Ein derber Sacha Baron Cohen im Netflix-Remake eines Netflix-Hits
Von Lutz GranertIm Jahr 2014 veröffentlichte die französische Filmemacherin Éléonore Pourriat ihren Kurzfilm „Oppressed Majority“ mit englischen Untertiteln auf YouTube. Der witzige 11-Minüter um einen Hausmann, der in einer Welt, deren Geschlechterrollen komplett auf dem Kopf stehen, Opfer sexueller Gewalt wird, traf offensichtlich einen Nerv und erreichte sehr hohe Klickzahlen. Das blieb auch Netflix nicht verborgen. Pourriat wurde angeheuert, die Idee auszubauen. 2018 erschien so „Kein Mann für leichte Stunden“, übrigens die erste französischsprachige Eigenproduktion, welche der Streamingdienst in Auftrag gab. Jetzt versucht man, ein weiteres Mal von dem Thema zu profitieren.
Weit entfernt vom Charme und der erfrischend frechen Chuzpe des Originals legt Regisseurin Thea Sharrock („Kleine schmutzige Briefe“) mit „Ladies First“ ein englischsprachiges Remake des Komödienerfolgs vor. Der Trailer erntete nach seiner Veröffentlichung beim Kurznachrichtendienst X allerdings einige negative Reaktionen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Und man kann durchaus fragen, ob es nicht eine ziemlich merkwürdige Art von Feminismus ist, wenn Klischees toxischer Männlichkeit einfach von weiblichen Figuren bedient werden. Tatsächlich ist gerade diese Schwäche nicht von der Hand zu weisen. Original oder progressiv ist „Ladies First“ jedenfalls nicht. Für kurzweilige Unterhaltung reicht es dank des augenzwinkernden Spiels mit Markennamen und de wie immer spielfreudig aufgelegten „Borat“-Star Sacha Baron Cohen dann aber trotzdem.
Netflix
Damien Sachs (Sacha Baron Cohen) arbeitet in der Führungsebene der Londoner Atlas-Werbeagentur und gilt als Anwärter auf den Posten des neuen CEO. Vor allem ist er aber ein Chauvinist, wie er im Buche steht. Während sein eigener Verschleiß an Damen hoch ist, findet sich keine weibliche Führungskraft im Unternehmen. Großkunde Guinness, der sein neues Bier speziell für Frauen bewerben will, droht deswegen mit einer Kündigung der Zusammenarbeit. Kurzentschlossen (und reichlich willkürlich) befördert Damien daher die langjährige Mitarbeiterin Alex Fox (Rosamund Pike) zur neuen Kreativdirektorin.
An deren guten Argumenten für die Kampagne sind er und die übrige männliche Führungsriege um den sexistischen Patriarchen Fred Powell (Charles Dance) aber nicht interessiert. Als Alex deswegen kündigt, läuft Damien ihr hinterher und knallt mit dem Kopf direkt gegen einen Metallpfosten. Als er wieder zu sich kommt, hat sich die Welt gewandelt. Denn er lebt plötzlich in einer Welt, in der Frauen das Kommando übernommen haben und Männern mit verächtlichem Sexismus begegnen. Vor allem okkupiert die toughe Alex hier Damiens Büro und hat die besten Karten, zum CEO der Firma aufzusteigen...
In diesem für Damien (zunächst) fremden Matriarchat sind die Geschlechterrollen vertauscht – und damit auch politische Protestbewegungen („Mein Sperma, meine Entscheidung!“), berühmte Kunstwerke (eine Mona Lisa mit Bart) und Markennamen, die beim genauen Hinsehen auch im Bild-Hintergrund immer wieder für ein Grinsen sorgen. Bei Burger Queen gelten nicht mehr labbrige Brötchen mit Rindfleischpatties, sondern bissfeste Karotten als Fastfood. Bei Victor’s Secret kaufen die allesamt gepflegten und durchtrainierten Herren der Schöpfung Spitzen-Dessous mit extra Einsätzen für ihre Kronjuwelen. Natürlich haben sie sich vorher aber einer Körperenthaarung und Penisverjüngung unterzogen. Gerade wenn Damien diese rabiaten Beauty-Behandlungen über sich ergehen lassen muss, werden Erinnerungen an Mel Gibsons , werden Erinnerungen an Mel Gibsons (ungleich harmlosere) Beinrasur in der etwas subtiler gelagerten Frauenversteher-Komödie „Was Frauen wollen“ wach. Zu der weist „Ladies First“ auch im Plot einige Parallelen auf.
Besonders originell ist das bisweilen etwas zotige Treiben im Grunde nicht. Schließlich werden am Ende vor allem Macho-Klischees von faulen, furzenden Couchpotatoes, oberflächlicher Promiskuität und wilden Saufgelagen ohne ironische Brechung einfach auf weibliche Charaktere übertragen. Obwohl das eigentlich zumindest Rosamund Pike („In The Grey“) reichlich Raum zum Brillieren geben müsste, kommt sie als eiskalte Karrierefrau mit Vorliebe für schnelle Autos und zugleich Mutter mit großem Herzen etwas zu kurz. Dafür darf sich Sacha Baron Cohen als schmierig-schleimiger Karrierist im Wettstreit mit seiner Job-Konkurrentin mächtig ins Zeug legen.
Wie schon in seinen beiden „Borat“-Filmen ist er sich - begleitet von wildem Grimassieren - einmal mehr auch für Gags und Situationskomik unter der Gürtellinie nicht zu schade. So bittet ihn die nur in einen Bademantel gehüllte neue Firmenchefin Felicity Chase (Fiona Shaw) darum, sie in der Rolle eines knapp kostümierten Cowboys zur Ekstase zu bringen und dabei nicht nur seine beiden Colts zu schwingen. Mit tiefstem Südstaaten-Akzent liefert Baron Cohen regelrecht genüsslich ab. Das ist ein bisschen derb, passt aber zu diesem Film – und das deutlich besser als das weichgespülte Finale. Hier wird verzweifelt versucht, Fans seichterer RomComs für sich zu gewinnen. Dabei dürfte der Großteil der Zielgruppe schon viele Minuten früher beim Streaming die Möglichkeit zum Ab- oder Umschalten genutzt haben.
Fazit: Als filmische Speerspitze des Feminismus in Hollywood taugt „Ladies First“ sicherlich nicht. Doch immerhin reicht es für 90 Minuten derbe Unterhaltung – vor allem dank einer einmal mehr schambefreiten Performance von Sacha Baron Cohen.