Wer ist Hanna?
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Wer ist Hanna?

4,0


Von Jan Hamm

Was dem britischen Regisseur Joe Wright mit „Wer ist Hanna?" gelungen ist, kommt einer cineastischen Auferstehung gleich. Zwar hatte er sich mit den Literatur-Adaptionen „Stolz und Vorurteil" und „Abbitte" schon einigen Respekt verschafft, den verspielte er aber mit seinem dritten Langfilm zu großen Teilen wieder. Das Obdachlosen-Drama „Der Solist" mit Robert Downey Jr. wurde von der Kritik als eiskalt kalkuliertes Oscar-Planspiel verhöhnt und für seinen schmierigen Sozialkitsch verrissen. Und nun das: Mit „Wer ist Hanna?" wechselt Wright ins Genre-Fach, überrascht die Skeptiker mit einem ekstatischen Thriller-Drama und macht zahlreichen Hollywood-Kollegen ganz nebenbei eine lange Nase - so und nicht anders lässt sich Videoclip-Ästhetik jenseits aller Hipster-Spielerei für das Kino nutzbar machen. Die aufpeitschende Musik der „Chemical Brothers" und Wrights stilsicher inszeniertes Actionballett ergänzen sich kongenial; die Grenze zwischen Musikvideo und Erzählkino wird unscharf. Mit rhythmischem Gespür fädelt Wright dabei nahezu meditative Sequenzen ein, in der sich eine berührende Coming-of-Age-Märchengeschichte und Hauptdarstellerin Saoirse Ronan ganz entfalten können. Der gebeutelte Filmemacher hat sich vom „Solist" reingewaschen, sein Erholungsbad in der frenetischen US-Rezeption hat er sich redlich verdient. „Hanna" ist einer dieser seltenen Glücksfälle, in denen aufregendes Genre-Kino und Arthouse-Sensibilität harmonisch zusammengeführt werden.

Hirsche, Bücher und ganz viel Schnee - mehr hat Hanna (Saoirse Ronan) in ihren 16 Erdenjahren noch nicht von der Welt mitbekommen. Unter der gestrengen Aufsicht ihres Vaters, des ehemaligen CIA-Agenten Erik Heller (Eric Bana), lebt sie im finnischen Outback und wird dort zur Überlebenskünstlerin gedrillt. Im hintersten Eck ihrer Hüttenbehausung steht ein Peilsender, der darauf wartet von Hanna aktiviert zu werden. Wird er eingeschaltet, ist es allerdings vorbei mit Naturidyll und Isolation. Denn dann wird eine gewisse Marissa Wiegler (Cate Blanchett) Hannas Fährte aufnehmen und nicht eher ruhen, bis sie zur Strecke gebracht ist. Als Erik das Gerät eines Tages eingeschaltet vorfindet, bleibt ihm nur die Hoffnung, seine Tochter hinreichend vorbereitet zu haben. Hanna muss es bei der folgenden Hetzjagd rund um den Globus jedoch nicht nur mit ihrer so omnipräsenten wie mysteriösen Todfeindin aufnehmen, sondern auch lernen, sich in einer vollkommen fremden Welt voller Technologie, Trivialität und Gefahr zu bewegen...

Es ist beeindruckend, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit Joe Wright seine Actionsequenzen als mitreißend choreographierte Tanzduelle zwischen Hanna und ihren Häschern inszeniert. Noch entscheidender für den künstlerischen Triumph von „Wer ist Hanna?" ist aber, wie perfekt der Regisseur seinen Film ausbalanciert hat: So gut die Erzählung als zackiger Thriller funktioniert, so ernst nimmt Wright die existentielle Verunsicherung seiner Protagonistin. Behutsam lässt er lauten Krawall und leise Drama-Zwischentöne ineinanderfließen und schafft damit eine Dynamik, die im Genre-Kino der letzten Jahre nahezu beispiellos ist. Wenn Hanna durch die Lüftungsschächte eines militärischen Untergrundkomplexes flieht und ihre Verfolger im Takt des pulsierenden „Chemical Brothers"-Soundtracks mit animalischer Instinktsicherheit ausmanövriert, zaubert Wright ein rhythmisches Feuerwerk auf die Leinwand, das zum unwillkürlichen Mitwippen animiert.

Die ungleich höhere Hürde stellt für Hanna wiederum die Konfrontation mit einer ihr vollkommen fremden Umwelt dar. Das reicht vom Input-Overkill einer durchtechnisierten Alltagswelt - etwa ultrasubjektiv inszeniert als bedrohlich-hysterische Lärm- und Licht-Collage in einem ganz normalen Hotelzimmer - bis zu sozialen Gehversuchen. Zur Hochform läuft Wright diesbezüglich mit einer Szene auf, in der Hanna und ihre zwischenzeitliche Reisegefährtin Sophie (Jessica Barden) einen intimen Moment in einem Zelt teilen. Ohne einen Hauch Voyeurismus zeigt er zwei pubertierende Teenager, die sich gegenseitig erotisch entdecken - und zwar ausschließlich über die taktvolle Zuspitzung auf Atemgeräusche, in warme Farben getauchte Gesichter und sich scheu kreuzende Blicke. Außerhalb dieser Erfahrung scheint es für einen Augenblick nichts weiter zu geben - und doch hat sich "Wer ist Hanna?" wenige Minuten später wieder zum furiosen Action-Trip gewandelt.

Sicher, die Handlung zwischen Teen-Drama und Thriller ist hochgradig konstruiert. Umso sympathischer, dass Wright die überhöhte Natur seines Stoffes nie leugnet. Ganz im Gegenteil: Er spielt sie voll aus. Und zwar über Grimm'sche Märchenmotive, die ihm im verwaisten Berliner Spreepark als Kulisse für den letzten Akt dienen. Ja, Hanna ist eine Märchenfigur, die aus dem metaphorischen Rapunzel-Turm der finnischen Schneewüste in eine fremdartige Welt tritt, um sich schlussendlich der stiefmütterlichen Hexe Marissa Wiegler zu stellen. Diese letzte Konfrontation, auf die der Film von Beginn an hinsteuert, führt Hanna im Spreepark erst durch ein Hänsel-und-Gretel-Häuschen und dann keinesfalls nur sinnbildlich in den Wolfsschlund hinab. Und was für eine fiese Hexe eine unter Starkstrom stehende Cate Blanchett („The Aviator", „Der Herr der Ringe - Die Gefährten") da abgibt, wenn sie sich wie besessen die Zähne blutig schrubbt, sobald gerade mal kein Handlanger als Blitzableiter zugegen ist.

Weshalb Marissa Wiegler Hanna überhaupt zur Strecke bringen will und muss, wird sehr spät noch als Twist verkauft. Die Auflösung spielt zu diesem Zeitpunkt jedoch längst keine Rolle mehr und taugt bloß noch als retardierendes Moment. Denn bis zum Finale hat sich Hanna längst durch ihre eigenen Lebenserfahrungen definiert und dabei auch von Erik Heller emanzipiert, den ein gewohnt engagierter Eric Bana („München") mit Herzblut gibt. An Saoirse Ronan („In meinem Himmel"), die sich im weiten Spektrum zwischen Killermaschine und verschrecktem Reh regelrecht austobt, kommen jedoch weder Blanchett noch Bana vorbei. Ronan ist es auch zu verdanken, dass sich Wright ein neues Profil erarbeiten konnte, denn sie hat sich für ihren „Abbitte"-Regisseur eingesetzt - ohne ihre Fürsprache wäre der Auftrag möglicherweise an Alfonso Cuarón („Children of Men") oder an Danny Boyle („Slumdog Millionär") gegangen. Schön, dass alles so kam, wie es gekommen ist - "Wer ist Hanna?" ist schon jetzt eines der Highlights des Kinojahres 2011.

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Kommentare

  • Ancobi

    "Leider" heute gesehen. Schade, die letzten 2 1/4 Stunden hätte ich sinnvoller verbringen können. Ich hatte mich von guter Kritik verleiten lassen - aber ausser viel Rumgerenne und brutale Schlägereien hat der Film nichts an Action geboten. Und viel zu langatmig, da hätte man mindestens 30 Minuten rausschneiden können ...

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