Dinner für Spinner
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Dinner für Spinner

4,0


Von Julian Unkel

Lange Zeit war es relativ still um Jay Roach. An mangelndem Erfolg kann es nicht gelegen haben, schließlich spielten allein seine drei vorherigen Filme („Meine Braut, ihr Vater und ich", „Austin Powers in Goldständer", „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich") gemeinsam mehr als eine Milliarde Dollar ein. Doch ab 2004 nahm sich der Komödien-Spezialist eine Auszeit, konzentrierte sich aufs Produzieren (unter anderem „Borat" und „Brüno"), inszenierte lediglich den emmyprämierten Fernsehfilm „Recount" und überließ ansonsten der Apatow-Gang das Feld. Dieses Jahr meldet sich Roach jedoch gleich in doppelter Hinsicht zurück: Sein Erfolgs-Franchise um die Focker-Familie geht im Dezember mit „Meine Frau, unsere Kinder und ich" in die dritte Runde – und während Roach sich dort erneut mit der Produzentenrolle begenügt, schwang er sich für das Komödien-Remake „Dinner für Spinner" selbst auf den Regiestuhl und liefert damit prompt den witzigsten Film des Kinosommers.

Nach einer gewinnträchtigen Idee scheint der Weg in die Chefetage für Tim Conrad (Paul Rudd) endlich offen. Als letzte Hürde erweist sich das exklusive, allmonatliche Dinner der Führungsriege, zu dem Tim von seinem Boss (Bruce Greenwood) eingeladen wird. Der Kniff an der Sache: Anstatt des Lebenspartners sollen die Teilnehmer einen möglichst großen Idioten mitbringen – wessen Gast am meisten amüsiert, wird zum Gewinner des Abends gekürt und darf sich zukünftig einige Vorteile erhoffen. Nicht zuletzt das Entsetzen seiner Freundin Julie (Stephanie Szostak) über die Einladung lässt Tim zweifeln. Doch gerade als er das Dinner absagen will, läuft ihm Barry Speck (Steve Carell) buchstäblich über den Weg, der wohl schon allein aufgrund seines abstrusen Hobbys – Rekonstruktionen von Kunstwerken, historischen Ereignissen und Situationen aus dem eigenen Leben, die aus ausgestopften Mäusen bestehen – den sicheren Sieg bedeuten würde. Gegen sein Gewissen lädt Tim Barry zu dem Dinner ein – nichtsahnend, dass dieser ihm von da an nicht mehr von der Seite weichen und sein Leben in ein einziges Chaos verwandeln wird...

„Dinner für Spinner" – die Zweideutigkeit des Originaltitels „Dinner for Schmucks" (das aus dem Jiddischen stammende „Schmock" kann sowohl Tollpatsch als auch Snob bedeuten) geht mit der Übersetzung leider verloren – ist formal ein Remake der bitterbösen französischen Komödie „Le Dîner de cons" (in Deutschland ebenfalls „Dinner für Spinner"), die auf den ersten Blick nach allen Hollywoodregeln geglättet wurde: Alle Kanten und Ecken wurden säuberlich abgeschliffen, die Sozialkritik auf ein quasi nicht vorhandenes Minimum reduziert und am Ende steuert alles auf ein Happy End samt plakativer Holzhammermoral zu. Eine der größten Änderungen betrifft dabei bereits eine der beiden Hauptfiguren: Einen karrieregeilen Widerling wie im Original wollte man dem Massenpublikum wohl nicht zumuten und so machte man aus Tim kurzerhand einen prinzipiell netten Menschen, der einfach nur eine schlechte Entscheidung fällt – wobei die Metapher, mit der er diese legitimiert, zu den ersten großen Lachern des Films zählt und daher hier nicht verraten werden soll. Dass Tim von dem grundsympathischen Paul Rudd verkörpert wird, der sich im vergangenen Jahr nach einigen Sidekick-Auftritten in den Apatow-Produktionen bereits in „Trauzeuge gesucht!" als fähiger Leading Man erwies und hier eine sehr ähnlichen Rolle spielt, hilft dem Anliegen der Macher natürlich ungemein weiter.

Man könnte sich nun über dieses vermeintliche Weichspülen mokieren, würde Jay Roach nicht sogleich seine Wunderwaffe auspacken, die alles andere schnell vergessen lässt: Steve Carell. Der Vollblutkomiker, der mit Paul Rudd nach „Der Anchorman" und „Jungfrau (40), männlich, sucht..." bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet, läuft hier mit bestechendem Timing und überragender Mimik zu brillanter Hochform auf. Sein Barry Speck ist die exponentielle Steigerung von Peter Sellers‘ „Der Partyschreck", ein gutmütiger Narr, dem das Gespür für soziale Interaktion ebenso abgeht wie ein Modebewusstsein und das Wissen um Kultur und Geschichte. Carell gibt den treudoofen Tölpel mit solch einer Inbrunst und trotz aller Überzeichnung so überzeugend, dass es nicht selten schwerfällt, sich zu entscheiden, ob man nun mit ihm oder über ihn lachen soll. Dies ist letztlich aber auch völlig egal, denn sobald Carell das erste Mal die Leinwand betritt, wartet der Film mit einer so hohen Gag-Frequenz und –Trefferquote auf, dass es stets ein Genuss ist, ihm dabei zuzusehen, wie Barry trotz guter Intentionen den armen Tim zur Verzweiflung bringt und dessen Wohnung, Beziehung und Karrierechancen nach und nach zerstört.

Flankiert wird das ungleiche Duo von zahlreichen nicht minder skurrilen Nebenfiguren. Da wäre zum Beispiel der sexuell inspirierte Künstler Keiran Vollard, der sich am liebsten selbst als Bändiger der Natur inszeniert und es auf Tims Freundin abgesehen hat. Jemaine Clement spielt dabei so herrlich trocken, dass man ihm gerne verzeiht, dass die Figur im Grunde genommen eine Eins-zu-eins-Kopie von Russell Brands Aldous Snow aus „Nie wieder Sex mit der Ex" und „Männertrip" ist. Den Vogel schießt aber wieder einmal Zach Galifianakis als Barrys nicht weniger bekloppter Erzfeind und Vorgesetzter ab. Galifianakis empfahl sich bereits vor seinem gefeierten Auftritt im Komödienhit „The Hangover" als prädestiniert für verschrobene Charaktere – dementsprechend enthemmt agiert er auch hier. Ron Livingston (der gleich in seiner ersten Szene seine „Alles Routine"-Anspielung bekommt), Lucy Punch („Hot Fuzz") sowie die beiden „The Daily Show"-Korrespondenten Larry Wilmore und Kristen Schaal runden den blendend aufgelegten Cast ab.

Dass der Film bei all dem Chaos auf der Leinwand nicht aus dem Ruder läuft, ist der straffen Regie von Jay Roach zu verdanken, die trotz des hohen Tempos und der langen Laufzeit stets die Übersicht bewahrt. Mit den schick in Szene gesetzten „Mouseterpiece"-Dioramas von Barry, für deren ebenso komische wie liebevolle Gestaltung die Modellbauer ein besonderes Lob verdienen, schafft Roach es sogar, dem Film noch etwas visuelle Originalität zu verpassen. So ist „Dinner für Spinner" eine furiose Slapstick-Attacke auf die Lachmuskeln, die über knapp zwei Stunden bis hin zum turbulenten Dinner-Finale (das im Original gar nicht vorkommt) bestens unterhält. Das ist sicher nicht die höchste Form der Kunst – aber dennoch verdammt lustig.

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