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    Moonrise Kingdom
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Moonrise Kingdom
    Von Björn Becher
    Im vergangenen Jahrzehnt besetzte Wes Anderson mit seinen verschrobenen Filmen eine feste Nische im amerikanischen Kino. Doch dabei verlor er immer mehr Zuschauer. „Darjeeling Limited" spielte in den USA gerade einmal elf Millionen Dollar ein, weniger als die Hälfte des Vorgängers „Die Tiefseetaucher", der seinerseits schon ein kolossaler Flop war. Und auch die Kritiker, die Anderson für „Rushmore" und „Die Royal Tenenbaums" noch gefeiert hatten, wurden lauter und harscher: Er wiederhole sich nur noch, erzähle nichts mehr und es gehe ihm nur um seinen skurril-eigenwilligen Stil – und das auf Kosten der Emotionen. Anderson entschloss sich zu einem kurzzeitigen, radikalen Genrewechsel und drehte das für zwei Oscars nominierte Stop-Motion-Animationsmeisterwerk „Der fantastische Mr. Fox". Mit „Moonrise Kingdom", seinem ersten Realfilm seit fünf Jahren, knüpft er nun an die früheren Werke an. Dabei wirkt der Eröffnungsfilm der 65. Filmfestspiele von Cannes 2012 über weite Strecken fast wie ein Selbstzitat, zugleich widerlegt Anderson mit der Tragikomödie aber auch seine Kritiker. Denn zwischen all den kauzigen Figuren und dem schrulligen Humor verbirgt sich die wunderbar gefühlvolle Liebesgeschichte zweier zwölfjähriger Kinder: erster Kuss und ein toter Hund inklusive.

    New Penzance, eine kleine Insel vor der Küste Neuenglands im Jahr 1965: Pfandfinderlagerleiter Scout Master Ward (Edward Norton) muss entsetzt feststellen, dass einer seiner Schützlinge, der zwölf Jahre alte Sam Shakushky (Jared Gilman), mit einem Kanu, etwas Ausrüstung und einem Luftgewehr ausgebüxt ist. Schnell wird der lokale Sheriff Captain Sharp (Bruce Willis) verständigt, der die Suchaktion aber erst mal als Vorwand nutzt, um seiner Geliebten Mrs. Bishop (Frances McDormand) in Anwesenheit ihres Ehemanns Mr. Bishop (Bill Murray) einen Besuch abzustatten. Dabei ahnt er gar nicht, wie nah er dem Flüchtigen ist. Sam ist nämlich mit seiner großen Liebe Suzy (Kara Hayward), der Tochter der Bishops, abgehauen. Als auch Suzys Verschwinden bemerkt wird, nimmt die Suchaktion immer größere Ausmaße an und bald sind nicht nur Sharp, Ward und dessen Pfadfindergruppe, sondern auch das Jugendamt (Tilda Swinton) sowie Ober-Pfadfinder Commander Pierce (Harvey Keitel) von einer benachbarten Insel beteiligt. Und die Zeit drängt, denn ein Gewitter von epischem Ausmaß rückt näher...

    „Moonrise Kingdom" ist von der ersten Minute an unverkennbar ein Wes-Anderson-Film. Mit einer weit ausholenden Drehbewegung der Kamera werden zur Orchestermusik von Benjamin Britten nacheinander die Mitglieder der Familie Bishop vorgestellt: Suzy, ihre drei kleinen Brüder und die Eltern. Durch die Perspektive fühlt man sich ein wenig wie ein Voyeur, der indiskret in ein Puppenhaus lugt. Und sofort ist zu sehen: Die Figuren sind allesamt skurril, die Familie ist augenscheinlich ähnlich dysfunktional wie in den meisten Werken des Regisseurs. Auch im Folgenden bedient sich Wes Anderson seiner bekannten Stilmittel und zitiert sich mehrfach selbst. So verweist etwa die übertriebene Uniformierung fast aller Figuren auf „Die Royal Tenenbaums", während Bob Balabans („Unheimliche Begegnung der dritten Art") Erzähler mit Mütze und weißem Vollbart als Wiedergänger von „Die Tiefseetaucher"-Protagonist Steve Zissou (Bill Murray) daher kommt. Die Erzähler-Figur spricht dabei nicht nur den Zuschauer direkt an, sondern kommuniziert sogar mit dem Suchtrupp, lockt diesen auf die richtige Fährte und greift damit entscheidend ins Geschehen ein – eine weitere Steigerung von Andersons typischer augenzwinkernder Selbstironie.

    Aber Wes Anderson bedient sich keineswegs nur bei den eigenen Werken. Er zitiert sich quer durch die Filmgeschichte und gibt den aufgegriffenen Motiven einen eigenen, natürlich möglichst schrulligen Dreh: Da verbirgt Sam das in ein Zelt (!) geschnittene Loch, durch das er entwischt, mit einem Poster, später soll eine absurde Attrappe in Suzys Bett ihre Flucht vertuschen – ganz wie in Gefängnisausbruchklassikern wie Frank Darabonts „Die Verurteilten" und Don Siegels „Flucht von Alcatraz". Und der Pfadfindertrupp hat, als der Suchauftrag erteilt wird, nichts Besseres zu tun, als sich bis an die Zähne zu bewaffnen. Mit einem Motorrad und recht unterschiedlichen Tötungswerkzeugen wird dann die Insel durchkämmt – „Herr der Fliegen" trifft „Mad Max"! Dass es dann tatsächlich zu einer blutigen Konfrontation zwischen Pfadfindern und Flüchtigen kommt, bei der allerdings nur ein Hund namens Snoopy das Zeitliche segnet, illustriert den skurrilen Humor Andersons genauso wie die Namensgebung der Figuren. Der einfältige Sheriff heißt Sharp, der als Aufpasser völlig überforderte Pfadfinderleiter Ward und die Dame vom Jugendamt heißt schlicht Jugendamt.

    Inmitten all dieser Schrägheit und der für den Regisseur typischen überbordenden und detailverliebten Dekors entfaltet sich die ergreifende Liebesgeschichte zweier Kinder und mit ihr bekommt der Film einen emotionalen Anker. Sam und Suzy sind fest entschlossen ihre junge Liebe gegen alle Widerstände der Erwachsenen auszuleben, was Anderson in wundervollen kleinen Momenten einfängt. Die nur angedeuteten Liebesbriefe, zarte, fast beiläufige Berührungen machen den Anfang, der erste Kuss und ein Bild, das Sam von seiner leicht bekleideten Liebsten malt, sind die Fortsetzung. Die wundervoll-berührende Romanze zwischen den Kindern funktioniert vor allem auch, weil Anderson mit den Schauspieldebütanten Jared Gilman und Kara Hayward eine hervorragende Besetzung gefunden hat. Gilman als ausgestoßener, bebrillter und leicht irre wirkender Nerd und Hayward als stoisch starrende Schönheit erobern schnell die Zuschauerherzen. So schaffen sie es sogar dem bislang namhaftesten All-Star-Cast in einem Wes-Anderson-Film die Schau zu stehlen. Denn gegen die überragenden Kinder sind Anderson-Stammdarsteller wie Bill Murray und Jason Schwartzman sowie illustre „Neuzugänge" wie Bruce Willis, Edward Norton, Tilda Swinton, Frances McDormand oder Harvey Keitel trotz kleiner Glanzlichter machtlos.

    Fazit: Wenn Bill Murray mit freiem Oberkörper, einer Axt und einer Flasche Wein das Haus verlässt, um mal „irgendeinen Baum zu fällen" und die Auflösung dieser witzigen Szene später nur beiläufig im Hintergrund stattfindet, ist das eine Art von eigenwillig-skurrilem Humor, über die nicht jeder lachen kann. Aber die Fans von Regisseur Wes Anderson werden auch „Moonrise Kingdom" lieben. Und allen Skeptikern beweist der Regisseur mit einer emotionalen Liebesgeschichte gleichsam nebenbei, dass er auch anders kann.
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