Queen At Sea
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Queen At Sea

… wenn es schlicht keine guten Lösungen mehr gibt!

Von Christoph Petersen

Pointierter als Lance Hammer kann man ein Demenz-Drama kaum beginnen! Gleich in der ersten Szene von „Queen At Sea“ überrascht die Uni-Professorin Amanda (Juliette Binoche) ihre betagte Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) und ihren etwa gleichaltrigen Stiefvater Martin (Tom Courtenay) beim von Viagra unterstützten Beischlaf. Das allein wäre nicht weiter schlimm, wenn der Hausarzt ihrer Mutter nicht unlängst festgestellt hätte, dass seine schwer demente Patientin nicht mehr bewusst in sexuelle Handlungen einwilligen kann. Martin hatte daraufhin sogar zugesagt, in Zukunft auf Sex zu verzichten, weshalb Amanda nun in einem Moment der Überforderung die Polizei anruft. Eigentlich will sie ihren Stiefvater mit dem Anruf nur wachrütteln, damit er sich zukünftig an sein Versprechen hält. Aber jetzt, wo die Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erst einmal in der Welt ist, gehen die Dinge zwangsläufig ihren Lauf.

Martin wird verhaftet und darf nach seiner Entlassung offiziell erst mal nicht zurück ins Haus, während Leslie, die gar nicht versteht, was überhaupt los ist, eine forensisch-gynäkologische Untersuchung über sich ergehen lassen muss. An dieser Stelle deuten sich zwei Wege an, die gleichermaßen wahrscheinlich anmuten: Entweder entwickelt sich „Queen At Sea“ zu einer Art kafkaeskem Labyrinth, in dem das Ehepaar von den Mühlen der Bürokratie zermahlen wird, weil von der Polizei bis zum Sozialamt jede Behörde die Verantwortung lieber weiterreicht, statt selbst die Initiative zu übernehmen. Oder es ist womöglich doch einer dieser eher süßlich-verklärenden Demenz-Filme, wo die nächste Generation nur – wie das Publikum eh schon längst – erkennen muss, dass die liebenden Eltern natürlich zusammen und nicht ins Heim gehören. Pustekuchen! So leicht macht es sich der „Ballast“-Regisseur in seinem zweiten Langfilm zum Glück nicht.

Amanda (Juliette Binoche) und Martin (Tom Courtenay) wollen beide für Leslie nur das Beste – aber das ist gar nicht so leicht zu bestimmen, gerade wenn selbst die beste Lösung ziemlich schlimm ist. The Match Factory
Amanda (Juliette Binoche) und Martin (Tom Courtenay) wollen beide für Leslie nur das Beste – aber das ist gar nicht so leicht zu bestimmen, gerade wenn selbst die beste Lösung ziemlich schlimm ist.

Schon wenige Stunden später ist Martin wieder da. Amanda versucht ihn halbherzig davon zu überzeugen, dass er damit gegen seine Bewährungsauflagen verstößt, aber als Leslie die ganze Nacht hindurch immer wieder aus dem Bett aufsteht, um die steilen Treppen ihres Londoner Stadthauses hinunter zum auf dem Sofa schlafenden Martin zu gehen, gibt sie irgendwann auf und lässt es zu. Trotz des potenziell skandalösen Auftakts gibt es keinen tiefergehenden Hass der Figuren aufeinander. Für Amanda steht vielmehr außer Frage, dass Martin seine Frau bedingungslos liebt, und Martin ist zwar von der Situation gleichermaßen überfordert und frustriert, aber auch er ringt um sachliche Argumente, wenn er gegenteilige psychologische Meinungen zitiert, nach denen sexuelle Nähe bei dementen Menschen sogar Sicherheit spenden und Ängste abbauen kann.

„Queen At Sea“ ist kein Film, in dem sich die Protagonist*innen im Überschwang der Gefühle anschreien. Stattdessen sind sie selbst in dieser absoluten Ausnahmesituation um einen möglichst respektvollen Umgang bemüht. Selbst auf die sonst in solchen Filmen gerne eingestreuten Seitenhiebe auf Polizei, Behörden und Heimleitungen wird weitestgehend verzichtet. Alle verhalten sich so korrekt, wie es eben geht, wenn die Situation eine wirklich befriedigende Lösung eh nicht mehr zulässt. Juliette Binoche („Der englische Patient“) und Tom Courtenay („45 Years“) harmonieren grandios miteinander – zwischen ihnen ist eine gewaltige Empathie spürbar, selbst wenn sie nicht einer Meinung oder wahnsinnig frustriert über den jeweils anderen sind. Das eigentliche Ereignis ist aber das Zusammenspiel von Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall („Wuthering Heights“), denen man sofort abkauft, dass sie seit fast 20 Jahren unzertrennlich sind – und man trotzdem aus dem Zweifeln nicht herauskommt, wie viel Leslie wirklich noch von ihrer Umgebung mitbekommt.

Man glaubt sofort, dass Leslie (Anna Calder-Marshall) und Martin schon lange unzertrennlich sind. The Match Factory
Man glaubt sofort, dass Leslie (Anna Calder-Marshall) und Martin schon lange unzertrennlich sind.

Als Leslie doch noch zumindest kurze Zeit ins Heim muss, hat sie dort Sex mit einem weiteren Mann – ist ihre Sehnsucht nach Nähe also doch „nur“ instinktiv und hat gar nichts mit der gemeinsamen Vergangenheit des Paares zu tun? „Queen At Sea“ lässt das Tor zu einer solchen fatalistischen, mit allen romantisierten Vorstellungen von Demenz aufräumenden Lesart zumindest offen. Zugleich ist er aber auch kein reiner Downer, sondern entlässt sein Publikum trotz tieftragischer Wendungen auf einer optimistischen Note aus dem Kino, wenn dann noch einmal Amandas Teenager-Tochter Sara („Bridgerton“-Star Florence Hunt) ins Spiel kommt. Parallel zu den Geschehnissen um ihre Großmutter erlebt sie in London ihre erste unbeschwerte Liebe, die den ganzen Film hindurch als auflockernder Kontrapunkt funktioniert. Nur ganz zum Schluss übertreibt es Lance Hammer mit der gegenläufigen Parallelität der beiden Handlungsstränge dann doch.

Fazit: Obwohl der grandios gespielte „Queen At Sea“ für ein Demenz-Drama mit einer auffällig zugespitzten Prämisse aufwartet, überzeugt der Film vor allem deshalb, weil er im weiteren Verlauf gerade nicht überdramatisiert, sondern reif, ehrlich und angemessen ambivalent davon erzählt, wie die tückische Krankheit Angehörige, Behörden und Einrichtungen trotz bedingungsloser Liebe und bester Absichten gnadenlos überfordern kann. Ein Film ohne definitive Antworten, bei dem sich der Autor, Regisseur und Editor Lance Hammer nur ganz am Ende dazu verleiten lässt, seinem Publikum einen möglichst stimmigen Abschluss zu bescheren – da wirkt der Film auf den letzten Metern plötzlich doch noch spürbar „gebaut“.

Wir haben „Queen At Sea“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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