A House Of Dynamite
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A House Of Dynamite

Wir sind verloren

Von Michael Bendix

Nach dem Ende des Kalten Krieges habe sich die Menschheit darauf geeinigt, dass ein Leben ohne Atombomben besser sei, leitet eine Texttafel den Film ein – und warnt: Diese Ära sei nun vorbei. In der Tat ist die Angst vor der nuklearen Eskalation in Zeiten sich immer weiter verschärfender, auch aufgrund einer Vielzahl von Akteuren zunehmend komplexer werdender geopolitischer Spannungen und wachsender Aufrüstung wieder ein ganzes Stück realer geworden. „Wir sind verloren“, liest man dementsprechend regelmäßig in Kommentarspalten zu aktuellen Hiobsnachrichten – Kathryn Bigelow hat mit ihrer stargespickten Netflix-Produktion „A House Of Dynamite“ den Film zu diesem Gefühl gedreht.

Früher sprach man von einem Gleichgewicht des Schreckens: Zwei Atommächte – die USA und die Sowjetunion –, die einander durch die Androhung der totalen Vernichtung im Zaum hielten. Heute ist die Anzahl der Atommächte auf neun angewachsen, die Allianzen sind brüchig. Trotzdem wird an einer Stelle auch in „A House Of Dynamite“ noch einmal das Bild von der Balance zwischen den Atommächten bemüht: Die Tatsache, dass jeder den anderen jederzeit auslöschen könne, würde einen Angriff im Keim ersticken. Der gefährlichen Absurdität und Paradoxie dieser Prämisse ist sich der Film vollends bewusst: Die größte denkbare Katastrophe kann nur noch dadurch verhindert werden, dass ihre Möglichkeit überhaupt existiert – eine Welt, in der nukleare Massenvernichtungswaffen erst gar nicht existieren, ist undenkbar geworden.

Sicherheitsleute, Militärs und Angestellte des Weißen Hauses rüsten sich für die größtmögliche Katastrophe – doch reicht ihr Training für den Ernstfall aus? Netflix
Sicherheitsleute, Militärs und Angestellte des Weißen Hauses rüsten sich für die größtmögliche Katastrophe – doch reicht ihr Training für den Ernstfall aus?

Das in „A House Of Dynamite“ entworfene Szenario ist so simpel wie beängstigend und effektiv: Eine Atomrakete bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit geradewegs auf die USA zu – doch nicht nur ist zunächst unklar, in welche Richtung sich das Geschoss genau bewegt, auch hat niemand eine Ahnung, wer hinter dem Angriff steckt. Haben Russland oder China ihre Finger im Spiel, oder handelt es sich um einen Alleingang Nordkoreas? Und was könnte die Intention sein? Geht es allein darum, die Vereinigten Staaten ins Chaos zu stürzen, oder handelt es sich um ein gezieltes Manöver, um die USA zu einem Präventivschlag zu provozieren – doch wenn ja, gegen wen?

Innerhalb von Minuten müssen Entscheidungen getroffen werden, von denen im Zweifelsfall das Leben von Milliarden Menschen abhängt. Wo klassische Agentenfilme, in denen nicht selten ebenfalls das Fortbestehen der Menschheit auf dem Spiel steht, zwischen Ländern und Kontinenten hin- und herspringen, stellt uns die Oscar-Gewinnerin Bigelow („Tödliches Kommando - The Hurt Locker“) in kürzester Zeit eine ganze Reihe von Innenräumen vor, die eine Art Infrastruktur für die Reaktion auf das Unvorstellbare bilden – vom White House Situation Room, dem Nervenzentrum der Regierung bei Krisen aller Art, über die für zivile Katastrophenhilfe zuständige Federal Emergency Management Agency, bis hin zu Militärstützpunkten, der Operationszentrale des Pentagon sowie natürlich dem Oval Office, in dem der von Idris Elba gespielte US-Präsident schließlich das letzte Wort haben wird.

Eine Extremsituation, drei Blickwinkel

„A House Of Dynamite“ erzählt dieselbe Situation dreimal hintereinander, jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln, stellt dabei wechselnde Figuren sowie Schauplätze in den Fokus. Einen Großteil der Zeit sehen wir wenig mehr als Menschen in Hinterzimmern, auf der Tonspur begleitet von einer aufgeregten Kakophonie aus Stimmgewirr, Telefonklingeln, Tippgeräuschen und dem pumpenden Score von Volker Bertelsmann („Konklave“). Doch Action-Virtuosin Kathryn Bigelow („Gefährliche Brandung“) lädt die potenziell trockenen Settings mit einem Höchstmaß an Energie auf. Viel mehr als eine Reihe von Professionals unter maximalem Druck braucht ihr prozessorientiertes Kino der sich ballenden Intensitäten nicht.

Den etwas flachen, teils serienhaften Digitalbildern sieht man zwar an, dass Bigelow hier sieben Jahre nach dem zu Unrecht gefloppten „Detroit“ ihre erste Produktion für den Streamingdienst Netflix gedreht hat. Doch die Regisseurin kann diese Ästhetik mit ihrem Willen zum großen Motiv und ihren inszenatorischen Fertigkeiten ausfüllen. Schon zu Beginn erinnert ein Soldat vor untergehender Sonne an Jerry-Bruckheimer-Produktionen aus dem 1990er-Jahren, immer wieder umkreist sie das wuchtig-phallische Washington Monument, das sein Versprechen von Einheit und Beständigkeit doch nicht halten kann. Wenn sich die Kamera (wie meist) in Innenräumen aufhält, unterstützt sie die eskalative Dynamik mit abrupten Zooms und Reißschwenks.

Olivia Walker (Rebecca Ferguson) ist nur eine der vielen Personen, von denen längst nicht nur die nationale Sicherheit abhängt. Netflix
Olivia Walker (Rebecca Ferguson) ist nur eine der vielen Personen, von denen längst nicht nur die nationale Sicherheit abhängt.

Mehrmals wird betont, welcher (auch finanzielle) Aufwand hinter den wie Zahnräder ineinandergreifen müssenden Sicherheitsvorkehrungen steckt. Doch am Ende sind es Menschen, die unter größtmöglicher Belastung weitreichende Entscheidungen fällen müssen – und auch das penibelste Training garantiert nicht, dass man ihr im Ernstfall auch gewachsen ist. Bigelow hat einen schweißtreibenden, kraftvollen, unentwegt vorwärts preschenden Thriller gedreht – zugleich aber auch alles andere als einen beruhigenden Film. Bis zum konsequenten Schlussakt verzichtet sie auf Sicherheitsnetze und ideologische Gewissheiten. Der Abspann beginnt, und man denkt unweigerlich: „Wie sind verloren.“ Damit ist „A House Of Dynamite“ unumstößlich ein Film unserer Zeit.

Fazit: In ihrem ersten Film seit sieben Jahren verarbeitet Oscargewinnerin Kathryn Bigelow die grassierende Angst vor nuklearer Vernichtung in einen atemlosen Thriller, der sich trotz seiner globalen Dimensionen vornehmlich in Innenräumen abspielt – und dort ein Höchstmaß an Intensität entwickelt.

Wir haben „A House Of Dynamite“ im Rahmen des Venedig Filmfest 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat

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