Die Europa-Park-Maskottchen bekommen ihren eigenen Kinofilm!
Von Jochen WernerEd Euromaus und Edda Euromausi sind seit 50 Jahren die Maskottchen des Europa-Parks in der Nähe des badischen Dörfchens Rust. Der Europa-Park hat eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben, ist er doch mit ca. sechs Millionen Besucher*innen im Jahr nicht nur der erfolgreichste deutsche Freizeitpark, sondern auch im europäischen Maßstab immerhin auf Platz 2 – direkt nach dem Disneyland Paris, das womöglich nicht ganz zufällig ja auch eine gewisse Maus als Maskottchen hat. Aber Erfolg hin oder her – eine Micky Maus ist Ed Euromaus im Hinblick auf seine Bekanntheit über die Parkzäune hinaus trotzdem nicht. Und so fragt man sich schon, wer genau es eigentlich für eine erfolgversprechende Idee hielt, zum Park-Jubiläum einen aufwendig produzierten, abendfüllenden Animationsfilm mit Ed und Edda in die Kinos zu bringen.
In der Welt von „Grand Prix Of Europe“ jedenfalls ist Ed (auf die tatsächlich etwas umständlichen Nachnamen der Maskottchen wird im Film konsequent verzichtet) ein allseits umschwärmter Weltstar. Aber das ist ja auch kein Wunder, denn alles in dieser Welt dreht sich ums Rallyefahren, also um Rennen über Straßen im öffentlichen Raum. Wenn man denn von einem solchen öffentlichen Raum noch sprechen möchte, denn in „Grand Prix Of Europe“ ist praktisch die ganze Welt eine Rennstrecke, und Figuren, die nicht zumindest die Rennfahrer*innen anhimmeln oder Rennen im Fernsehen anschauen, gibt es hier nicht. Wobei, das ist nicht ganz richtig: Einen Freizeitpark gibt es noch, und der gehört Eddas Vater Erwin und ist, wie immer in Erzählungen dieser Art, natürlich vom Bankrott bedroht.
Warner Bros.
Die bösen Kredithaie, ähm, -katzen, denen Erwin viel Geld schuldet, tauchen dann jedoch nie wieder auf, bis sie schlussendlich irgendwann in Handschellen abgeführt werden. Warum auch immer, denn im Film geht es ja vor allem darum, das Geld zu gewinnen, um sie auszahlen zu können – und nicht etwa darum, ihnen bei ihren krummen Geschäften auf die Schliche zu kommen. Dieser Geldbetrag kann nur durch den Gewinn des titelgebenden „Grand Prix Of Europe“ eingefahren werden – und den erreicht Erwins autobegeisterte Tochter Edda lediglich durch ihre Ähnlichkeit mit dem arroganten Seriensieger Ed, einer Art Lightning McQueen im Mauskörper. Der nämlich hat sich den Arm verstaucht und muss die Blessur dringend verbergen, denn jeder körperlich beeinträchtigte Fahrer wird von der Rennleitung disqualifiziert.
Einem holprigen Auftakt zum Trotz kann Edda ihre Begabung recht rasch unter Beweis stellen, und trotzdem lässt eine Reihe merkwürdiger Zwischen- und Unfälle den Verdacht aufkommen, dass etwas faul ist im Staate, ähm, Europa. Seltsame Sabotageakte beeinflussen den Ausgang der fünf Rennen, die den Film strukturieren, und schnell fällt Eddas Verdacht auf Eds größten Rivalen, den sinistren Raben Nachtkrapp. Doch steckt wirklich immer der dahinter, der am offensichtlichsten als Schurke daherkommt? Und was hat der „ewige Zweite“, der als guter Verlierer allseits beliebte schwedische Kuschelbär Magnus, womöglich damit zu tun?
Inhaltlich kommt die Bekehrungsgeschichte des arroganten Rennfahrersuperstars Ed zu den Werten von Teamgeist und Freundschaft als notdürftig kaschiertes Retelling von Pixars „Cars“ daher – der ja selbst schon wiederum ein inoffizielles Remake der Neunziger-RomCom „Doc Hollywood“ mit Michael J. Fox war. Hinzu kommt in „Grand Prix Of Europe“ noch eine Rückblende in eine zuerst fröhliche, dann einsame Waisenhauskindheit, die Eds Einzelgängertum untermauern soll. Aber im Grunde hakt der Film von Regisseur Waldemar Fast diese Stationen nur so schnell wie möglich ab, um sich dann von Rennen zu Rennen zu stürzen. Im Grunde nicht die schlechteste Taktik, denn die Rallye ist ja ein sehr dankbares filmisches Sujet, das als Ensemblefilm wie als Road Movie mit schillernden Protagonisten wie touristischen Schauwerten punkten kann – und das auch dem Kinderkino bereits große und kleine Klassiker beschert hat, von Disneys „Ein toller Käfer in der Rallye Monte Carlo“ bis zur Low-Budget-Variation des deutschen Kinobastlers Rudolf Zehetgruber mit „Das verrückteste Auto der Welt“.
Leider scheitert das aber daran, dass gerade das, was an der Idee eines animierten Rallyefilms quer durch Europa eigentlich ganz reizvoll sein könnte, komplett verschenkt wird. Denn kulturelles Flair verströmen die in verschiedenen europäischen Ländern verorteten Rennstrecken überhaupt nicht. Eher kommen sie einem wie Levels in einem mit Gimmicks gespickten Videospiel vor, in dem Schmierbomben die Straßen rutschig machen, riesige Schneebälle die Autos von den Straßen fegen und bezahnte Busse nach den Rennwagen schnappen. Auch das klingt deutlich spaßiger, als es dann auf der Leinwand daherkommt, denn jede Rennstrecke in „Super Mario Kart“ kommt mit mehr Witz und Esprit daher als die Rennen des „Grand Prix Of Europe“.
Warner Bros.
Dabei mangelt es weniger an technischem Können oder Aufwand, auch wenn hier die Schere recht weit auseinanderklafft. Während Ed und Edda und noch eine Handvoll wiederkehrender Nebencharaktere durchaus überzeugend animiert sind, wimmelt es im Film auch von extrem spartanisch gestalteten Figuren, die irgendwo im Hinter- oder auch Vordergrund herumstehen und automatisch ewig gleiche Bewegungsabläufe abspulen. NPCs (Non Player Characters) eben, die die Welt des Films beleben sollen, aber selbst vollkommen leblos wirken. Noch schlimmer ist aber, dass vieles in „Grand Prix Of Europe“ so witzlos bleibt:
Nebenfiguren wie eine kurzsichtige Hellseherin, die die Zukunft aus Kartoffeln und Grapefruits liest, oder ein verbal recht gegensätzliches, aus einem Papagei und einem Kamel bestehendes Sportkommentatorenduo sollen als Running Gags durch den Film tragen. Aber gelacht wird trotzdem kein einziges Mal. „Grand Prix Of Europe“ wird mit erheblichem Aufwand auch in die internationalen Kinos gebracht – in der englischsprachigen Fassung sprechen so arrivierte Hollywood-Schauspielerinnen wie Gemma Arterton und Hayley Atwell, in der deutschen hingegen die Ü50-Prominenz um DJ BoBo und Jan Delay. Aber angesichts der Konkurrenz im Genre des CGI-Animationsfilms ist das am Ende einfach in jeder Hinsicht zu wenig.
Fazit: Es bleibt ein bisschen rätselhaft, für wen das erste animierte Kinoabenteuer der Europa-Park-Maskottchen Ed und Edda eigentlich gemacht ist. Im Rahmen eines interaktiven Freizeitpark-Settings, in dem die bisherigen filmischen Auftritte der Euromäuse im badischen Rust präsentiert werden, mag all das genügen und Spaß machen. Aber für einen abendfüllenden Kinofilm wäre es dringend nötig, mehr als das absolute Minimum in Erzählung und Worldbuilding zu investieren. So wirkt „Grand Prix Of Europe“ ein bisschen wie ein 100-minütiges Videospiel, bei dem man selbst aber nicht mitspielen darf. Oder eine Achterbahn, die am Boden stehenbleibt, während alle so tun, als hätte man gerade einen Bombenspaß.