New York, I Love You, But You’re Bringing Me Down
Von Björn BecherDer vor allem als Schauspieler aus nahezu allen Projekten seines Kumpels Rian Johnson („Knives Out“-Reihe) bekannte Noah Segan hat mit seinem neuen Film einen so liebevollen wie schmerzhaften Abgesang auf seine Heimatstadt inszeniert. Das macht schon der Vorspann zu „The Only Living Pickpocket In New York“ deutlich. Denn das – übrigens von Johnson produzierte – Thriller-Drama beginnt mit dem Song „New York, I Love You But You’re Bringing Me Down“, einer Klage über die Verwandlung der Metropole. Früher war sie zwar dreckig und gefährlich, aber auch kreativ und wild. Heute ist die Stadt so teuer geworden, dass sie sich echte New Yorker nicht mehr leisten können. Investmentbanker und Rich Kids haben sie übernommen und langweilig gemacht.
Wie LCD-Soundsystem-Sänger James Murphy trauert auch der Taschendieb Harry (John Turturro) in „The Only Living Pickpocket In New York“ den guten alten Zeiten nach, macht aber deutlich, dass er die Stadt trotzdem für immer lieben wird. Und genauso wie die an Muppet-Frosch Kermit erinnernde Figur im Musikvideo zu „New York, I Love You but You’re Bringing Me Down“ begibt sich Harry auf eine letzte Reise durch sie. Dass es sich dabei eigentlich um einen Wettlauf gegen die Zeit handelt, rückt immer mehr in den Hintergrund. Bewusst entzieht Segan seinem intimen Charakterstück sogar immer wieder die Spannung. Statt eines Thrillers inszeniert er nämlich größtenteils sehr stilsicher ein melancholisches Kleinod mit einem herausragenden Hauptdarsteller. Das ist so sympathisch, dass man auch kleine Fehltritte vergibt.
MRC II Distribution Company L.P.
Harry Lehmann (John Turturro) ist ein altgedienter Taschendieb, der seit Jahrzehnten durch die Straßen von New York City streift. Sein Handwerk übt er noch ganz klassisch mit alten Tricks und analogen Techniken aus. Nur die Beute ist es oft nicht mehr. Denn im Zeitalter digitaler Bezahlsysteme findet sich in den entwendeten Portemonnaies immer weniger Bargeld, und vermeintliche Luxusuhren an Handgelenken erweisen sich bei seinem Stammhehler Ben (Steve Buscemi) dann zu oft auch als Billigware. Doch als er bei einem nächtlichen Streifzug den feierwütigen Dylan (Will Price) erleichtert, ist das ein Jackpot. Die Brieftasche ist gut gefüllt, die Uhr ein kleines Vermögen wert. Doch er hat den Falschen bestohlen.
Denn der gut vernetzte Jungspund und seine Crew machen ihn ausfindig und erkennen direkt Harrys Schwachstelle. Sie drohen, seine von ihm liebevoll umsorgte Ehefrau Rose (Karina Arroyave) zu töten, die so schwer krank ist, dass sie unfähig zur Kommunikation und weitestgehend apathisch im Bett liegt. Harry muss innerhalb weniger Stunden einen ebenfalls entwendeten, aber achtlos weggegebenen USB-Stick zurückbringen, um wenigstens sie zu retten. Wissend, welches Schicksal ihm persönlich bei seiner Rückkehr blüht, begibt sich der Kleingauner auf eine letzte Reise durch sein New York.
Bis 16 Uhr hat Harry Zeit, den USB-Stick zu erlangen. Immer wieder blickt er auf seine Uhr, um sich zu vergewissern, wie lange ihm noch bleibt. Das ist eine klassische Thriller-Prämisse – doch Noah Segan interessiert sich überraschend wenig dafür. Natürlich spielen die Widrigkeiten, den USB-Stick überhaupt zu finden und dann auch von seinen neuen Besitzern zurückzubekommen, eine Rolle – doch im Vordergrund steht in jedem Moment die Atmosphäre bei diesem Abschiedstrip. Denn Segan ist stärker an Stimmungen als an dramaturgischer Zuspitzung interessiert.
Noch einmal sieht Harry sein New York, welches es so gar nicht mehr gibt. Sicher nicht zufällig geht es durch die verschiedensten Stadtteile – von der Bronx über Chinatown schließlich sogar nach Queens. Segan zeigt die Metropole dabei abseits ihrer touristischen Wahrzeichen. Die Stadt wirkt hier nicht glamourös, sondern wie selbst ein wenig müde von der ganzen Veränderung geworden. Sie ist auch Harry teilweise fast fremd, und sogar der erfahrene Dieb muss einmal nach dem Weg fragen, als ihn seine Suche in eines der gentrifizierten Viertel führt, welches er bewusst gemieden hat.
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Auch wenn New York im Mittelpunkt steht, ist es auch eine universelle Geschichte über einen der letzten analogen Menschen in einer vollkommen digitalisierten Metropole. Segan nutzt diese Figur, die nicht einmal ein Mobiltelefon hat und einen Computervirus für eine übertragbare Krankheit hält, aber nicht zur Abrechnung mit dem Fortschritt. Weder verklärt er Nostalgie, noch verteufelt er Modernisierung. Es ist eine Bestandsaufnahme der Veränderung, durch die selbst der geschickteste Diebestrick nichts mehr wert ist, wenn man ihn Stunden später dank omnipräsenter Kameraüberwachung nachvollziehen kann. Und damit ist es vor allem ein ruhiges, bittersüßes Porträt über das Altern – und darüber, was passiert, wenn selbst Kriminalität vom technischen Fortschritt überholt wird.
Manchmal verliert sich Segan ein wenig zu sehr in diesem melancholischen Abgesang. Harrys kurzer Abstecher zur entfremdeten Tochter (Tatiana Maslany) ist dann doch eine eher unnötige Episode, die vor allem dazu dient, noch etwas mehr Sentimentalität reinzupressen. Dass das trotzdem funktioniert, liegt an John Turturro. Mit minimalen Gesten trägt der „Barton Fink“-Star einen Film, der dann am stärksten ist, wenn Harrys kleine Routinen und Tricks in den Mittelpunkt rücken. Da verzeiht man auch, dass die eigentliche Krimihandlung bewusst skizzenhaft bleibt und Nebenfiguren trotz der hochkarätigen Besetzung mit Stars wie Giancarlo Esposito („Breaking Bad“) und dem Überraschungsauftritt einer Kino-Legende eher funktional eingebunden sind.
Fazit: „The Only Living Pickpocket In New York“ ist weit weniger ein Thriller als vielmehr ein berührendes, melancholisch-schönes Porträt über das Altern in einer sich rasant wandelnden Welt. Getragen von einem herausragenden John Turturro verzeiht man dem Film seine gelegentlichen Ausflüge in den sentimentalen Kitsch gerne.
Wir haben „The Only Living Pickpocket In New York“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Reihe Berlinale Special Gala seine Europapremiere gefeiert hat.