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    The Gray Man
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Gray Man

    Ein 200 Millionen Dollar teurer Old-School-B-Movie-Actioner von Netflix

    Von Björn Becher
    Den neuerlichen Rekord für den teuersten Netflix-Film aller Zeiten soll „The Gray Man“ gebrochen haben. Mehr als 200 Millionen Dollar Budget stand den „Avengers: Infinity War“- und „Avengers: Endgame“-Regisseuren Joe und Anthony Russo angeblich für die Adaption des gleichnamigen ersten Romans einer Bestsellerreihe von Autor Mark Greaney zur Verfügung. Und man sieht die vorhandenen Mittel dem finalen Film an. In einem rasanten Tempo werden zu Beginn die Schauplätze gewechselt, viele der Szenen sind offensichtlich auch wirklich vor Ort gedreht worden. Da wird dann auch mal die halbe Prager Innenstadt zerschossen...

    Andererseits darf man schon bewundern, dass die Russos mit diesem Mega-Budget am Ende doch einen sehr geradlinigen und eher ernsten Action-Thriller abgeliefert haben, der zwar Ähnlichkeiten mit Reihen wie „James Bond“ und „Fast & Furious“ aufweist, aber diesen nicht nacheifert, sondern in seinen besten Momenten an das brachiale wie zielgerichtete B-Movie-Kino der 1980er erinnert. Der ganz große Wurf gelingt ihnen aber trotzdem nicht, weil ausgerechnet die Action-Inszenierung neben einigen Höhen auch zu viele Tiefen hat und manchmal dann doch eine Spur zu viel geredet und zu wenig gehauen wird...

    Sierra Six alias The Gray Man - eine kampferprobte Killermaschine.


    Einst wurde Court Gentry (Ryan Gosling) direkt aus dem Knast von Donald Fitzroy (Billy Bob Thornton) für die CIA rekrutiert. Er ist seitdem als Auftragskiller Sierra Six für den Geheimdienst tätig. Als ihn der CIA-Operationsleiter Denny Carmichael (Regé-Jean Page) für einen neuen Auftrag nach Thailand schickt, stellt Six fest, dass er dort einen anderen Sierra-Killer töten muss. Weil der Kollege ihm vor seinem Ableben noch einen USB-Stick mit belastendem Material gegen Carmichael gibt, wird Six bald selbst zum Gejagten.

    Carmichael hetzt ihm den berüchtigten Soziopathen Llyod Hansen (Chris Evans) auf den Hals, der mit seiner Privatarmee als Freelancer die besonders dreckigen Jobs erledigt und keinerlei Regeln kennt. Doch Hansen begeht einen Fehler. Um Six zu schnappen, entführt er nicht nur dessen Mentor Fitzroy, sondern auch die kleine Claire (Julia Butters). Doch er ahnt nicht, dass der eiskalte Killer eine besondere Verbindung zu Fitzroys Nichte hat. Unterstützt von der CIA-Agentin Dani Miranda (Ana de Armas), die merkt, dass etwas faul ist, als sie ihr Boss Carmichael kaltstellt, wirft sich Six in den Kampf...

    Hör doch mal auf zu quasseln...


    Wenn der vom nach einer mehrjährigen Pause (seit „Aufbruch zum Mond“ von 2018) sein Comeback gebenden Ryan Gosling gespielte Six kurzzeitig bei dem gewieften Passfälscher Lazlo Sosa (Wagner Moura) untertaucht, wirft der Killer bald seinem Gegenüber genervt zu, dass dieser zu viel quassele. Auch wenn die Redseligkeit Sosas einem Zweck, nämlich der Vorbereitung eines Twists, dient, wird hier trotzdem ein Problem von „The Gray Man“ adressiert. Zu oft wird viel zu viel geredet – und meist auch unnötig.

    In einer komplett undankbaren Rolle darf die unter anderem aus „Marvel's Iron Fist“ und „Matrix 4“ bekannte Jessica Henwick als von ihrem Boss Carmichael dem freien Auftragnehmer Hansen an die Seite gestellte Beobachterin einfach nur mit wachsendem Entsetzen dessen Methoden kommentieren. Wir haben einen hochrangigen CIA-Offizier entführt – das geht zu weit. Oh, wir töten nun Polizisten, das geht aber definitiv zu weit. Wir gehen dafür bestimmt alle ins Gefängnis, sind solche Aussagen, die ihre Figur redundant in den Raum wirft, obwohl wir das alles sehen und uns selbst denken können.

    In der Einsatzzentrale wird viel geredet.


    Das bremst „The Gray Man“ ein ums andere Mal aus – obwohl der Action-Thriller sonst teilweise in einem Affenzahn erzählt wird. Schnell wechseln wie in besten „James Bond“-Zeiten die Locations, um dort große Action-Set-Pieces zu inszenieren – auf dem Boden, in der Luft und sogar kurzzeitig unter Wasser. Eindeutiges Highlight ist dabei eine riesige Schießerei in der Prager Innenstadt, bei welcher die Russos im wahrsten Sinne des Wortes alle Geschütze auffahren und keine Gefangenen machen.

    Nachdem Six von der lokalen Polizei verhaftet wird, beordert der längst mächtig von seinem ihm immer wieder durch die Finger gleitenden Ziel genervte Hansen einfach alles an Personal in die Altstadt, um Six nun zu durchlöchern. Und seine Söldner nehmen nun keine Rücksicht mehr und ballern alles, was sich bewegt, über den Haufen. Während Six hinter einer Parkbank kauert, wird das absurde Szenario immer noch eine Spur weiter gedreht: Jede Waffe, welche Hansens kleine Privatarmee anschleppt, ist noch einmal eine Spur größer als die vorherige. Die Szene ist wunderbar überzeichnet (mit der Ausnahme, dass Marvel-Star Evans als Hansen die offensichtliche Absurdität auch noch mal kommentieren und erklären muss, Thema: unnötige Geschwätzigkeit) …

    Die Action hat Licht aber auch viel Schatten


    … aber auch stark inszeniert. Die Russos wissen hier mit ihren Schauwerten und den Möglichkeiten des Budgets umzugehen. Dass hier den Figuren die halbe Innenstadt um die Ohren fliegt, ist mit all den durch die Luft wirbelnden Splittern förmlich zu spüren. Eine anschließende Verfolgungsjagd in, auf und um eine fahrende Tram dreht das explosive Geschehen noch einmal weiter. Der Moment ist eine Spur drüber – mit einem gigantischen Sprung von Gosling zum Beispiel. Diese Absurdität wird aber umarmt, wobei auch der durch seine Arbeit an gleich sieben (!) „Fast & Furious“-Filmen mit solcher Action bestens vertraute Kameramann Stephen F. Windon seine Erfahrung ausspielen kann, weswegen es einfacher fällt, auch die schwächeren Special-Effects-Einschübe zu verzeihen.

    Gleichzeitig ist „The Gray Man“ aber trotz solcher Over-The-Top-Momente immer noch ein Stück weit geerdet. Das Geschehen fühlt sich weitestgehend real an, weil jederzeit die brachialen Kräfte präsent sind. Ausgerechnet in den Nahkämpfen gelingt dies dem Regie-Duo aber nur teilweise. Der (in Anlehnung an seine kommende „Barbie“-Rolle?) in einem Dialog auch mal als „Ken Doll“ verspottete Ryan Gosling ist mit dicken Muskeln und vernarbtem Körper eine so imposante Erscheinung, dass man sich darauf freut, ihn im Zweikampf zu sehen. Doch sowohl er wie auch Chris Evans wurden in einigen Kämpfen dann wohl doch ein paar Mal zu oft gedoubelt. Hier kaschiert mal ein zu schneller Schnitt den Impact, dort zeigt eine ungünstige Kameraposition nur die Beine der Kontrahenten. Viel zu selten bleibt die Kamera auch mal länger und mal ruhiger auf einem Fight. Hilfreich ist dabei auch nicht, dass einige Szenen beschleunigt abgespielt werden, um langsamer ausgeführte Schläge dynamischer wirken zu lassen.

    Dani misstraut ihrem Boss...


    Das ist besonders schade, weil oft eine deutlich bessere Choreografie und Stunt-Arbeit hinter den Kämpfen zu erahnen ist, bei der auch die verschiedenen Schauplätze wie ein Transportflugzeug, ein Krankenhaus oder eine alte Burg nicht nur einen schicken Hintergrund liefern, sondern eine aktive Rolle spielen. Auch bei der ersten Kampfszene mit Ana de Armas in Thailand ist so jederzeit das Potenzial dahinter zu erkennen, aber am Ende ist der Kampf dann doch nur ordentlich, weil er deutlich unübersichtlicher inszeniert ist, als ihr längst legendärer Kurzauftritt in „James Bond – Keine Zeit zu sterben“. Und der angesprochene Kampf im Flugzeug ist leider ziemlicher Mist.

    Dass es auch in „The Gray Man“ anders geht, beweist ein kurzes Gastspiel des indischen Superstars Dhanush („Jagame Thandiram“), der sich als von Hansen zur Unterstützung ins Spiel gebrachter Killer mit Six und Dani in einem Krankenhaus prügelt. Das mündet in einer starken Actionsequenz, in welcher sich der actionerprobte Schauspieler als grandioser Szenendieb erweist. Kamera bzw. Schnitt schwenken und schneiden hier plötzlich viel seltener weg, zeigen hier öfter den Einschlag und damit die Auswirkung von Tritten und Schlägen, was direkt die Körperlichkeit ungemein erhöht.

    Man weiß nicht immer, was nun ernst sein soll


    Dieser Fight ist so auch viel besser als der natürlich stattfindende direkte Zweikampf der beiden Alpha-Männer in den Hauptrollen, die dann natürlich nach aller Zerstörungswut irgendwann entscheiden, es jetzt persönlich und mit ihren Fäusten auszutragen. Ganz sicher ist man sich dabei nicht, ob den Russos hier auch eine (misslungene) Parodie auf das damit verbundene Alpha-Männchen-Gehabe vorschwebt oder ob sie das dann doch ernst meinen, wie es sonst so oft in diesem Film eigentlich ist. Denn eigentlich tappt „The Gray Man“ trotz einiger Selbst-Kommentare selten in die Falle, alles irgendwie augenzwinkernd wieder entwerten zu müssen, wie es „Red Notice“ zum Beispiel vorgemacht hat.

    Die größte Ausnahme bildet hier der von Chris Evans verkörperte Lloyd Hansen. Der „Captain America“-Star hat sichtlich Spaß, einen soziopathischen Bösewicht zu verkörpern und genießt jede einzelne Minute. Leider nutzt sich seine Figur aber schnell ab, weil sich dann doch immer wieder die Manierismen wiederholen. Man weiß schnell, wie Hansen tickt, und das liefert Evans dann halt auch immer und immer wieder – wenn auch mit sichtbarer Freude. Mehr von ihm in einer im Raum stehenden Ausweitung auf ein Franchise mit Spin-offs und Prequels braucht es aber nicht – im Gegensatz zu Gosling, de Armas und Dhanush.

    Fazit: „The Gray Man“ ist ein ordentlicher Auftakt für ein mögliches Franchise, aber vor allem ein überteuertes und gerade dadurch erfrischendes B-Movie. Hauptdarsteller Ryan Gosling ist eine imposante Erscheinung und die besten Actionszenen hinterlassen mächtig Eindruck. Der wäre allerdings noch viel, viel größer, wenn nicht so oft Kameraarbeit und Inszenierung die starke Stunt-Arbeit und Choreografie verstecken würden.

     

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