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Walhalla Rising
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Walhalla Rising
Von Jan Hamm
Wie ein anständiger Weltuntergang auszusehen hat, darüber herrscht nicht nur zwischen den Agenten theistischer Religionen seit je her Uneinigkeit. Auch das Kino sucht unermüdlich nach Wegen, Endzeitvision auszufeilen und abzugrenzen. In der Regel heißt das, sie zu maximieren. Noch opulenter ("2012"), noch hoffnungsloser ("The Road"), noch fundamentalistischer ("The Book of Eli") - die Apokalypse als Bühne des Dramas, des Spektakels. Mit "Valhalla Rising" geht der dänische Autorenfilmer Nicolas Winding Refn einen entscheidenden Schritt weiter, indem er Endzeiterwartungen als Phantasma im Angesicht des nahenden Todes begreift. Apokalypse bedeutet hier nicht die Explosion der Welt, sondern die Implosion wahnhafter Geister. Dass Refn sein Konzept als brutale Wikinger-Mär inszeniert, macht den Film nicht zugänglicher. "Valhalla Rising" ist kein unterhaltsamer Historien-Schwerttanz, sondern elegisches Arthouse-Kino im Rhythmus eines Andrei Tarkovski ("Stalker") und ornamentiert mit Motiven aus Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes". Das ist hypnotisierend - und herausfordernd. Wer bei der Entschlüsselung symbolträchtiger Landschaftsplateaus kein Lusterlebnis erfährt, sollte um "Valhalla Rising" also einen weiten Bogen schlagen.

In der kargen Weite des vorchristlichen Nordens steht ein Käfig. Hinter den hölzernen Stäben ruht ein Mann (Mads Mikkelsen), wie zur Statue erstarrt. Niemand konnte ihn je im Zweikampf bezwingen, diesen einäugigen Fremden, der nie ein Wort spricht. Und niemand weiß von seinen unheilvollen Visionen, die sich stets bewahrheiten. Eine davon raunt vom Ausbruch. One-Eye sprengt seine Ketten, seine Wärter bleiben im kalten Schlamm zurück. Der einzige Überlebende, ein kleiner Blondschopf, folgt ihm. Kurz darauf passieren die beiden ein Lager christianisierter Nordmänner. Eine Verständigung scheint nur über die rätselhaften Einwürfe des Jungen möglich zu sein. Dennoch glauben die Christen, mit One-Eye das Rückgrat ihrer heiligen Mission gefunden zu haben - der Rückeroberung des himmlichen Jerusalem, jenseits des Ozeans. Später auf See: Als die Odyssee nahezu verloren scheint, schält sich eine fremdartige Küste aus dem allesverschlingenden Nebel. Und im Kapitän reift die fürchterliche Ahnung heran, dass One-Eye längst die Führung übernommen hat. Dass das Ziel der Reise nicht Jerusalem sein wird - sondern der bodenlose Abgrund der Hölle...

"Valhalla Rising" positioniert sich meilenweit abseits konventioneller Erzählformate und stellt damit eine konsequente Fortführung von Refns nahezu parallel entwickelter Knast-Groteske "Bronson" dar. Mit seiner Hommage an Englands ruppigsten Häftling hatte der Däne das Konzept rationaler Aufschlüsselung von Gewalt und damit den bürgerlichen Anspruch per se an eine Gewaltstudie geradezu spöttisch ausgehebelt. Tom Hardys Bronson war eine Figur, deren Motive nicht psychologisch, sondern bloß noch über die Ästhetik seiner obskur-maskulinen Körper-Aktionskunst dechiffriert werden konnten. "Valhalla Rising" verweigert eine Identifikation nun vollends: One-Eye spricht nicht, er hat keine Biographie, keine klare Agenda. Er ist eine enigmatische Urgewalt in Menschengestalt und der Ausgangspunkt für Refns Überlegungen zur Architektur einer Endzeiterwartung.

In der skandinavischen Mythologie heisst es, dass Valhalla (der Festsaal der ehrenhaft Gefallenen) sich erheben und um das Schicksal der untergehenden Welt streiten wird. An der Heeresspitze: Der einäugige Gott Odin. Mit One-Eye lässt Refn diese Erzählung auf die christliche Apokalypse prallen. Dass die Wallfahrer später den Leibhaftigen in ihm zu erkennen glauben, ist nur folgerichtig: Der Avatar eines heidnischen Gottes wird sie gewiss nicht nach Jerusalem führen. Dass er sie überhaupt führt, ist dabei bloß ihre Interpretation - ebenso wie die Annahme, der kleine Blondschopf sei sein Sprachrohr. Tatsächlich gleicht er mehr einem Fährmann, der die Krieger in die herbeigesehnte Apokalypse geleitet. Seine Visionen weisen den Weg; diese blutroten Traumbilder, die gleichermaßen Produkt und Spiegel des kollektiven Endzeit-Deliriums der Wallfahrer sind.

Refn inszeniert diese Reise als Conrad'schen Trip ins "Herz der Finsternis", nur um dann scharf abzubiegen. Denn am Ende steht hier nicht die Errichtung einer neuen, infernalischen Ordnung unter dem Banner eines Kettenhemd-Kurtz, sondern die Auflösung der vertrauten Welt. Die größtenteils in Schottland eingefangenen Panoramen sind wild und lebensfeindlich, kennen keine Gebäude, keine fixierbaren Stätten der Gesellschaft - als ob jegliche Zivilisation hier längst gewichen wäre. Jenseits der Küsten versinkt die Welt im Nebel und wird für die Wallfahrer endgültig unsichtbar. Refn greift Werner Herzogs Konzept innerer Landschaften auf: An der Naturkulisse wird das Verebben der Welt aus der Perspektive der Figuren sichtbar. Dabei gelingen lange Einstellungen von kontemplativer Schönheit, die dem Topos Apokalypse eine selten gesehene Ästhetik verleihen.

Im Kreuzfahrer-Kapitän und seiner Jerusalem-Phantasie findet schließlich auch Klaus Kinskis legendärer Aguirre, ein Conquistador auf der Jagd nach dem nicht minder himmlischen El Dorado, seinen Widergänger. Doch hier steht nicht der Kapitän im Mittelpunkt. Seine ungeheuer dichte Atmosphäre verdankt "Valhalla Rising" maßgeblich Mads Mikkelsens geisterhafter Körperlichkeit, um die die anderen Figuren hilflos zirkulieren müssen. Ohne eine einzige Dialogzeile, ohne ein einziges Zucken in seiner versteinerten Mine, entzieht Mikkelsen seiner Figur jedwede Menschlichkeit. "Valhalla Rising" ist kein Film direkter Emotionalität, unmittelbarer Spannung oder erzählerischer Klarheit. Er ist so abstrakt und beklemmend wie sein Protagonist, der im narrativen Sinne kein Protagonist sein kann - und wie eine indifferente Welt, die nur in den Köpfen der Figuren untergeht.
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Kommentare

  • BJ D.
    Ein Film für fatalistische Nächte
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