Shelter
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Shelter

Jason Statham wird zum Staatsfeind Nr. 1

Von Christoph Petersen

Tatsächlich… Liebe“-Star Bill Nighy ist großartig als MI6-Boss Manafort. Selbst als die Premierministerin (Harriet Walter) ihn nach einem Überwachungsskandal von seinem Posten entlässt, verzieht er keine Miene – und man spürt sofort, dass er es ist, der in Wahrheit die Zügel fest in der Hand hält. Ohne mit der Wimper zu zucken, ordnet er Morde auf britischem Boden an – und wenn nebenbei auch der eine oder andere unbescholtene Bürger oder gar Polizist auf der Strecke bleibt, dann ist das nicht mehr als bedauernswert. Aber als Manafort seinen Computer einschaltet und auf dem Desktop der Steckbrief eines alten Bekannten auftaucht, rutscht sogar dem eiskalt-kontrollierten Geheimdienst-Veteranen ein spontanes „Shit!“ heraus. Und damit ist eigentlich auch schon alles Nötige gesagt über Michael Mason (Jason Statham), der gerade noch ein Einsiedlerdasein auf einem Inselchen vor der Küste Schottlands geführt hat, aber es jetzt mit einer elitären Schattenarmee des korrupten Spionageapparats zu tun bekommt.

Man kann sich den raubärtigen „Expendables“-Star tatsächlich sehr gut vorstellen als jemanden, der auf seinem eigenen kleinen Eiland vor sich hin grummelt und in seiner selbstgewählten Einsamkeit nur von einem alten Kameraden (Michael Shaeffer) unterbrochen wird, der mit seiner Nichte Jessie (Bodhi Rae Breathnach) einmal in der Woche Vorräte heranschifft. Und die Insel muss es auch sein im neuen Action-Brett von „Angel Has Fallen“-Regisseur Ric Roman Waugh, denn die übliche Einsiedler-Hütte tief im Wald hätte bei diesen Gegenspielern wohl tatsächlich nicht ausgereicht: Schließlich bekommt es Jason Statham in „Shelter“ mit einem Überwachungsapparat zu tun, gegen den selbst die Technik aus Tony Scotts „Der Staatsfeind Nr. 1“ wie Kinderspielzeug wirkt. Ganz egal, was für eine Kamera ihn zufällig aufzeichnet, der Geheimdienst erhält sofort eine Warnung – und mit dem ersten gefahrroten Pop-up-Fenster ist der drohende Kleinkrieg kaum noch abzuwenden.

Für Jessie (Bodhi Rae Breathnach) nimmt es Michael (Jason Statham) mit alten Feinden auf – notfalls auch im halben Dutzend. TOBIS Film GmbH
Für Jessie (Bodhi Rae Breathnach) nimmt es Michael (Jason Statham) mit alten Feinden auf – notfalls auch im halben Dutzend.

Wobei: In der Beschreibung zum Bild über diesem Absatz hatte ich zunächst „notfalls auch dutzendweise“ geschrieben, bevor ich die Zahl der gleichzeitigen Kontrahenten beim nochmaligen Drüberlesen auf „notfalls auch im halben Dutzend“ reduziert habe. Offenbar hatte ich immer noch Stathams vorherige David-Ayer-Eskapaden „The Beekeeper“ und „A Working Man“ im Kopf, in denen der Ex-Turmspringer ja wirklich nur so durch seine Widersacher hindurchmäht. „Shelter“ ist da im Vergleich doch sehr viel bodenständiger – jeder Schlag und jeder Schuss zählt, und spätestens, wenn überraschend die ersten Kugeln des Scharfschützengewehrs einschlagen, zuckt man im Kino kurz ganz schön zusammen. Zudem nimmt sich der Film noch vor der ersten „A-Team“-ab-18-artigen Action-Sequenz, in der Mason seine fallengespickte Insel gegen einen MI6-Eliteverband verteidigt, erfreulich viel Zeit, um die zentrale Beziehung zu etablieren – wobei Bodhi Rae Breathnach direkt den starken Eindruck bestätigt, den sie bereits bei ihrem Auftritt als Tochter der für die Rolle oscarprämierten Jessie Buckley in „Hamnet“ hinterlassen hat.

Die Dynamik mit dem schweigsamen Haudegen, dessen vermeintlich versteinertes Herz erst einmal von einer aufgeweckten Teenagerin aufgetaut werden muss, ist alles andere als neu – zuletzt haben wir das zum Beispiel in „Der Spion von nebenan“ sowie der Fortsetzung „Der Spion von nebenan 2“ mit Dave Bautista gesehen. Aber sie funktioniert eben meistens und diesmal sogar besonders gut, auch deshalb, weil Ric Roman Waugh auf die naheliegenden Jokes fast vollständig verzichtet und seinen Flucht-Roadtrip emotional erstaunlich ernsthaft durchzieht - ganz ähnlich wie in seinen vorherigen zwei Filmen „Greenland“ und „Greenland 2“, nur dass sich die Protagonist*innen diesmal nicht auf der Flucht vor einem Asteroiden, sondern „nur“ vor einem nahezu allmächtigen Überwachungsapparat befinden. Zumal Masons alten Feinde eine Sache falsch verstanden haben: Jessie ist nicht seine Achillesferse, die ihn schwach macht, sondern diejenige, die ihm die Kraft und den Willen gibt, ihnen allen in den Arsch zu treten …

Es wird feurig: Mason hat sich schließlich jahrelang darauf vorbereitet, dass ihn womöglich doch noch mal jemand in seinem Versteck ausfindig machen könnte! TOBIS Film GmbH
Es wird feurig: Mason hat sich schließlich jahrelang darauf vorbereitet, dass ihn womöglich doch noch mal jemand in seinem Versteck ausfindig machen könnte!

Einige Statham-Fans werden sich mit Sicherheit beschweren, dass „Shelter“ zu lange braucht, um in Schwung zu kommen – und selbst dann nur ein vergleichsweise verhaltenes Action-Feuerwerk abfackelt. Aber nach seinen Voll-drüber-Auftritten in „The Beekeeper“ und „A Working Man“ – so viel Spaß sie auch gemacht haben – muss Statham eben auch aufpassen, dass er nicht irgendwann zu seiner eigenen Parodie wird. Und genau da kommt der schnörkellose „Shelter“ gerade recht! Nur bei den MI6-Machenschaften hätte man sich trotzdem noch die eine oder andere Wendung mehr gewünscht – denn so wirkt die Vollüberwachungs-Verschwörung doch so, als hätte man sie sich einfach aus einigen anderen Vergleichsfilmen ganz ohne eigene Zutaten zusammengestöpselt. Da wäre gerade mit dem großartigen Bill Nighy definitiv noch mehr drin gewesen.

Fazit: Der stoische Insel-Einsiedler Michael Mason gerät in einen Paranoia-Plot von der Stange. Aber es ist eben immer noch Jason Statham, der sich hier durch das Verschwörungs-Dickicht schlagen muss, und so ist das mit einem erstaunlich guten Cast aufwartende Ergebnis nichtsdestoweniger grundsolide Action-Kost, nach den eher abgehobenen „The Beekeeper“ und „A Working Man“ diesmal wieder von der bodenständigeren Sorte.

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