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    Ready Player One
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Ready Player One
    Von Andreas Staben
    1975 hat Steven Spielberg mit „Der weiße Hai“ das Blockbusterkino mitbegründet und Popkulturgeschichte geschrieben, mit „Jäger des verlorenen Schatzes“ und seinen ersten beiden Fortsetzungen, mit „E.T.“ und mit „Jurassic Park“ hat er in den folgenden Jahrzehnten weitere tief im kollektiven Bewusstsein verankerte Meilensteine vorgelegt. Damit ist er die Traumbesetzung für die Regie bei der Verfilmung des in 80er-Jahre-Geekkultur getränkten Bestsellers „Ready Player One“ von Ernest Cline. Der Autor, der gemeinsam mit Zak Penn („X-Men: Der letzte Widerstand“) auch das Drehbuch für den Film verfasst hat, nimmt ein Virtual-Reality-Zukunftsszenario zum Vorwand für einen Nostalgietrip in die Zeit, die von Spielberg so sehr mitgeprägt wurde. Aber auch wenn der Zitatenreichtum des Science-Fiction-Actioners geradezu unerschöpflich ist, interessiert sich Spielberg weniger für die Vergangenheit als für die Gegenwart und die Zukunft des Filmemachens: Er nutzt in „Ready Player One“ die Möglichkeiten des Mediums für ein mitreißendes Spektakel, einen visuell immer wieder überwältigenden 3D-Trip in nie gesehene Welten aus lauter bekannten Elementen.

    Im Jahr 2045 zieht der in einem gigantischen Trailerpark am Stadtrand von Columbus, Ohio, hausende 18-jährige Waisenjunge Wade Watts (Tye Sheridan) wie die meisten seiner Zeitgenossen der tristen Wirklichkeit seines Lebens die virtuelle Realität der interaktiven Online-Welt OASIS vor. Dort nimmt er die Identität des Avatars Parzival an und verwendet seine ganze Energie darauf, die Aufgaben zu lösen, die Jimmy Hallyday (Mark Rylance) hinterlassen hat, der fünf Jahre zuvor verstorbene Schöpfer des Paralleluniversums. Wer alle Herausforderungen besteht und das Easter Egg des exzentrischen Erfinders findet, dem winkt nicht nur sagenhafter Reichtum, sondern auch die totale Kontrolle über die OASIS. Doch schon das halsbrecherische Autorennen, mit dem die Jagd nach dem Preis beginnt, war bisher zu schwer für Parzival, für dessen Freunde Art3mis (Olivia Cooke) und Aech (Lena Waithe) sowie alle anderen Teilnehmer. Außerdem setzt Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), der skrupellose Boss des Megakonzerns IOI, alles daran, den Wettbewerb zu manipulieren und die OASIS seiner Firma einzuverleiben…


    „Ready Player One“ beginnt mit einem Off-Kommentar des Protagonisten, der erklärt, dass es im Jahr 2045 genauso mies um die Welt bestellt ist, wie das aus heutiger Sicht zu befürchten ist. Dazu zeigt uns Steven Spielberg die Mischung aus Schrottplatz und Slum, in der Wade wohnt: Die Trailer stehen hier nicht nur dicht an dicht, sondern sind bis in luftige Höhe übereinandergestapelt. Da scheint es nur zu verständlich, dass die Bewohner fast alle eine VR-Brille aufgesetzt haben und sich mit ihren Gedanken und Sinnen ganz woanders befinden. Dann loggt sich auch Wade in die OASIS ein und Spielberg nimmt uns mit auf einen wilden Ritt in die digitale Wunderwelt. Wie schon in Filmen wie „A.I.“, „Minority Report“ und „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ nutzt er dabei den neuesten Stand der Filmtechnik, um visuell ein neues Level zu erreichen. Die immersiven Verlockungen der VR-Welten mit ihren ganz eigenen Regeln bringt er schon bei diesem Einstieg so überzeugend auf die Leinwand wie niemand vor ihm.

    Wenig später folgt ein Autorennen, mit dem Spielberg einmal mehr seinen Rang als einer der besten Actionregisseure überhaupt unterstreicht. Fast als säßen wir selbst an der haptischen Steuerung rasen wir mit Parzivals DeLorean und Dutzenden anderen Autos über Straßen, auf denen nicht nur lauter unerwartete Hindernisse auftauchen (von Blitzen bis zu diversen berühmten Tieren und Monstern), sondern die plötzlich selbst verschwinden, sich verbiegen oder verwandeln. Und wie die atemberaubend-virtuose Sequenz endet, das ist ebenso überraschend wie amüsant und wird nur noch von der Pointe übertroffen, mit der die scheinbar unüberwindliche Herausforderung schließlich doch gemeistert wird.

    Oft wird bei packenden Actionszenen vom Gefühl einer Achterbahnfahrt gesprochen, in „Ready Player One“ ist es ein virtuelles Vergnügen: Passend zum VR-Thema ist die Illusion eigentlich immer als solche erkennbar, aber wir geben uns ihr nur zu gerne hin, ob nun bei einer großen Schlacht von Hunderten Avataren oder bei einer schwerelosen Tanzeinlage. So wirkt es ein wenig halbherzig und pflichtschuldig, wenn es am Ende des Films heißt, das Beste sei immer noch die (echte) Realität, denn die sei schließlich real. Die Schattenseiten des Virtuellen, die Fragen nach dem Echten und Unverfälschten kommen hier nämlich ein wenig kurz. Wenn sich Parzival in Art3mis verliebt, obwohl er sie nie in der realen Welt getroffen hat und somit nicht ihr wahres Ich und Aussehen kennt, dann ist das in dieser Geschichte kein großes Problem.

    Die Figuren sind eher cool als echt, aber immerhin auf manchmal unerwartete Weise. Außerdem bereitet es großes Vergnügen, wie Ben Mendelsohn („Rogue One“) den aalglatten Vorzeigebösewicht spielt, der sich von seinen Lakaien das Popkulturwissen (Stichwort: John Hughes) vorsagen lassen muss und sein Passwort ganz altmodisch auf einen Zettel geschrieben hat, das kritische Porträt seines totalitären Megakonzerns Innovative Online Industries (IOI) bleibt allerdings im Ansatz stecken – genau wie der positive Gegenentwurf des idealistischen Gurus Hallydays. Mark Rylance (Oscar für „Bridge Of Spies“) nutzt die diversen Inkarnationen des OASIS-Gründers dennoch für ein erstaunlich vielschichtiges Porträt zwischen verlorener Seele, sendungsbewusstem Visionär und unglücklichem Genie.

    Die künstliche Perfektion (man achte auf Parzivals Haar) und der Hyper-Realismus der OASIS sind dagegen perfekt getroffen und es passt zum Entwurf der eskapistischen Traumwelt, dass der Overkill nie fern ist. Das liegt vor allem am schier endlosen Strom von Zitaten, Hommagen, Anleihen und Anspielungen: Alte Videospiele, Filme, Musik, Comics, Rollenspiele, Mode und Technik, bevorzugt aus den 1980er Jahren, sind hier ebenso wie in der Buchvorlage allgegenwärtig. Um alle Bezüge zu entdecken, reicht eine einzige Sichtung nicht aus, und schon das pure audiovisuelle Namedropping lässt das Geekherz höherschlagen und wer sich mit den 80ern oder mit Videospielen nicht so auskennt, der kann die Schatzjagd trotzdem noch genießen, denn sehr viele der Anspielungen sind absolut mainstreamtauglich – von Batman und Duran Duran über Monty Python und „Minecraft“ bis „Street Fighter“ und „Overwatch“, um nur ein paar willkürlich herausgepickte Beispiele zu nennen.

    Aber noch viel besser ist es, wenn die Zitate für die Handlung relevant sind: Wie etwa das Atari-Spiel „Adventure“, der Gigant aus dem All oder der schon erwähnte DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ in den Film integriert sind, geht über reines Zitatkino weit hinaus. Robert Zemeckis und seine Zeitreisekomödie kommen hier gleich mehrfach zu Ehren und auch die Filmmusik erinnert nicht zufällig zuweilen an den jubilierenden Schwung des „Back To The Future“-Soundtracks, denn Spielberg hat dessen Komponisten Alan Silvestri für seinen Film engagiert, nachdem feststand, dass sein Stammpartner John Williams für „Ready Player One“ nicht zur Verfügung stehen würde. Ein weiterer Klassiker sorgt schließlich für einen absoluten Höhepunkt, wenn die Figuren in einer ausgedehnten Sequenz den verblüffend detailliert rekonstruierten Schauplatz eines berühmten Horrorfilms betreten und dort bei der Schatzjagd blutige Überraschungen erleben – ehe die Szene in etwas ganz anderes mündet.

    Fazit: Steven Spielbergs „Ready Player One“ ist mitreißendes Blockbusterkino mit kleinen erzählerischen Schwächen.
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    Kommentare

    • Vanessa
      Der Film sollte doch in der Zukunft spielen, doch die popkulturellen Referenzen waren fast ausschließlich alle aus der Boomer Generation? Auf so eine blöde Idee kann wirklich nur Spielberg kommen. Als ob ein Teenager aus der Zukunft noch für den Breakfast Club brennen würde. Mit dem History Schinken, kann ich ja jetzt schon nichts mehr anfangen.
    • Pandorion
      Der Film transportiert die Vorlage zwar in moderner Form in unsere heutige Zeit, enttäuscht aber deutlich gegenüber der Buchvorlage.Besonders traurig war ich aber, dass die Vorlage mit wenigen Charakteren auskommt und diesen viel Spielzeit und damit Charaktertiefe zuteil werden lässt und dies für überraschende Wendungen sorgt. Großartige Bösewichte erscheinen mir einfach zu freundlich und neue/veränderte Nebenrollen wie i-Rok stehlen unnötige Zeit wichtige Inhalte zu erklären.------------------------PS: Bleibt für mich die Hoffnung, dass das Buch (eher ein Fantasy-Krimi) mit vielen Anspielungen auf Musik und Filme der 80er, beginnend mit den Anfängen der Rollenspiele bis hin zu futuristischen Schlachten (die Stars Wars, Matrix 1 und Pacific Rim normalerweise in den Schatten stellen sollte) irgendwann in fernen Zukunft als Serie oder Mehrteiler noch einmal verfilmt wird und die realistische, hochauflösende Welt der Oasis die Qualität erhält, die Ihr normalerweise zusteht.
    • Duderino
      Hey,genau deine Eindrücke haben mich auch nach dem Kinofilm überrascht zurückgelassen. Buch und Kinofilm sind doch sehr sehr verschieden und doch beide für sich super. Weiterhin habe ich den Film einfach als alternative Erzählung der Egghunt erlebt - und nicht 1x wirklich innerlich ans Buch gedacht und mit den Augen gerollt (und selbst Herr der Ringe hat mich das 2-3x machen lassen). Finde insgesamt ist die Adaption sehr gut gemacht worden und bei den Buchverfilmungen sehr weit oben dabei.
    • asdf
      Der Film war nicht schlecht. Er hatte starke Momente (der Stärkste für mich, war der Part im Shining-Film), aber auch richtig schlechte Momente. Für mich war der Film immer dann grenzwertig im negativen Sinne, wenn man den langweiligen (und mittlerweile echt ätzenden) typischen Spielberg Unterton vorgesetzt bekommt. Ist nicht selten passiert... daher würde ich nie mehr als 3 Sterne für den Film vergebenDas Potential war ungemein höher... man hätte einen richtigen Nerd (a la Deadpool) an den Regiestuhl lassen sollen... jemand der Easter Eggs in einen Film bastelt und dem man auch abkauft, dass er weiß, was das überhaupt bedeutet... (vielleicht war auch deshalb das erfolgreichste Easter Egg für mich persönlich das aus Shining, bei dem man sofort gemerkt hat, der Regisseur hat da einen persönlichen Draht zu)Mir würde Spielberg einen riesen Gefallen tun, wenn er nur noch Kinderfilme drehen würde...
    • Benedikt
      Worms lässt grüßen!
    • Shusher
      3D wie immer völlig sinnlos, aber was ich uneingeschränkt empfehlen kann bei diesem Film ist IMAX, möglichst mittig und man kommt vor allem bei der anfänglichen Autorennszene aus dem Grinsen nicht mehr raus. :)
    • Simon Missbach
      Meine (als Liebhaber des Buches doch recht hohen) Erwartungen wurden weitgehend erfüllt. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich durch die Trailer wusste wie sehr sich Buch und Film unterscheiden werden. So ist es nun auch, die einzige große Gemeinsamkeit ist der rote Faden der Story. Ich finde das Buch etwas tiefgründiger, jedoch stört das auch nicht so sehr wie bei anderen Filmen. Insgesamt ein vergnüglicher Kinoabend und eine versöhnliche Verfilmung eines meiner Lieblingsbücher. :)
    • Simon Missbach
      Ich hatte mir aufgrund des Effektgewitters mehr vom 3D versprochen. Ehrlich gesagt hab ich so gut wie nix davon wahrgenommen.
    • Shruufi
      Ich denke am meisten Spass kann man bei dem Film haben, wenn man das Buch noch nicht kennt. Denn der Film unterscheidet sich schon erheblich vom Buch. Ich hab mich trotzdem prächtig amüsiert, habe aber immer Vergleiche gezogen.Trotzdem ein sehr guter Film!
    • Fain5
      3D ist mal wieder absolut belanglos. Sie schaffen es einfach nie richtiges 3D zu bringen obwohl hier so viel Potenzial ist. Ich will Sachen aus dem Bildschirm kommen sehen und nciht in der Tiefe verschwinden sehen. Also LasKG übertreibt hier. 3D ist nciht störend aber auch kein Mehrwert.
    • Fain5
      Oh ja für mich und meinen Kumpel die größte Enttäuschung des Films :-D
    • LasKG
      ich würde sagen es macht ihm einfach spaß. er LIEBT filme und lebt das bei seiner arbeit aus...
    • LasKG
      3D ist bei diesem film meiner meinung nach ein absolutes MUSS.
    • jimbob
      Mein Gott, was hätte ich ein bestimmtes Halleluja gefeiert :(
    • Mugh
      Hi, mich würde interessieren wie die 3D Version rüberkommt. Ist doch eigentlich prädestiniert dafür. Wahrscheinlich gehe ich zuerst in die 2D Fassung. Das (Hör)buch war/ist jedenfalls der Hammer.Mugh
    • W.W
      Hört sich ja (wie erhofft) nach vergnüglichen Popcorn-Kino an...
    • LoganSix
      Ich habe das Buch gelesen und als ich fertig war, gleich nochmal. So genial fand ich es.Hoffentlich kommt der Film ans Buch ran. Ein Autorennen kam da z.B. nicht vor.
    • Rockatansky
      Naja, das ist dann Geschmackssache. Ich fand es passte nicht so. Wobei ich Nathan als Leser wirklich gut finde. Habe der Anschlag von Stephen King gehört. War toll. Meine Frau hat sich die Tribute von Panem angehört und da las die Synchro von Jennifer Lawrence auch das Buch. Find ich dann passender. Aber wie gesagt, Geschmacksache...
    • Simon Missbach
      Warum sollte er nicht? Dreht denn der Rest der Regiewelt nur, um anderen etwas zu beweisen? Vielleicht hatte er einfach Lust darauf? Fragen über Fragen.
    • Simon Missbach
      Hab auch das Hörbuch gehört (allerdings auf audible gekauft). Ich fand Nathan wider Erwarten sehr passend, er ist als Hörbuchsprecher/ -vorleser einfach über alle Zweifel erhaben. Eine jünger klingende Stimme - unabhängig von Wades Alter - könnte der Erzählung und auch der Spannungskurve dann doch abträglich sein, zumindest in meinen Augen. Aber im Film wird es dann sicher passend synchronisiert.
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