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Tatort: Waldlust
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Tatort: Waldlust
Von
Im Februar 2017 sicherte der erste „Tatort“ von Filmemacher Axel Ranisch („Ich fühl mich Disco“) dem Regisseur prompt einen – allerdings alles andere als rühmlichen – Platz in den Geschichtsbüchern der fast 50-jährigen Krimireihe: In seinem bei Publikum und Filmkritik gleichermaßen durchgefallenen „Tatort: Babbeldasch“ verzichtete Ranisch auf ein festes Drehbuch und ließ das Ludwigshafener Stammensemble gemeinsam mit Laienschauspielern aus der Kurpfalz vor der Kamera improvisieren. Dieses zweifellos mutige, aber vollkommen missglückte Experiment bescherte dem Krimi nach Meinung einer großen deutschen Boulevardzeitung sogar den Titel „Schlechtester Tatort aller Zeiten“ – viele Zuschauer schalteten gar nicht erst ein oder binnen Minuten ab. Nach dem vernichtenden Echo war das Kind für den federführenden SWR allerdings schon in den Brunnen gefallen, denn Ranischs zweiter Anlauf „Tatort: Waldlust“, der nach demselben Prinzip entstand, war zum Zeitpunkt der mit reichlich Häme bedachten „Babbeldasch“-Premiere bereits abgedreht. Nun geht der zweite Impro-„Tatort“ ohne Kurskorrektur auf Sendung – und das Ergebnis fällt trotz einiger (allerdings eher unfreiwilliger) Lacher genauso desaströs aus wie beim ersten Mal.

Nachdem ihr Ex-Kollege Mario Kopper der Kripo in Ludwigshafen den Rücken gekehrt hat, wollen Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), Gerichtsmediziner Peter Becker (Peter Espeloer) und Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) etwas für den Teamgeist tun: Unter Leitung von Coach Simon Fröhlich (Peter Trabner) fährt die Truppe gemeinsam zum Lorenzhof – einem einst glanzvollen, sehr abgelegenen Hotel im Schwarzwald, das seine besten Tage mittlerweile hinter sich hat. Der Empfang im Hotel gestaltet sich alles andere als freundlich: Nachdem Odenthal & Co. sich in der verschneiten Einöde verfahren haben und von den ortskundigen, miteinander verheirateten Polizisten Jörn (Jürgen Maurer) und Elli Brunner (Christina Grosse) zum Lorenzhof gebracht werden, stürmt ihnen Hotelbetreiber Bert „Humpe“ Lorenz (Heiko Pinkowski) entgegen, der überhaupt nicht gut auf Brunner zu sprechen ist. Seine Nichte, die Wirtin Dorothee (Eva Bay), zeigt sich hingegen auffallend freundlich. Neben den Kripo-Beamten und ihrem Coach gibt es noch einen weiteren Gast: Die alte Schauspielerin Lilo Viadot (Ruth Bickelhaupt), deren glanzvolle Zeiten ebenso lange zurückliegen wie die des Hotels...

So viel Blödsinn auf einmal hab‘ ich in meinem Leben noch nicht erlebt“, wettert Lena Odenthal nach dem überraschenden Fund eines menschlichen Knochens im Abendessen – und spricht bei ihrem 67. Einsatz damit das aus, was große Teile des Publikums bereits bei Axel Ranischs erstem „Tatort“ dachten. Von gerade einmal 6,53 Millionen Zuschauern zu Beginn des Films (eine für die Krimireihe miserable Quote) hielt rund eine Million nicht länger als eine Viertelstunde durch – und auch beim „Tatort: Waldlust“ sind angesichts der improvisierten (und oft genuschelten) Dialoge, der wackeligen Handkamera und der skurrilen Geschichte ähnlich schlechte Werte zu erwarten. Wie schon im „Tatort: Babbeldasch“ sieht das Drehbuch von Sönke Andresen („Ostfriesisch für Anfänger“) keine festen Dialoge vor und lässt den Schauspielern reichlich Raum zur Entfaltung. Dass diesen diesmal keine Laiendarsteller ausfüllen und anders als im Vorgänger auch nur wenig Mundart zum Einsatz kommt, fällt aber kaum positiv ins Gewicht: Das zweite Krimi-Experiment im Jahr 2018 (nach dem brillanten Berliner „Tatort: Meta“) ist dermaßen trashig, hektisch und bühnenhaft inszeniert, dass den Schauspielern kaum eine Chance bleibt, in dieser wirren Geschichte für voll genommen zu werden.

Aus dem 1050. „Tatort“ hätte immer noch eine spaßige Krimi-Persiflage werden können, doch leider nehmen sich die Beteiligten – allen voran Odenthal, die anfangs wie auf Krawall gebürstet scheint und eine abgekartete Nummer wittert – beim munteren Improvisieren viel zu ernst. Auch der Erzählton wechselt im Minutentakt: Wenn Assistentin Keller im Garten ihre Tai-Chi-Übungen macht und sich Coach Frühling hinter ihrem Rücken nach einem Saunagang nackt in den Schnee schmeißt, ist das ein durchaus amüsanter Moment. Kurz zuvor sollen wir uns aber noch fürchten, wenn Odenthal und Stern durch einen dunklen Keller stiefeln und billige Jump Scares über sich ergehen lassen müssen, die kaum elektrisierender ausfallen als der peinliche Geisterbahngrusel im ähnlich missratenen Frankfurter Horror-Tatort „Fürchte dich“. Auch das reizvolle Setting im verschneiten Schwarzwald, das dank mangelhafter Verkehrsanbindung und fehlendem Handynetz an abgeschottete Whodunit-Konstruktionen wie den jüngst neuverfilmten Klassiker „Mord im Orient-Express“ erinnert, wird letztlich verschenkt, weil die Spannung durch die bescheuerten Figuren und einige absurde Handlungsschlenker schon im Keim erstickt wird.

Wer dem Desaster die Krone aufsetzt, ist schließlich die betagte Lilo Viadot (Ruth Bickelhaupt, stand bereits bei „Alki Alki“, „Reuber“ und „Dicke Mädchen“ für Ranisch vor der Kamera), die dem Film schon bei ihrem ersten Auftritt – einer spontanen Autogrammstunde beim Essen – jeglichen Anspruch auf Ernsthaftigkeit nimmt und in einem weißen Ballkleid mit Federboa von den Filmemachern förmlich vorgeführt wird: In einer grotesken Sequenz soll die einstige Diva zu Grammophonklängen so etwas wie Melancholie in diesen erschreckend schwachen „Tatort“ zaubern, lädt mit ihrer irritierenden Zirkusnummer aber eher zum Fremdschämen ein. Auch die extra eingespielten Orchesterklänge der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz sind letztlich Perlen vor die Säue: Wurden in den letzten Jahren beispielsweise der herausragende Wiesbadener „Tatort: Im Schmerz geboren“ oder der starke Frankfurter „Tatort: Die Geschichte vom bösen Friederich“ von den Klängen des HR-Sinfonieorchesters vergoldet, wirkt die klassische Musik in diesem Krimi aus Ludwigshafen selbst beim westernähnlichen Finale seltsam aufgesetzt und kann über die dramaturgischen Schwächen des erneut krachend gescheiterten Impro-Experiments bei weitem nicht hinwegtäuschen.

Fazit: Axel Ranischs zweiter Impro-„Tatort“ ist genauso schlecht wie der erste.
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