und „Agneepath“ (von 1990) glücklich.

    Kein Actionfilm aber trotzdem hier als Empfehlung nicht fehlen darf „Gangubai Kathiawadi“, den wir euch ja schon mehrfach ans Herz gelegt haben und bei dem hier nur auf unsere 4,5-Sterne-Kritik verwiesen sei. Und ein Muss ist natürlich der meistdiskutierte (indische) und beste (ganz allgemein) Actionfilm des Jahres: „RRR“, der aktuell auch absolutes Hollywood-Pflichtprogramm zu sein scheint. Zuletzt reihte sich „Doctor Strange“- und „Black Phone“-Regisseur Scott Derrickson in die bereits sehr lange Liste von US-Filmschaffenden, die öffentlich ihre Begeisterung über „RRR“ teilten.

    Auch der Autor dieser Zeilen hat „RRR“ mehrfach schon auf dieser Seite empfohlen, sodass einfach auf den Artikel zum Netflix-Start verwiesen sei:

    Das Action-Highlight des Jahres gibt's überraschend neu auf Netflix: 3 Stunden pures Spektakel, das gerade noch im Kino lief

    Eine Abschlussanmerkung: Solltet ihr einen der genannten Filme hier nicht auf Netflix finden, müsst ihr in eurem Konto die Spracheinstellungen von „Deutsch“ auf „Englisch“ ändern – etwas, was wir ohnehin empfehlen, wenn ihr bevorzugt in der Originalfassung schaut. Denn mit englischer Spracheinstellung findet ihr plötzlich hunderte Filme und Serien mehr bei Netflix, die sonst rausgefiltert werden.

    Hinweis: Der ursprüngliche Artikel wurde nach Veröffentlichung noch mit der Information über die mögliche Kooperation der Russo-Brüder mit einer indischen Verleih- und Produktionsfirma ergänzt.

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