Der inoffizielle fünfte „Jeepers Creepers“-Film
Von Michael BendixZwei Männer fahren in einem Auto über eine nächtliche, nur spärlich von den Scheinwerferkegeln erhellte Landstraße – um sie herum nichts als dichte Baumreihen und dahinter Dunkelheit. Pinkelpause: Während der eine im Wald seinem Bedürfnis nachgeht, setzt plötzlich die Hupe des Wagens ein und hört nicht mehr auf. Als er zum Auto zurückkommt, ist sein Freund verschwunden – bis dessen blutüberströmter Körper mit voller Wucht durch die Windschutzscheibe geschleudert und kurz darauf von einer unsichtbaren Kraft wieder herausgezogen wird. Der Überlebende ergreift daraufhin die Flucht, wobei ihm am Wegesrand immer wieder derselbe Mann erscheint. Eine Schrifttafel warnt: 130 Millionen Menschen brechen jährlich zu einem Roadtrip auf. 15.400 kommen nie zurück.
Mit diesem Szenario beginnt der einzige Trailer, der den Hype um „Passenger“ anfachen sollte – und so startet, erweitert um ein bisschen Shittalk und einen ausgedehnteren Build-up, auch der fertige Film. Obwohl besagter Trailer rund drei Monate lang exklusiv im Kino zu sehen war, wollte das Geheimnis um die vierte US-Produktion des norwegischen Regisseurs André Øvredal („Trollhunter“) nicht so recht verfangen. Die Konkurrenz der zeitnah startenden, mit reichlich Vorschusslorbeeren bedachten Genrewerke „Obsession“ und „Backrooms“ war wohl schlichtweg zu groß, um Platz zu lassen für einen konzeptuell ungleich weniger prägnanten, sich weitgehend aus bekannten Versatzstücken zusammensetzenden Horrorfilm. Schaut man sich „Passenger“ an, verfestigt sich dieser Eindruck.
Paramount Pictures
Nach dem beschriebenen Cold Open werden Tyler (Jacob Scipio) und Maddie (Lou Llobell) als Protagonist*innen eingeführt – ein junges Paar, das sein New Yorker Großstadtleben aufgeben und fortan mit einem zum Camper ausgebauten Transporter durchs Land reisen will. Während er das Vanlife genießt, wachsen bei Maddie schnell Zweifel am neuen Lebensstil. Dann stoßen die beiden nachts im Wald auf ein Autowrack, das wir schnell als den Wagen aus der Eröffnungssequenz identifizieren – was auch immer die beiden Männer heimgesucht hat, ist bald auch hinter Tyler und Maddie her.
Die Verbindung von Roadtrip und übernatürlichem Horror erinnert sofort an das „Jeepers Creepers“-Franchise, in dem ein geflügeltes Monstrum Reisenden auf abgelegenen Highways nachstellt. Und auch sonst kommen einem hier oft andere Filme in den Sinn: Das Motiv der unmöglich wiederkehrenden Gestalt am Straßenrand etwa ist einer alten, auch schon auf einem Radio-Hörspiel basierenden „Twilight Zone“-Folge entliehen – später tauchte es in Filmen wie dem Low-Budget-Klassiker „Tanz der toten Seelen“ oder John Carpenters „Die Mächte des Wahnsinns“ bereits prominent wieder auf. Natürlich lebt das Horror-Genre nicht zuletzt von der Variation bewährter Bilder und Formeln, einen zwingenden eigenen Dreh findet Øvredal allerdings nicht.
Die Probleme beginnen schon bei den Hauptfiguren: Tyler und Maddie bleiben blass und funktional, trotzdem verbringt das Drehbuch unverhältnismäßig viel Zeit damit, sie in ungelenken, überdeutlichen Dialogen ihren neuen Lebensentwurf nachverhandeln zu lassen. Da fallen Sätze wie: „Die Menschen führen Leben, die sie eigentlich nicht wollen – in einem Van zu leben, war meine Art, davor zu flüchten.“ Oder: „Das, wovor du geflüchtet bist, ist das, was ich mein Leben lang gesucht habe.“ Worüber haben sich die beiden wohl unterhalten, bevor sie ihr geräumiges New Yorker Apartment mit Backsteinwand gegen ein wenige Quadratmeter umfassendes Provisorium getauscht haben?
Um den titelgebenden Passenger (Joseph Lopez), ein Dämon mit langen filzigen Haaren, zerfurchtem Gesicht und leeren Augen, strickt der Film derweil ein etwas verspultes mythologisches Gerüst. So wird er – analog zum christlichen Dualismus zwischen Gott und Satan – als eine Art Gegenspieler zu Christopherus, dem Schutzpatron der Reisenden, in Stellung gebracht. Die von Oscar-Preisträgerin Melissa Leo („The Fighter“) gespielte Diana, der Tyler und Maddie auf einer Art Vanlife-Festival begegnen, hat in ihren 20 Jahren on the road schon ihre Erfahrungen mit dem „Highwayman From Hell“ gesammelt und ist somit in der Lage, genau zu erläutern, nach welchem Regelwerk der Fluch funktioniert. „Passenger“ setzt in seiner knappen Laufzeit von rund 90 Minuten immer wieder neu an und bremst sich mit länglichen Erklärpassagen aus.
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Doch der Film hat zumindest vereinzelt auch inszenatorische Qualitäten: Wenn Maddie allein über einen dunklen Parkplatz läuft und sich Øvredal mehrere Minuten Zeit nimmt, über unverortbare Schrittgeräusche und desorientierende Kamerawinkel eine Bedrohungskulisse aufzubauen, ist das ein durchaus effektiver Suspense- und Paranoia-Moment – bis „Passenger“ ihn mit einem Jumpscare der eher generischen Sorte auflöst. In einer anderen Szene hingegen gelingt es Øvredal ein einziges Mal tatsächlich, den Gegebenheiten des mobilen Lebens – im Grunde hat man alles, nur umständlicher – eine visuelle Idee abzuringen:
Tyler überrascht Maddie mit einer improvisierten Heimkino-Konstruktion, bei der er das RomCom-Meisterwerk „Ein Herz und eine Krone“ auf ein zwischen Ästen gespanntes Laken projiziert. Als sie erneut vom Passenger belagert werden, zweckentfremden sie den Beamer kurzerhand als Taschenlampe, sodass Großaufnahmen der Gesichter von Audrey Hepburn und Gregory Peck durch das Dunkel wabern. So gut wird es im Anschluss nicht noch einmal – was nicht einmal bedeutet, dass „Passenger“ schlecht ist. Man ist sogar geneigt, ihn als B-Movie ohne jeden doppelten Boden oder größere Ambitionen mindestens sympathisch zu finden. Aber in einer Genre-Umgebung, die gerade so aufregend ist wie lange nicht mehr, bietet er in seiner derivativen Form zu wenig auf – und macht dafür schlichtweg nicht genug Spaß.
Fazit: Zwischen „Jeepers Creepers“, „Twilight Zone“ und einer Vielzahl weiterer Genre-Versatzstücke findet „Passenger“ nie so recht zu einem eigenen Profil.