The New West
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The New West

Die Fiktion kann mit der Realität nicht mithalten

Von Thorsten Hanisch

Ein später Moment, der unter die Haut geht: Tabatha Zimiga sitzt mit Mitgliedern ihrer kleinen Kommune abends am Lagerfeuer und fängt an, mit brüchiger Stimme und feucht werdenden Augen in sehr klaren, direkten Worten vom überraschenden Suizid ihres Mannes zu erzählen – dabei flackert das Licht der Flammen in ihrem Gesicht, und Tochter Porshia lauscht unbemerkt.

Wie die stämmige und tough auftretende, mit Sidecut, Tattoos, Piercings und dick aufgetragenem Eyeliner nahezu kriegerisch wirkende Tabatha hier mit einem Mal ganz tief in ihre Seele blicken lässt, wirkt emotional wahrhaftig und geht zu Herzen – besonders, wenn man sich vor Augen hält, dass Zimiga sich selbst spielt und das Geschilderte tatsächlich erlebt hat. Regisseurin Kate Beecrofts semi-dokumentarisches Spielfilmdebüt „The New West“ verschmilzt Realität und Fiktion. Die Nahtstellen bleiben dabei aber leider allzu sichtbar, denn das an sich starke Slice of Life kommt immer dann ins Rumpeln, wenn versucht wird, die faszinierenden Momentaufnahmen aus dem Leben von Zamiga und ihrem Umfeld in ein Narrativ einzubetten.

Tabatha Zimiga widmet ihr Leben den Pferden – in „The New West“ spielt sich die Rancherin selbst. Filmwelt
Tabatha Zimiga widmet ihr Leben den Pferden – in „The New West“ spielt sich die Rancherin selbst.

Tabatha hat ein nahezu magisches Händchen für Pferde, ihr Umgang mit den Tieren wird in der gesamten Umgebung hoch respektiert. Weniger magisch ist allerdings das monatliche Einkommen, das sie mit dem Trainieren und Weiterverkauf geretteter Pferde auf TikTok und auf Messen verdient. Das Geld ist knapp, auch weil sie nicht nur ihre Familie über Wasser halten muss, sondern ebenso die vielen Jugendlichen, die aus verschiedensten Gründen von ihren Eltern im Stich gelassen wurden und bei ihr auf der Ranch Unterschlupf gesucht haben.

Dazu kommen noch Schwierigkeiten im privaten Bereich: Sie hat einen Sohn mit Sprachverzögerung, und das Verhältnis zu ihrer Tochter ist seit dem Tod des Vaters mehr als schwierig. Doch eines Tages scheint sich ein Licht am Ende des Tunnels aufzutun: Der gut situierte Rancher Roy (Scoot McNairy) taucht eines Tages bei ihr auf und bietet an, die Ranch zu kaufen – Tabatha und Anhang können allerdings bleiben und so wie bisher weitermachen! Ein verlockendes Angebot, doch die Herrin des Hauses zögert...

Ein Produkt des Zufalls

“The New West” entstand zufällig. Beecroft fuhr mit ihrem Kameramann auf der Suche nach Inspiration für einen Film quer durch die USA und traf so auf Zimiga und ihre Ranch. Sie war zu diesem Zeitpunkt derart planlos, dass sie dachte, sie wäre in Nebraska – dabei befand sie sich im Süden Dakotas. Aus der Zufallsbegegnung wurden drei Jahre, in denen die Filmemacherin mit der Patchwork-Familie auf der Ranch lebte und Material für den Film sammelte.

Zimiga – die als Kellnerin startete und schließlich in einer Männerdomäne ihre Berufung fand – erweist sich in „The New West“ als äußerst faszinierende Persönlichkeit. Ihre Lebensgeschichte ist sogar dermaßen ungewöhnlich, dass sich unweigerlich die Frage aufdrängt, weshalb Beecroft noch etwas dazuerfinden und professionelle Schauspieler an Bord holen musste. Es sind dann auch die geskripteten Momente, die in dieser sich ansonsten erstaunlich authentisch anfühlenden Welt ziemlich künstlich wirken und in denen ein professioneller Schauspieler wie der aus Gareth Edwards' „Monsters“ bekannte Scoot McNairy seltsam deplatziert wirkt.

Am stärksten ist Kate Beecrafts Debütfilm immer dann, wenn er einfach nur dem Alltag der ungewöhnlichen Patchwork-Gemeinschaft zuschaut. Filmwelt
Am stärksten ist Kate Beecrafts Debütfilm immer dann, wenn er einfach nur dem Alltag der ungewöhnlichen Patchwork-Gemeinschaft zuschaut.

„The New West“ wäre ein besserer Film geworden, wenn man darauf verzichtet hätte, eine (zudem ziemlich dünne) Erzählung in die ansonsten eher lose Aneinanderreihung fesselnder Momentaufnahmen einzubetten. Schließlich taucht man auch so gerne ein in das Porträt dieser rauen, aber eingeschworenen Gemeinschaft, anhand derer Beecroft nicht zuletzt das klassische Familienmodell hinterfragt. Die prächtigen Landschaftsbilder wiederum weisen darauf hin, wie klein die Menschen doch sind – und wie groß sie sein können, wenn sie nur zusammenhalten.

Fazit: Dass ein wenig an Chloé Zhaos Oscar-Gewinner „Nomadland“ erinnernde Regiedebüt von Kate Beecroft stolpert kurz vor der Ziellinie: Das Zusammenfügen von Realität und Fiktion funktioniert leider nicht so wirklich. Sobald sich das ungemein authentisch anfühlende Porträt einer Patchwork-Community in erfundene Bereiche begibt, hört man die Drehbuchseiten rascheln. Doch das ist dankenswerterweise nur verhältnismäßig selten der Fall: Überzeugende Laiendarsteller und tolle Bilder sorgen dafür, dass man am Ende nur ungern Abschied von Zimiga und Anhang nimmt.

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