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Ready Player One
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ready Player One
Von
1975 hat Steven Spielberg mit „Der weiße Hai“ das Blockbusterkino mitbegründet und Popkulturgeschichte geschrieben, mit „Jäger des verlorenen Schatzes“ und seinen ersten beiden Fortsetzungen, mit „E.T.“ und mit „Jurassic Park“ hat er in den folgenden Jahrzehnten weitere tief im kollektiven Bewusstsein verankerte Meilensteine vorgelegt. Damit ist er die Traumbesetzung für die Regie bei der Verfilmung des in 80er-Jahre-Geekkultur getränkten Bestsellers „Ready Player One“ von Ernest Cline. Der Autor, der gemeinsam mit Zak Penn („X-Men: Der letzte Widerstand“) auch das Drehbuch für den Film verfasst hat, nimmt ein Virtual-Reality-Zukunftsszenario zum Vorwand für einen Nostalgietrip in die Zeit, die von Spielberg so sehr mitgeprägt wurde. Aber auch wenn der Zitatenreichtum des Science-Fiction-Actioners geradezu unerschöpflich ist, interessiert sich Spielberg weniger für die Vergangenheit als für die Gegenwart und die Zukunft des Filmemachens: Er nutzt in „Ready Player One“ die Möglichkeiten des Mediums für ein mitreißendes Spektakel, einen visuell immer wieder überwältigenden 3D-Trip in nie gesehene Welten aus lauter bekannten Elementen.

Im Jahr 2045 zieht der in einem gigantischen Trailerpark am Stadtrand von Columbus, Ohio, hausende 18-jährige Waisenjunge Wade Watts (Tye Sheridan) wie die meisten seiner Zeitgenossen der tristen Wirklichkeit seines Lebens die virtuelle Realität der interaktiven Online-Welt OASIS vor. Dort nimmt er die Identität des Avatars Parzival an und verwendet seine ganze Energie darauf, die Aufgaben zu lösen, die Jimmy Hallyday (Mark Rylance) hinterlassen hat, der fünf Jahre zuvor verstorbene Schöpfer des Paralleluniversums. Wer alle Herausforderungen besteht und das Easter Egg des exzentrischen Erfinders findet, dem winkt nicht nur sagenhafter Reichtum, sondern auch die totale Kontrolle über die OASIS. Doch schon das halsbrecherische Autorennen, mit dem die Jagd nach dem Preis beginnt, war bisher zu schwer für Parzival, für dessen Freunde Art3mis (Olivia Cooke) und Aech (Lena Waithe) sowie alle anderen Teilnehmer. Außerdem setzt Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), der skrupellose Boss des Megakonzerns IOI, alles daran, den Wettbewerb zu manipulieren und die OASIS seiner Firma einzuverleiben…


„Ready Player One“ beginnt mit einem Off-Kommentar des Protagonisten, der erklärt, dass es im Jahr 2045 genauso mies um die Welt bestellt ist, wie das aus heutiger Sicht zu befürchten ist. Dazu zeigt uns Steven Spielberg die Mischung aus Schrottplatz und Slum, in der Wade wohnt: Die Trailer stehen hier nicht nur dicht an dicht, sondern sind bis in luftige Höhe übereinandergestapelt. Da scheint es nur zu verständlich, dass die Bewohner fast alle eine VR-Brille aufgesetzt haben und sich mit ihren Gedanken und Sinnen ganz woanders befinden. Dann loggt sich auch Wade in die OASIS ein und Spielberg nimmt uns mit auf einen wilden Ritt in die digitale Wunderwelt. Wie schon in Filmen wie „A.I.“, „Minority Report“ und „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ nutzt er dabei den neuesten Stand der Filmtechnik, um visuell ein neues Level zu erreichen. Die immersiven Verlockungen der VR-Welten mit ihren ganz eigenen Regeln bringt er schon bei diesem Einstieg so überzeugend auf die Leinwand wie niemand vor ihm.

Wenig später folgt ein Autorennen, mit dem Spielberg einmal mehr seinen Rang als einer der besten Actionregisseure überhaupt unterstreicht. Fast als säßen wir selbst an der haptischen Steuerung rasen wir mit Parzivals DeLorean und Dutzenden anderen Autos über Straßen, auf denen nicht nur lauter unerwartete Hindernisse auftauchen (von Blitzen bis zu diversen berühmten Tieren und Monstern), sondern die plötzlich selbst verschwinden, sich verbiegen oder verwandeln. Und wie die atemberaubend-virtuose Sequenz endet, das ist ebenso überraschend wie amüsant und wird nur noch von der Pointe übertroffen, mit der die scheinbar unüberwindliche Herausforderung schließlich doch gemeistert wird.

Oft wird bei packenden Actionszenen vom Gefühl einer Achterbahnfahrt gesprochen, in „Ready Player One“ ist es ein virtuelles Vergnügen: Passend zum VR-Thema ist die Illusion eigentlich immer als solche erkennbar, aber wir geben uns ihr nur zu gerne hin, ob nun bei einer großen Schlacht von Hunderten Avataren oder bei einer schwerelosen Tanzeinlage. So wirkt es ein wenig halbherzig und pflichtschuldig, wenn es am Ende des Films heißt, das Beste sei immer noch die (echte) Realität, denn die sei schließlich real. Die Schattenseiten des Virtuellen, die Fragen nach dem Echten und Unverfälschten kommen hier nämlich ein wenig kurz. Wenn sich Parzival in Art3mis verliebt, obwohl er sie nie in der realen Welt getroffen hat und somit nicht ihr wahres Ich und Aussehen kennt, dann ist das in dieser Geschichte kein großes Problem.

Die Figuren sind eher cool als echt, aber immerhin auf manchmal unerwartete Weise. Außerdem bereitet es großes Vergnügen, wie Ben Mendelsohn („Rogue One“) den aalglatten Vorzeigebösewicht spielt, der sich von seinen Lakaien das Popkulturwissen (Stichwort: John Hughes) vorsagen lassen muss und sein Passwort ganz altmodisch auf einen Zettel geschrieben hat, das kritische Porträt seines totalitären Megakonzerns Innovative Online Industries (IOI) bleibt allerdings im Ansatz stecken – genau wie der positive Gegenentwurf des idealistischen Gurus Hallydays. Mark Rylance (Oscar für „Bridge Of Spies“) nutzt die diversen Inkarnationen des OASIS-Gründers dennoch für ein erstaunlich vielschichtiges Porträt zwischen verlorener Seele, sendungsbewusstem Visionär und unglücklichem Genie.

Die künstliche Perfektion (man achte auf Parzivals Haar) und der Hyper-Realismus der OASIS sind dagegen perfekt getroffen und es passt zum Entwurf der eskapistischen Traumwelt, dass der Overkill nie fern ist. Das liegt vor allem am schier endlosen Strom von Zitaten, Hommagen, Anleihen und Anspielungen: Alte Videospiele, Filme, Musik, Comics, Rollenspiele, Mode und Technik, bevorzugt aus den 1980er Jahren, sind hier ebenso wie in der Buchvorlage allgegenwärtig. Um alle Bezüge zu entdecken, reicht eine einzige Sichtung nicht aus, und schon das pure audiovisuelle Namedropping lässt das Geekherz höherschlagen und wer sich mit den 80ern oder mit Videospielen nicht so auskennt, der kann die Schatzjagd trotzdem noch genießen, denn sehr viele der Anspielungen sind absolut mainstreamtauglich – von Batman und Duran Duran über Monty Python und „Minecraft“ bis „Street Fighter“ und „Overwatch“, um nur ein paar willkürlich herausgepickte Beispiele zu nennen.

Aber noch viel besser ist es, wenn die Zitate für die Handlung relevant sind: Wie etwa das Atari-Spiel „Adventure“, der Gigant aus dem All oder der schon erwähnte DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ in den Film integriert sind, geht über reines Zitatkino weit hinaus. Robert Zemeckis und seine Zeitreisekomödie kommen hier gleich mehrfach zu Ehren und auch die Filmmusik erinnert nicht zufällig zuweilen an den jubilierenden Schwung des „Back To The Future“-Soundtracks, denn Spielberg hat dessen Komponisten Alan Silvestri für seinen Film engagiert, nachdem feststand, dass sein Stammpartner John Williams für „Ready Player One“ nicht zur Verfügung stehen würde. Ein weiterer Klassiker sorgt schließlich für einen absoluten Höhepunkt, wenn die Figuren in einer ausgedehnten Sequenz den verblüffend detailliert rekonstruierten Schauplatz eines berühmten Horrorfilms betreten und dort bei der Schatzjagd blutige Überraschungen erleben – ehe die Szene in etwas ganz anderes mündet.

Fazit: Steven Spielbergs „Ready Player One“ ist mitreißendes Blockbusterkino mit kleinen erzählerischen Schwächen.
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