Stilles Aufbegehren hinter gläsernen Fassaden
Von Ulf LepelmeierÄhnlich wie Fatih Akin für Hark Bohm bei „Amrum“ ist „120 BPM“-Regisseur Robin Campillo bei „Enzo“ für einen guten Freund eingesprungen, der sein Traumprojekt leider nicht mehr selbst vollenden konnte – in diesem Fall für den im April 2025 verstorbenen Goldene-Palme-Gewinner Laurent Cantet („Die Klasse“): „Enzo“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte in der gleißenden Sommerhitze des südfranzösischen Mittelmeerraums, die statt von einer klassischen Rebellion voller lauter Gesten vor allem von einem stillen Aufbegehren erzählt.
Der 16-jährige Titelheld wächst in einer gut situierten Familie auf, die sich in ihrem modernen Anwesen mit Pool und Meerblick einen Lebensstil eingerichtet hat, der Schönheit und Kontrolle miteinander verbindet. Hinter den gläsernen Fassaden fühlt sich der Jugendliche allerdings erstarrt. Mit „Enzo“ widmet sich Campillo sowohl der ersten schmerzenden Sehnsucht als auch der diffusen jugendlichen Unruhe, die entsteht, wenn familiäre Erwartungen und eigene Wünsche erstmals aufeinanderprallen.
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Mit 16 trifft Enzo (Eloy Pohu) eine Entscheidung, die seine wohlhabende Familie nicht nachvollziehen kann: Statt den vorgezeichneten akademischen Bildungsweg weiterzugehen, geht er von der Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Das elegante Haus im Süden Frankreichs wird zum Schauplatz schwelender Konflikte, denn seine besorgten Eltern (Élodie Bouchez, Pierfrancesco Favino) reagieren mit Enttäuschung und zunehmendem Druck.
Während zu Hause die Spannungen wachsen, eröffnet sich für den Jugendlichen auf der Baustelle eine neue Welt. Der selbstbewusste, ukrainische Kollege Vlad (Maksym Silvinskyi) wird für Enzo zu einer inspirierenden, aber auch zunehmend irritierenden Person, die neue Gedanken und Wünsche in ihm aufkommen lässt…
Enzos Entscheidung, sich den Erwartungen seiner Eltern zu entziehen und stattdessen einen Beruf zu ergreifen, in dem etwas mit den eigenen Händen entsteht, ist weniger Ausdruck eines klar formulierten Lebensplans als eines trotzigen Versuchs der Distanzierung. Die bourgeoise Sicherheit, in der er aufgewachsen ist, wirkt auf ihn wie ein einschränkendes Korsett. Wie glücklich er sich eigentlich wähnen könnte, ist ihm in seiner jugendlichen Naivität kaum bewusst. Zu sehr ist er in seinem inneren Gefühlswirrwarr gefangen, um die Vorzüge seiner Herkunft und die für ihn offenstehenden Türen zu begreifen. Schließlich geht ihm die Arbeit auf der Baustelle – zumindest zunächst – alles andere als leicht von der Hand. Wie schon im Schulbetrieb fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Erst als ihm sein Vorgesetzter letztmalig eine Chance einräumt und er sich parallel langsam mit zwei erfahreneren Kollegen anfreundet, beginnt er sich mehr in die Arbeit hineinzuhängen.
Insbesondere der ein paar Jahre älter Vlad fasziniert den wortkargen Enzo. Der Jugendliche bewundert die Entschlossenheit und Unabhängigkeit des muskulösen Ukrainers. Er projiziert all das auf Vlad, was er bei sich selbst vermisst. Diese Faszination bleibt jedoch nicht ohne Brüche: Enzo kann die Tragik der beiden ukrainischen Arbeiter kaum erfassen, die fern einer vom Krieg gebeutelten Heimat in Frankreich schuften müssen und deren Zukunftsaussichten unendlich fragiler sind als seine eigenen. In jugendlichem Überschwang erklärt er Vlad einmal, er wolle im Falle von Vlads Einberufung mit ihm in die Ukraine gehen – eine von großer Arglosigkeit geprägte Aussage, auf die der Arbeitskollege mit absolutem Unverständnis reagiert.
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Eloy Pohu überzeugt in seinem Debüt mit einer glaubwürdigen Darstellung der inneren Zerrissenheit des verschlossenen Jugendlichen. Sein Spiel lässt den Zuschauenden unmittelbar an Enzos tastenden Schritten Richtung Erwachsensein teilhaben: an der Suche nach beruflicher Orientierung, aber insbesondere an den widersprüchlichen Gefühlen gegenüber Vlad. So wandert sein Blick auf der Baustelle immer wieder voller Scheu und Sehnsucht an Vlads Körper entlang. Kleine Gesten, wie das Weiterreichen einer Zigarette, scheinen knisternd aufgeladen; zugleich lädt Enzo aber auch ein Mädchen zu sich ins sturmfreie Luxushaus ein. Ob dieser Besuch Ausdruck echten Interesses ist oder lediglich dazu dient, den Sprüche-klopfenden Kollegen ein Bild der „hübschen Freundin“ präsentieren zu können, bleibt bewusst offen. Seine Gefühle für Vlad gehen hingegen zunehmend über bloße Bewunderung hinaus.
Während Enzo mit seinen Gefühlswirren hadert, finden die von Élodie Bouchez („All eure Gesichter“) und Pierfrancesco Favino („Maria“) verkörperten Eltern mit ihrer liebevollen, aber auch kontrollierenden immer weniger Zugang zu dem Jugendlichen. Besonders Vater Paolo sorgt sich intensiv um den Weg seines Sohnes und versucht ihn zunehmend verzweifelt, auf die aus seiner Sicht richtige Bahn zurückzuführen. So verbringt er schlaflose Nächte auf dem Sofa, darauf wartend, dass Enzo von seinen Streifzügen zurückkehrt.
Die Inszenierung fängt die sommerliche Hitze und das selbstbezogene Lebensgefühl des Jugendlichen gekonnt ein. Das modernistische Haus mit seinen Glasfronten wird zum Spiegel der familiären Dynamik: Die offenen Räume erlauben Blicke, aber scheinbar keine wirkliche Nähe. Gleichzeitig unterstreicht Campillo die sozialen Unterschiede zwischen Enzo und seinen ukrainischen Kollegen. Während dem Jugendlichen alle Türen offenstehen, ist Vlad auf das Einkommen angewiesen. Er lebt in einfachen Verhältnissen und muss damit rechnen, bald einberufen zu werden. Enzo nimmt diese unterschiedlichen Fallhöhen kaum wahr – zu sehr ist er in seinen eigenen Emotionen gefangen. In der bewegenden Schlusssequenz prallen schließlich Enzos jugendliche Sehnsucht und Vlads existentielle Nöte noch einmal in einem bittersüßen Telefonat aufeinander, das unweigerlich an „Call Me By Your Name“ erinnert.
Fazit: In einem Sommer des stillen Aufbegehrens entfaltet „Enzo“ zwischen drückender Hitze, unterdrückten Sehnsüchten und gesellschaftlichen Unterschieden ein sensibles Bild jugendlicher Rebellion.
Wir haben „Enzo“ auf dem Filmfestival von Sevilla gesehen.