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Tatort: Wer jetzt allein ist
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tatort: Wer jetzt allein ist
Von
Als Hauptdarstellerin Alwara Höfels („Keinohrhasen“) im Dezember 2017 wegen „unterschiedlicher Auffassungen zum Arbeitsprozess“ und eines „fehlenden künstlerischen Konsens“ ihren „Tatort“-Ausstieg bekanntgab, war diese Entscheidung mit Blick auf ihre bisherigen Auftritte durchaus nachvollziehbar: Keine einzige der ersten vier „Tatort“-Folgen aus Dresden konnte wirklich überzeugen. Das lag auch daran, dass große Teile der Zuschauer mit dem eigenwilligen Konzept von Drehbuchautor Ralf Husmann („Stromberg“), der kurze Zeit nach Höfels das Handtuch warf und ursprünglich einen „Tatort irgendwo zwischen Weimar und Münster“ machen wollte, nicht so recht warm wurden. Dann folgte im Januar 2018 jedoch der von Publikum und Filmkritik gleichermaßen gelobte „Tatort: Déjà-vu“: Der fünfte Fall des Teams aus dem Elbflorenz war der mit Abstand beste. An diese Klasse reicht Theresa von Eltz‘ „Tatort: Wer jetzt allein ist“ zwar nicht ganz heran, doch ist auch der sechste und zugleich letzte Dresden-Krimi mit Höfels absolut sehenswert.

Als die Studentin Doro Meisner (Svenja Jung) nachts ihre beste Freundin Laura Nix (Kyra Sophia Kahre) anruft, ahnt sie noch nicht, dass das Telefonat ihr letztes sein wird: Meisner wird vor einem Nachtclub brutal mit einem Kabelbinder erdrosselt. Die Hauptkommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) finden heraus, dass das Opfer unter dem Namen „Birdy“ in der Singlebörse „Lovetender“ viele Männer kennengelernt und mit falschen Versprechungen um viel Geld gebracht hat. Ein Besuch bei Betreiber Thomas Frank (Bernd-Christian Althoff) bringt die Erkenntnis, dass sich Meisner bei dem Portal abgemeldet hatte: Ihr Account wurde offenbar gehackt. Ist einer der Betrogenen der Täter? Die digitalen Spuren führen zu Einzelgänger Petrick Wenzel (Aleksandar Jovanovic), der seine kranke Mutter pflegt, und zum jungen Unternehmer Andreas Koch (Daniel Donskoy), der in seiner Villa regelmäßig Damenbesuch empfängt. Eine dieser Damen ist nun Gorniak, während sich Sieland undercover mit Wenzel trifft. Ihr Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) spielt derweil den Babysitter bei Gorniaks Sohn Aaron (Alessandro Schuster), dem seine Mutter nach einer schlechten Mathe-Klausur den Besuch eines Konzerts untersagt hat...

Mit Erol Yesilkaya („Gonger – Das Böse vergisst nie“) konnte der MDR einen bewährten Drehbuchautoren für den sechsten Dresden-„Tatort“ gewinnen: Yesilkaya schrieb in den vergangegen Jahren die Bücher zu mehr als einem halben Dutzend toller Sonntagskrimis – darunter der vielgelobte Münchner „Tatort: Die Wahrheit“, der herausragende Wiesbadener „Tatort: Es lebe der Tod“ und zuletzt der brillant arrangierte Berliner „Tatort: Meta“. An die Klasse und Originalität dieser kreativen Geschichten reicht sein neunter Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe allerdings nicht ganz heran, weil er diesmal auf Nummer sicher geht: „Wer jetzt allein ist“ bietet unter dem Strich nur wenig, was man im „Tatort“ nicht schon in verschiedenen Variationen gesehen hätte. Bei der Rahmenhandlung um die Gefahren von Dating-Portalen (die 2014 auch im Kölner „Tatort: Wahre Liebe“ behandelt wurden) legen die Filmemacher den Finger auf der Puls der Zeit, während die beiden Kommissarinnen sich über die Anweisungen ihres Chefs hinwegsetzen und sogar mit Tatverdächtigen anbandeln – ganz neu ist das alles nicht. Aber es ist überraschend unterhaltsam!

Das liegt nicht zuletzt an der überzeugenden Inszenierung von Regisseurin Theresa von Eltz („Der Kriminalist“), die 2015 mit ihrem Jugenddrama „4 Könige“ ein beeindruckendes Kinodebüt feierte: Knisternde Suspense-Momente wie Sielands Recherchen in der Wohnung des tatverdächtigen Petrick Wenzel oder ein Überfall auf die verängstigte Laura Nix halten sich die Waage mit routiniert vorgetragenen, aber oft bissig-pointierten Dialogen („Der Typ ist ne 10, du bist ne 8!“) und der nötigen Prise Humor, für die im 1059. „Tatort“ meist Kommissariatsleiter Schnabel verantwortlich zeichnet. Dessen Babysitting bei Gorniaks aufmüpfigem Sohn Aaron („Wir werden viel Spaß haben!“) wirkt angesichts seines mahnenden Zeigefingers im Hinblick auf die unerlaubte Undercover-Aktion seiner Kolleginnen zwar reichlich konstruiert, sorgt aber für Lacher am Fließband und wirkt erst am Schluss etwas albern, als die Filmemacher es mit seiner neu entdeckten Liebe zum Hard Rock übertreiben. Dass Gorniak und Sieland bei den Machenschaften von Datingportal-Betreiber Thomas Frank beide Augen zudrücken, hat ebenfalls wenig mit echtem Polizistenalltag zu tun – ein Spiegelbild deutscher Beamtenrealität konnte und wollte der „Tatort“ aber noch nie sein, und so sind Handlungsschlenker wie diese mit Blick auf die steile Spannungskurve locker zu verschmerzen.

Die Lösung der Täterfrage gestaltet sich angesichts des überschaubaren Personenkreises in diesem klassischen Whodunit zwar nicht sonderlich knifflig, doch liefern die Filmemacher mit Muttersöhnchen Petrick Wenzel (Aleksandar Jovanovic, „You Are Wanted“) und Womanizer Andreas Koch (Daniel Donskoy, „Sankt Maik“) zwei charismatische Tatverdächtige – Gorniaks splitterfasernackter Unterwasser-Liebeskampf mit Koch zählt sogar zu den erotischsten Szenen der jüngeren „Tatort“-Geschichte. Dass der Krimi unter dem Strich so kurzweilig ausfällt, liegt aber nicht zuletzt auch daran, dass sich das Team in Dresden nach dem holprigen Start nun endlich gefunden hat: Der nervtötende Emanzenkrieg der beiden Kommissarinnen mit ihrem chauvinistischen Chef (zu beobachten unter anderem im ersten gemeinsamen „Tatort: Auf einen Schlag“) und Schnabels übertriebene Technikverweigerung aus dem dritten „Tatort: Level X“ scheinen Geschichte – und so ist es fast ein bisschen tragisch, dass Alwara Höfels das Team bereits nach sechs gemeinsamen Einsätzen wieder verlässt und bald von ihrer Nachfolgerin Cornelia Gröschel („Honigfrauen“) beerbt wird.

Fazit: Theresa von Eltz‘ „Tatort: Wer jetzt allein ist“ ist ein spannender und witziger, wenn auch nach bekannten Mustern ablaufender Krimi und damit ein würdiger Abschied für Alwara Höfels.
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