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I'm Still Here
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
I'm Still Here
Von Björn Becher
Die „Mockumentary" (gestellte Dokumentation) ist keine neue Erfindung, selbst aus der Zeit vor Christopher Guests Klassiker „This Is Spinal Tap" aus dem Jahr 1984 lassen sich zahlreiche Beispiele finden. Trotzdem erfreut sich das Genre aktuell wieder wachsender Beliebtheit, seitdem der britische Komiker Sacha Baron Cohen seine Kunstfiguren „Borat" und „Brüno" auf eine unwissende Umgebung losließ und deren zum Teil krassen Reaktionen auf der Kinoleinwand präsentierte. Der mysteriöse Street-Art-Künstler Banksy trieb die Vermischung von Realität und Fiktion mit seinem diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Banksy - Exit Through the Gift Shop" dann sogar noch weiter auf die Spitze. Was sind reale Dokumentaraufnahmen und was ist nur gespielter Schein? Man weiß es nicht. Mit „I'm Still Here" knüpft Schauspieler Casey Affleck („Gone Baby Gone", „The Killer Inside Me") nun genau dort an. Sein Regiedebüt, das den Karriereabsturz seines Schwagers Joaquin Phoenix nachzeichnet, ist in Teilen definitiv gespielt, obwohl es sich den Anschein einer Dokumentation gibt. Wo aber die genauen Grenzen zwischen Fiktion und Realität verlaufen und was aus Joaquins Phoenix‘ Schauspielkarriere wird, bleibt auch am Ende des Films weiterhin offen.

Nach seinem Film „Two Lovers" und einen Wohltätigkeitstheaterstück mit Stars wie Bruce Willis und Jack Nicholson, bei dem er nur in einer kleinen Szene mit Danny DeVito zu sehen ist, beschließt Joaquin Phoenix im Oktober 2008, seine Karriere als Schauspieler an den Nagel zu hängen. Die Schauspielerei sei nicht sein wahres Ich, das er nun in einer Karriere als Rapper nach außen kehren will. Den Weg dorthin soll Casey Affleck mit der Kamera dokumentieren. Doch die neue Laufbahn kommt nicht richtig in Schwung. Wunschproduzent P. Diddy ist nur schwer zu fassen und erste Auftritte erzeugen ein desaströses Feedback. Zudem hält die Presse den Karriereumschwung für einen Fake, den Phoenix und Affleck sich für ihren Film nur ausgedacht haben. Mit immer neuen Rückschlägen geht der Weg für den gleichermaßen an Leibes- und Bartfülle zulegenden „Gladiator"-Star steil bergab...

Dass „I'm Still Here" ein Spiel mit Lüge und Wahrheit ist, machen die in den Credits als Autoren gelisteten Casey Affleck und Joaquin Phoenix von Beginn an klar. Nach realen (?) Jugendaufnahmen von Phoenix, die ihn unter anderem Gitarre spielend bei einer Tanzveranstaltung mit seinen berühmten Geschwistern zeigen, sind mehrere Interviewauszüge aus der Promotion-Tour zu „Walk the Line" geschnitten, in denen Phoenix steif und fest behauptet, vor dem Film noch nie Gitarre gespielt zu haben. Eine der beiden Aussagen muss gelogen sein. Auch später gibt der Film immer wieder offen zu, dass Unwahrheiten erzählt werden. Auch die Hintergrundgeschichte um Phoenix‘ persönlichen Assistenten Anton (Antony Langdon), Musiker der britischen Band Spacehog, der auf Alkoholentzug in einer Mini-Kammer lebt, ist zu überzeichnet, um als real angenommen zu werden, auch wenn sie, wie vieles an der Doku, sicherlich reale Elemente hat. Überzeichnet ist auch Phoenix‘ Jagd auf seinen Wunschproduzenten P. Diddy, dem er durch halb Amerika hinterher fliegt und der trotzdem nie Zeit für ihn findet. Als der Möchtegern-Rapper endlich einen Termin bekommt, erreicht er diesen aber eine halbe Stunde zu spät. Zudem verhält sich Phoenix in diesen Szenen wie ein nervöser kleiner Schuljunge. Auch Cameo-Auftritte von Ben Stiller, der Phoenix für eine Nebenrolle in seinem neuen Film „Greenberg" gewinnen will, oder „Battlestar Galactica"-Star Edward James Olmos, der ihm mit einer Erleuchtungsrede über Wassertropfen neuen Mut einflößen will, wirken arg gescriptet. So verwundert es auch nicht, dass im Abspann nicht jeder Mitwirkende sich selbst spielt, sondern manche auch eine Rolle verkörpern.

Die öffentlichen Auftritte, die Joaquin Phoenix während der Entstehung des Films absolviert hat, sind inzwischen dank YouTube & Co. weltweit legendär. Phoenix‘ Rückzugsankündigung, seine desaströser Rap-Performance in Miami oder sein Auftritt als Witzfigur in der Talkshow von David Letterman - all diese Performances sind auch im Film Pflastersteine auf Phoenix‘ Weg nach unten. Dieser beginnt für den Zuschauer höchst amüsant und ist gerade in der ersten Hälfte - egal ob nun real oder gestellt - eine spaßige Angelegenheit. Doch im Fortlauf des Films bleibt einem das Lachen zunehmend im Halse stecken, weil das Bild von Phoenix immer schockierender wirkt. Er konsumiert ständig Drogen, holt sich Nutten oder Groupies ins Haus und wird immer aggressiver, bis er schließlich sogar auf seinen Assistenten losgeht. Phoenix kennt offenbar keine Schmerzgrenze: Er prügelt sich mit einem Konzertbesucher, kotzt in die Ecke und schließlich scheißt ihm im Schlaf sogar sein Assistent mitten ins Gesicht. Der Welt zunehmend entrückt, murmelt er immer neue Rap-Zeilen vor sich hin. Unterhaltsam ist der Film in dieser - deutlich zu langen - zweiten Hälfte schon längst nicht mehr. Vielleicht will er das auch gar nicht sein. Regisseur Casey Affleck, der immer wieder selbst vor der Kamera auftaucht, verwies in der Pressekonferenz auf den 67. Filmfestspielen von Venedig darauf, dass der Film eine Lebenshilfe für einen gefallenen Freund sein soll. Aber da stellt sich natürlich schon die Frage, inwieweit es für Phoenix eine Hilfe sein kann, wenn der Film seinen Protagonisten in all seinem Elend und als unglaubliches Arschloch porträtiert?

Bei der Weltpremiere in Venedig verwies Casey Affleck noch einmal darauf, dass sein Werk kein Hoax sei. Für ihn ist es ein Film über Freundschaft und die Schattenseiten der Starkultur. Er habe keine Ahnung, ob Phoenix der Film gefalle, hoffe aber, dass er Teil eines Erlösungsprozess für ihn sein könnte. Sind diese Aussagen auch nur ein weiterer Teil einer groß angelegten Verschleierungstaktik? Oder wohnt man in „I'm Still Here" tatsächlich dem Zusammenbruch eines Stars bei, dem sein bester Freund helfen will, indem er seinen Absturz der Weltöffentlichkeit präsentiert? Die Wahrheit liegt wohl – wie sooft - irgendwo dazwischen...
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