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Keinohrhasen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Keinohrhasen
Von Carsten Baumgardt
Der Schuster, die Leisten und Til Schweiger: Nach seinem Aufstieg zu dem deutschen Mainstream-Star der Neunzigerjahre („Der bewegte Mann", „Männerpension", „Das Superweib", „Knockin' on Heaven's Door") folgte der unausweichliche Schritt in die USA, was bis in die Neuzeit zu, gelinde gesagt, vielen unglücklichen Auftritten („Driven", „Lara Croft Tomb Raider 2 - Die Wiege des Lebens", „King Arthur") oder Videothekenschrott („Der Bodyguard ") führte. Angekommen ist Schweiger in Hollywood nie. Deshalb ist es erfreulich, dass sich der gebürtige Freiburger auf seine Stärken besinnt und diese gezielt einsetzt: Als Regisseur („Der Eisbär", „Barfuß") hat er ein Händchen für Bilder und Timing, als Schauspieler kann er den Rollentypus des arroganten Frauenschwarms immer noch aus dem Stand spielen. Für seine dritte Regiearbeit, die romantische Komödie „Keinohrhasen", bringt Schweiger seine Kernkompetenzen auf den Punkt und beschert dem Zielpublikum eine furios-freche, dennoch gefühlvolle Screwball-Comedy mit beachtlicher Gagdichte.

Verantwortung zu übernehmen, ist die Sache des Klatschreporters Ludo (Til Schweiger) nicht. Er hangelt sich genüsslich von One-Night-Stand zu One-Night-Stand und fühlt sich prächtig dabei. Wer von ihm enttäuscht ist, hat selbst Schuld – schließlich kommuniziert er seine Absichten immer klar und deutlich. Seine kleine, beschränkte Welt gerät gehörig ins Wanken, als er mit seinem Kollegen Moritz (Matthias Schweighöfer) kolossalen Mist baut. Während einer privaten Großfeier, bei der Wladimir Klitschko seiner Freundin Yvonne Catterfeld (die beiden spielen sich selbst) einen Heiratsantrag macht, rauscht er bei dem Versuch, das Ereignis für seine Zeitung zu beobachten, durch ein Glasdach. Das Gericht verurteilt den Reporter zu 300 Stunden Sozialarbeit, die er in einem Kinderhort ableisten muss. Doch mit seiner Vorgesetzten, der Kindergärtnerin Anna (Nora Tschirner), ist nicht gut Kirschen essen. Wie es der Zufall will, hat Ludo ihr in der Kindheit übel mitgespielt. Anna nutzt die Chance auf Rache zunächst gnadenlos aus. Nach und nach nähern sich die beiden zwar an und finden sich keineswegs mehr so unsympathisch wie zu Beginn. Doch das schafft neue Probleme...

In den Neunzigerjahren erlangte die romantische Komödie Made in Germany einen berühmt-berüchtigten Ruf. Ein Film nach dem anderen wurde - oft sehr erfolgreich - heruntergekurbelt, bis es wirklich niemand mehr sehen mochte. Der Genreoutput ist nun auf ein verträgliches Maß geschrumpft, zumal die schweren und/oder geschichtsträchtigen Stoffe („Der Untergang", „Das Leben der Anderen", „Nirgendwo in Afrika", „Gegen die Wand") angesagt sind und im Ausland für Ansehen und Erfolg sorgen. So ist die Zeit für Schweigers „Keinohrhasen" günstig, den Anspruch beiseite zu legen und das Publikum hemmungslos zu unterhalten, wie es beispielsweise die Amerikaner mit Gag-Feuerwerken wie „Beim ersten Mal" oder „Jungfrau (40), männlich, sucht..." vorgemacht haben. Doch Schweiger schielt zum Glück nicht in die Staaten, sondern bleibt auf heimischem Terrain.

Wer will, kann sich bei „Keinohrhasen" über einiges mokieren. Die Grundstory ist so simpel und vorhersehbar, wie bei nahezu jeder romantischen Komödie. Dass Schweiger und seine knapp 18 Jahre jüngere Filmpartnerin Nora Tschirner, die auch noch idiotischerweise nur wegen einer unmodischen Brille plötzlich ein hässliches Entlein sein soll, etwa gleichaltrige Charaktere verkörpern, ist ein Witz für sich. Realismus im Allgemeinen? Geschenkt! Schweiger und seine Co-Autorin Anika Decker nutzen zwar Klischees und Stereotypen, überzeichnen diese aber bewusst, um an das höchste Gut der Komödie zu gelangen: den funktionierenden Gag. Und davon gibt es in „Keinohrhasen" jede Menge – vornehmlich in der ersten Hälfte, wenn Schweiger noch ungeniert die „wilde Sau" spielen darf und sich dabei an dem legendären Mattscheiben-Klatschreporter Baby Schimmerlos aus Helmut Dietls Erfolgsserie „Kir Royal" orientiert. Treffsichere Seitenhiebe auf die Medienwelt und die moderne Gesellschaft, gefeilter Wortwitz, rasantes Tempo und Charme treiben den Film voran, bis er unweigerlich von der bösen Screwball-Komödie in die ruhigen Gewässer der Romantik abgleiten muss, damit sich die beiden Zankäpfel doch noch kriegen. In dieser Phase droht „Keinohrhasen", der auffällig-pfiffige Titel erklärt sich übrigens in einer Szene schlüssig, die Puste auszugehen. Aber mit einem geschickten Schachzug rettet Schweiger den starken Gesamteindruck des Films. Es ist ausgesprochen clever, einen Film mit einem urkomischen Brüller (ein grandioser, wahnwitziger Auftritt von Jürgen Vogel im Klaus-Kinski-Look) zu starten und mit einem ebensolchen zu beenden (ein korinthenkackender Taxifahrer kriegt sein Schmierfett weg). Der erste Gag zieht das willige Publikum gleich auf seine Seite, der letzte entlässt es mit einem breiten Grinsen.

Der Schauspieler Schweiger macht wie gesagt das, was er kann. Sei es auch nur eine überschaubare Rollenvariation, das Konzept haut hin: Als schnöseliger Womanizer ist er eine Bank. Doch ohne eine hinreißende Nora Tschirner hätte es trotzdem nicht geklappt. Sie nimmt die männliche Zuschauerschaft augenblicklich in Beschlag. Der Regisseur weiß, wie er seine Hauptdarstellerin einsetzen muss und garniert die Anreize noch mit einigen dezenten Nacktszenen Tschirners. Da Schweiger immer noch gut im Geschäft ist, hat er es geschafft, ein Riesenaufgebot an deutschen Stars und Promis für Gastauftritte zu rekrutieren, wobei besonders Rick Kavanian als dem Affen Zucker gebender Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung „Das Blatt" (= „Bild") abgeht, wie Schmitz´ Katze. Er überzieht seine Figur bis zur Unkenntlichkeit, ist in seiner Karikatur aber zugleich extrem komisch.

Fazit: Til Schweiger gelingt mit „Keinohrhasen" eine leichtfüßige, witzlastige Romantik-Komödie mit trockenem Humor und ist sich dabei nicht zu schade, dahin zu gehen, wo es weh tut. Vor Kalauern macht der Regisseur und Autor nicht halt, im Gegenteil. Wenn's dem Lachen dienlich ist, sammelt er auf niedrigem Niveau Gags ein – auch wenn mal einer daneben geht. Das alles packt er selbstbewusst in Designer-gestylte Cinemascope-Bilder (ja, selbst die Kleidung der Kindergarten-Kinder aus dem hippen Modekatalog harmoniert perfekt miteinander), die nie in den Verdacht kommen, mit deutschem TV-Muff verwechselt zu werden.
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