The American
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion The American

4,0


Von Carsten Baumgardt

Wer nach Anton Corbijns „Control" - seiner melancholischen und hochgelobten Hommage an Joy-Division-Sänger Ian Curtis - dachte, der niederländische Starfotograf und Videoclip-Regisseur starte mit seinem zweiten Kinofilm „The American" nach Hollywood-Manier durch, weil er mit George Clooney einen der größten Stars der Traumfabrik an Bord hat, sieht sich getäuscht. Zwar vermitteln das Filmplakat und der Trailer den Eindruck eines eher reißerischen Action-Thrillers um einen Hitman, doch das mit US-Geld finanzierte, aber in Europa gedrehte Thriller-Drama ist tatsächlich das weitgehend zurückhaltend inszenierte Psychogramm eines Auftragskillers, das eine beeindruckende innere Spannung besitzt und durch eine stimmungsvolle Atmosphäre glänzt.

Der Amerikaner Jack (George Clooney) ist auf der Flucht. In der Abgeschiedenheit Schwedens geht alles schief. Zwei Häscher (Lars Hjelm, Bjorn Granath) musste der Auftragskiller, der selbst gejagt wird, umbringen – das alles vor den Augen seiner Geliebten Ingrid (Irina Björklund). Jack entschließt sich ohne zu zögern, sie zu beseitigen, weil seine Tarnung aufgeflogen ist. Er flieht nach Rom und kontaktiert seinen Auftraggeber Pavel (Johan Leysen), der ihn in ein Versteck in einem abgelegenen italienischen Bergdorf schickt. Jack hat die Nase voll, er will aussteigen aus dem schmutzigen Geschäft. Doch Pavel hält noch einen letzten Auftrag für ihn bereit. Er muss noch nicht einmal selbst abdrücken, sondern nur die Vorbereitungen erledigen und das Gewehr präparieren. Das Attentat ausführen soll die Profikillerin Mathilde (Thekla Reuten). Jack versucht sich von der Dorfbevölkerung fernzuhalten, trifft aber immer wieder auf den Pfarrer Benedetto (Paolo Bonacelli), der ihm nicht so recht abnimmt, dass er als Fotograf nach Motiven sucht. Und dann ist da noch die Prostituierte Clara (Violante Placido), die Jack regelmäßig konsultiert... Zwischen den beiden entwickelt sich ein Verhältnis...

Regisseur Anton Corbijn benötigt keine fünf Minuten, um seinem Publikum eine klare Richtung vorzugeben. In dem kurzen Prolog in der Einöde des schwedischen Winters führt er nicht nur sehr präzise seinen Protagonisten Jack ein, sondern bürdet ihm auch gleich noch den eiskalten Mord an seiner Freundin auf, an dem der Betrachter schwer zu schlucken hat, wenn er mit George Clooney als Identifikationsfigur des Films mitfiebern möchte. Hier distanziert sich Corbijn mit einem Handstreich von hollywoodschen Erzählmustern und stellt klar, dass er dem europäischen, kunsthandwerklichen Genrekino wesentlich näher steht. Das auf Martin Booths Roman „A Very Private Gentleman" basierende Drehbuch von Rowan Joffe („28 Weeks Later", „Brighton Rock") bietet keine großen Überraschungen oder Plottwists. Corbijn setzt vielmehr auf psychologische Spannung und auf feinfühlig ausgearbeitete Charakterkonflikte. Dabei ist es dann auch irrelevant, dass nahezu jede Figur ähnlich wie die Story vom Profikiller und seinem letzten Auftrag den Ursprung in einem Klischee hat, denn „The American" fesselt mit einem hervorragenden Ensemble und einer dichten, atmosphärischen Inszenierung.

George Clooney („Michael Clayton", „Up in the Air") ist für den einsamen Killer, der unterbewusst nach sozialen Kontakten lechzt, die Idealbesetzung, weil er den harten, rauen Kerl genauso überzeugend verkörpert wie den Romantiker, der sich von seiner emotionalen Verkrüppelung lösen will. Corbijn arbeitet mit dem Charisma Clooneys und setzt es seiner kalkuliert sperrigen und behäbig in Szene gesetzten Geschichte entgegen. Minutenlang tüftelt Jack an Patronenhülsen herum, baut quälend langsam sein Gewehr zusammen oder konstruiert einen Schalldämpfer der Marke Eigenbau. Mit diesen ausgedehnten Szenen erreicht der Regisseur zweierlei: Er gibt den Rhythmus des Films vor und verleiht dem Charakter Jack eine ungeheure Präsenz und Präzision, obwohl dessen Vorgeschichte vollständig ausgespart wird.

Auch wenn Clooney als Dreh- und Angelpunkt des Films im Zentrum steht, ist „The American" keine reine One-Man-Show. Die Schlüsselfigur im Kampf um Leben, Überleben und Tod ist Jacks Auftraggeber Pavel, der von Johan Leysen („Tattoo") gespielt wird: Ist er es, der Jagd auf Clooneys Protagonisten macht oder doch eine zweite Partei? Die inhaltliche Spannung des Films speist sich letztlich aus der psychologischen Unterfütterung dieser Frage, denn der Seelenzustand der Figuren wird immer in der Schwebe gehalten. Zu dieser knisternden Atmosphäre der Ambivalenz tragen auch die gut ausgesuchten Nebendarsteller bei. So ist etwa Thekla Reutens („Brügge sehen... und sterben?") Leinwandzeit zwar begrenzt, aber ihre Auftritte haben etwas Faszinierendes an sich. Sie besitzt Ausstrahlung – genauso wie die umwerfende Violante Placido („Krieg und Frieden"), die als Edelprostituierte Clara den mysteriösen Jack für sich gewinnen will. Besonders die Szenen zwischen Clooney und Placido sprühen vor emotionaler Spannung, denn der verschlossene Jack vertraut niemandem. Nur der Handlungsstrang um den als übergeordnete moralische Instanz installierten Pfarrer Benedetto entbehrt der erzählerischen Verführungskraft der weiteren Nebenplots.

Optisch nimmt sich der als Schöpfer unverwechselbar stilisierter Fotos und Videoclips bekannte Anton Corbijn erstaunlich zurück. Ein paar farblich sorgsam durchkomponierte Einstellungen hier und einige öffnende Vogelperspektiven da, ansonsten ist die Bildgestaltung eher klassisch und unauffällig. Die die Stimmung des Films unterstützenden Aufnahmen von Kameramann Martin Ruhe („Harry Brown", „Control") sind meist kalt und steril, werden aber punktuell mit beinahe romantischen Landschaftsbildern konterkariert, um die innerliche Zerrissenheit Jacks zu illustrieren. Besonders am Anfang serviert Ruhe ausladende Bergpanoramen und macht deutlich, wo sich das anbahnende Drama seinen Raum sucht: am scheinbaren Ende der Welt.

Anton Corbijns Freundschaft zu Herbert Grönemeyer („Das Boot") beschert dem Publikum nach dessen (kurzem) Schauspielcomeback in „Control" nun eine neue Wiederauferstehung: Der Sänger komponierte erst das zweite Mal überhaupt für das Kino und das 27 Jahre nach seiner Arbeit an Peter Schamonis Schumann-Biographie „Frühlingssinfonie", in der er auch die Hauptrolle des romantischen Komponisten übernahm. Und der Star zeigt, dass er sich auch im mittlerweile eher ungewohnten Medium weiterhin zurechtfindet, Grönemeyers Piano-Score für „The American" fügt sich atmosphärisch absolut stimmig in den Film ein.

Fazit: Es passiert nicht viel, aber das sehr präzise in Anton Corbijns psychologischem Drama „The American". Die völlig ironiefreie Variation von „Brügge sehen... und sterben?" lebt von dem Gefühl permanenter Unsicherheit, das die Charaktere erfasst. „The American" ist ein in gemächlichem Tempo erzähltes, karges und ruhiges Psychogramm, das von der Spannung zwischen den Figuren lebt und eine beachtliche emotionale Wucht entwickelt.

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