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Wild Target
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Wild Target
Von Alex Todorov
Schon im amüsanten „Keine halben Sachen" hantierte Regisseur Jonathan Lynn mit vergleichbaren Zutaten. Einen Auftragskiller, dessen Schüler und einen wütenden Auftraggeber ließ er dort aufeinander los. „Wild Target", ein Remake der französischen Thriller-Komödie „Der Killer und das Mädchen" aus dem Jahr 1993 mit den inzwischen verstorbenen Jungstars Marie Trintignant und Guillaume Depardieu, ist ganz ähnlich. Die Rollen übernehmen diesmal eine abgedrehte Emily Blunt („The Wolfman") und ein nah an Ron Weasley spielender Rupert Grint („Harry Potter und der Stein der Weisen"). Der großartige Bill Nighy („Operation Walküre"), ein bösartiger Rupert Everett („Die Girls von St. Trinian") und ein psychopathischer Martin Freeman („Shaun of the Dead") komplettieren einen exquisiten und spielfreudigen Cast, der für eine kurzweilige erste Stunde sorgt. Leider reichen der gute Soundtrack und die Ideen nicht, um über die ganze Länge zu unterhalten.

Victor Maynard (Bill Nighy) ist ein neurotischer, mutterfixierter und frankophiler Kontrollfreak. Wie schon seine Eltern verdingt sich auch der 54-Jährige als berüchtigter Profikiller. Als er von dem zwielichtigen Kunsthändler Ferguson (Rupert Everett) einen neuen Auftrag erhält, sieht zunächst alles nach einem Routinejob aus. Aber weit gefehlt. Victor bringt es nicht nur nicht übers Herz, die chaotische Kleptomanin und Betrügerin Rose (Emily Blunt) zu eliminieren, sondern lacht sich auch noch den Botenjungen Tony (Rupert Grint) als „Schüler" an. Auftraggeber Ferguson ist not amused und setzt kurzerhand zwei Killer auf das ungleiche Trio an...

Sicherlich verspricht das Schema „Killer verliebt sich in Zielperson" wenig Neues. Gleich zu Beginn offenbart eine dramaturgisch obligatorische Szene, dass der kultivierte und kaltblütige Mörder auch Herz besitzt. Nach einem vollzogenen Mord trötet der Papagei des Opfers Victors Namen. Kurz bevor Victor nun auch noch den Papagei beseitigt, krakeelt dieser „I love you". Victor lässt ab vom Tiermord, schließlich steckt der Killer in einer tiefen Lebenskrise. Noch immer steht Maynard unter dem Regime der Mutter, die grantig-resolut – samt einer kleinen Anleihe an Alfred HitchcocksPsycho"-Mutter – von Eileen Atkins („Robin Hood") gegeben wird. Sie sieht die Fortführung des Familiengeschäfts gefährdet und hat ihren Sohn im Verdacht, homosexuell zu sein. Dabei ist Victor in seiner Insichgekehrtheit und seinem professionellen Berufsfokus fast ein Neutrum und reminisziert mit dieser Verdrängung sämtlicher Sexualität den britischen Gentleman des späten 19. Jahrhunderts. Erst an den Beziehungen zu Rose und Tony wird sich später die Loslösung von dieser Übermutter katalysieren und der Mittfünfziger eine sexuelle Identität erlangen.

Was die Skurrilität der Figuren angeht, ist der Film typisch britisch. Doch auch wenn die schrägen Charaktere gelegentlich an so kauzige britische Sternstunden wie „Snatch" erinnern, reichen sie diesen doch nie das Wasser. Dazu mangelt es dem Drehbuch am großen Bogen, an Wendungen oder einer unvorhersehbaren Charakterentwicklung. Geringe Entfaltungsräume und wenige zündende Reibungspunkte sabotieren das gegebene Potential. Spätzünder Bill Nighy ist dennoch eine Freude. Entgegen seiner zahlreichen extravaganten Figuren ist Victor emotional und körperlich äußerst zurückgenommen – und in dieser neurotischen Geballtheit wiederum exaltiert. In seiner zwanghaft reduzierten Mimik, geschürzte Unterlippe voraus, schlägt sich all seine affektive Verkümmerung nieder. Rupert Grint hat als etwas unterbelichteter, aber gutmütiger Bote die Sympathien auf seiner Seite, dient aber innerhalb des Trios eher als Sidekick.

Dass „wild target" Emily Blunt ihre Filmrollen nicht nach Budgetgröße wählt, sondern ihr Augenmerk verstärkt darauf legt, mit den richtigen Leuten zusammenzuarbeiten, ist nicht erst seit ihrer doppelten Absage an Marvel bekannt. Ihr ist die Spielfreude jederzeit anzusehen, ihr Augenverdrehen, Hinternwackeln, Türenknallen und Kleinmädchenzicken macht jede Menge Spass. Die Chemie zwischen ihr und Bill Nighy stimmt, auch wenn sich die Liebe zwischen dem ungleichen Paar nicht erschließt und anfangs eher einer Vater-Tochter-Beziehung gleicht. Das mag an der ursprünglich für die Rolle der Rose gecasteten Helena Bonham Carter („Fight Club") liegen, deren Alter die Figur von vornherein in ein klareres Verhältnis zu Victor gesetzt hätte. Überhaupt hält sich das Drehbuch nicht mit Kausalitäten sowie möglichen Motivationen auf und versprüht eben dadurch teils auch eine gewisse Frische.

Zum restlichen Cast: Rupert Everett ist schlechterdings verschenkt. Er zeigt Ansätze eines wunderbaren Schurken, so lang er denn überhaupt zu sehen ist, denn sein Charakter taucht in der zweiten Filmhälfte unter. Dafür tritt der glänzend aufgelegte Martin Freeman in den Vordergrund und gibt den Killer mit vergnüglichem Sadismus. Das vermag den Film nicht zu retten. Die zweite Hälfte spielt fast ausschließlich im Haus der Maynards, wo sich das Trio vor den Killern versteckt. Überraschungen halten sich leider ebenso versteckt - Victor emanzipiert sich von seiner Mutter und der Film klingt vorhersehbar und ordinär aus.

Fazit: „Wild Target" ist eine spleenige, kleine Komödie fern unerwarteter Plotlines. Bill Nighy ist eine Schau und auch die restliche Besetzung agiert mit einem Esprit, der auch dem Drehbuch gut gestanden hätte.
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