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Hugo Cabret
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Hugo Cabret
Von
Hugo Cabret" ist entgegen des ersten Eindrucks kein Film für Kinder, sondern ein berührendes Leinwandmärchen für Kinoliebhaber und alle die es werden wollen. Deshalb überzeugt auch keiner der Trailer, weil hier versucht wird, den Film als etwas zu verkaufen, was er einfach nicht ist. Regisseur Martin Scorsese („Taxi Driver", „GoodFellas") verehrt das Kino und seine Geschichte wie kein zweiter auf diesem Planeten – und „Hugo Cabret" ist das pure Destillat dieser seit mehr als 50 Jahren andauernden Liebesbeziehung: Mit seinem ersten Ausflug ins 3D-Fach setzt Scorsese dem Kinopionier Georges Méliès, der bis 1922 mehr als 500 (!) Filme drehte, ein unvergessliches Denkmal. Wer mit dem Namen George Méliès jetzt nicht sofort etwas anfangen kann, sollte sich davon auf keinen Fall abschrecken lassen. Aber die Bereitschaft, sich auf eine magische und ganz sicher nicht anspruchsfreie Reise in die Kindertage des Kinos einzulassen, muss man schon mitbringen - denn Scorsese ist kein Mann der Kompromisse, auch wenn das Studio den Trailern nach zu urteilen lieber einen echten Kinderfilm von ihm gesehen hätte.

Paris im Winter 1931: Nach dem Tod von Vater (Jude Law) und Onkel (Ray Winstone) lebt der 12-jährige Hugo Cabret (Asa Butterfield) in den Wänden eines Pariser Bahnhofs und kümmert sich darum, dass immer alle Uhren aufgezogen sind. Ständig auf der Flucht vor dem hinkenden Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen) arbeitet der Waisenjunge außerdem daran, einen roboterähnlichen Schreibautomaten wieder in Gang zu bringen, den ihm sein Vater hinterlassen hat. Dazu klaut er immer mal wieder Zahnrädchen und andere Ersatzteile bei dem Spielzeughändler Georges (Ben Kingsley), der seine Aufziehmäuse und anderen Krimskrams im Bahnhof verkauft. Als George den Dieb eines Tages beim Stibitzen erwischt, nimmt er ihm das Notizbuch von Hugos Vater ab, in dem dieser alles, was zur Reparatur des Automaten nötig ist, in Skizzen festgehalten hat. Gemeinsam mit Georges‘ abenteuerlustiger Enkelin Isabelle (Chloe Moretz) setzt Hugo in der Folge alles daran, das Notizbuch wiederzubekommen – und stößt dabei auf ein wohlbehütetes Geheimnis in der Vergangenheit des Spielzeugverkäufers...



Nach dieser Inhaltsangabe versteht man noch nicht, was das Bahnhofstreiben nun eigentlich mit Stummfilmen und Méliès zu tun haben soll, aber wir wollen an dieser Stelle natürlich nicht die Überraschung verderben. Trotzdem sollte man ungefähr wissen, worum es geht, denn wer in Erwartung eines typischen 3D-Märchen-Abenteuers im Stile von „Alice im Wunderland" oder „Die Chroniken von Narnia: Die Reise auf der Morgenröte" ins Kino geht, wird sicher enttäuscht. Martin Scorsese lässt sich viel Zeit, um die Handlung, die Charaktere und die magische Stimmung des Paris der 30er Jahre zu etablieren – mitunter erinnert die Atmosphäre von „Hugo Cabret" so an eine Mischung aus Jean-Pierre Jeunets „Die fabelhafte Welt der Amelie" und Woody Allens „Midnight in Paris". Auch das 3D nutzt Scorsese nicht etwa für hochtourige Actioneinlagen, sondern für ausladende, atemberaubend schöne Fahrten durch den Bahnhof, bei denen man sich immer wieder staunend fragt, wie er das mit den zahllosen Statisten und den ziemlich schweren 3D-Kameras bloß hinbekommen hat: Obwohl Scorseses erster 3D-Stehversuch, ist in „Hugo Cabret" der visuell beeindruckendste und durchdachteste Einsatz der 3D-Technik seit James Camerons „Avatar" zu bewundern.

Martin Scorsese hat die Historie des Kinos so umfassend in sich aufgesogen wie wohl kein anderer Filmemacher neben ihm. Das zeigt sich nicht nur in seiner vierstündigen Dokumentation „A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies", auch hat er bereits 1990 die gemeinnützige Organisation „The Film Foundation" gegründet, die sich ganz der Präservation alter Filme verschrieben hat. Unter diesen Vorzeichen ist es wohl nicht vermessen zu behauptet, dass „Hugo Cabret" der bisher persönlichste aller Scorsese-Filme ist, schließlich behandelt er genau jene Themen, die dem Regisseur ganz besonders am Herzen liegen – und dieses Herzblut merkt man dem Film auch in jeder Szene an. Wenn Scorsese gen Ende Ausschnitte aus Mélièrs‘ bekanntestem Werk „Die Reise zum Mond" in 3D vorführt, vereint er die Vergangenheit und die Zukunft des Kinos und erfüllt zugleich den Traum eines jeden Cinephilen.

Die emotionale Ebene des Films lastet fast ausschließlich auf den Schultern von Asa Butterfield, der in so gut wie jeder Szene zu sehen ist - alles andere als eine leichte Aufgabe für den zum Zeitpunkt des Drehs 13-jährigen Nachwuchsschauspieler, die er aber mit Bravour meistert. Jetzt haben wir keinen Zweifel mehr daran, dass er auch das für 2013 angekündigte Science-Fiction-Epos „Ender's Game" problemlos wird stemmen können. An seiner Seite agiert die für ihr Alter schon sehr erfahrene Chloe Moretz („Kick-Ass", „Let Me In") gewohnt souverän, während Oscar-Preisträger Ben Kingsley (für „Gandhi") nach zuletzt doch einigen enttäuschenden Auftritten mal wieder eine extrem emotionale Performance raushaut, die ihm gut und gerne seine bereits fünfte Oscar-Nominierung einbringen könnte. Die größte Überraschung des Films bleibt aber Brachialkomiker Sacha Baron Cohen („Borat", „Brüno"), der hier nicht nur mit einem herrlich absurden französischen Dialekt, sondern auch mit feinem Slapstick in der Tradition von Charlie Chaplin begeistert.

Fazit: Wer das Kino liebt, darf diesen Film auf keinen Fall verpassen.
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