Eurotrash
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Eurotrash

Christian Krachts Romanmeisterwerk kommt nach nur fünf Jahren ins Kino!

Von Christoph Petersen

Christian Kracht mag mit seinem Kultbuch „Faserland“ Mitte der Neunziger das Gründungsmanifest für die deutschsprachige Popliteratur geliefert haben, aber für viele Kritiker*innen gilt dennoch sein 2021 veröffentlichter Roadmovie-Roman „Eurotrash“ als sein reifstes und stärkstes Werk. Und tatsächlich dauerte es nach der Aufhebung der Corona-Beschränkungen nur wenige Monate, bis „Eurotrash“ gleich an mehreren bedeutenden Theatern als Zwei-Personen-Stück auf die Bühne kam. Die Verfilmung ließ nun ebenfalls nicht lange auf sich warten: Die für ihren trocken-drastischen Humor bekannte „Finsterworld“-Regisseurin Frauke Finsterwalder schien genau die Richtige für „Eurotrash“ zu sein – und das nicht nur, weil sie mit Christian Kracht verheiratet ist und gemeinsam mit ihm das Drehbuch erarbeitet hat.

Aber wer darauf hofft, dass Frauke Finsterwalder direkt an „Sisi & Ich“ – ihre ebenso eigenwillige wie brillante Neuinterpretation des ewigen Sisi-Mythos – anknüpft, wird leider ein Stück weit enttäuscht. „Eurotrash“ ist ein vielschichtiger Roman, und das Paar Finsterwalder/Kracht hat sich womöglich auch deshalb dafür entschieden, sich im Skript nur auf eines der zwei zentralen Elemente der autofiktionalen Vorlage zu konzentrieren: Statt Christian Kracht heißt der Protagonist jetzt Philipp – und der ganze Part, in dem der Autor mit seiner eigenen Popkultur-Persona ins Gericht geht, fällt fast vollständig weg. Stattdessen konzentriert sich der Kinofilm ganz auf die Geschichte einer (un-)möglichen – und vielleicht sogar nur im Todestraum eingebildeten – Versöhnung. Aber so richtig kommt dieser Teil allein erst im letzten Drittel zu sich.

Philipp (Alexander Fehling) begleitet seine Mutter (Barbara Sukowa) auf einen zunehmend absurden Roadtrip mit der Absicht, das Familienvermögen zu verschenken. DCM
Philipp (Alexander Fehling) begleitet seine Mutter (Barbara Sukowa) auf einen zunehmend absurden Roadtrip mit der Absicht, das Familienvermögen zu verschenken.

Bestsellerautor Philipp (Alexander Fehling) hat zuletzt in Nepal gelebt und dort auch seinen aktuellen Roman fertiggestellt. Jetzt ist er kurz vor dem Tod seines Vaters in die Schweiz zurückgekehrt. Hier muss er sich direkt um seine alkoholkranke und tablettensüchtige Mutter Helene (Barbara Sukowa) kümmern, nachdem sie – mal wieder – aus der geschlossenen psychiatrischen Abteilung entlassen wurde. Im Auto einer namenlos bleibenden Taxifahrerin (Luna Wedler) starten Mutter und Sohn einen Roadtrip quer durch die Schweiz: Helene hebt 900.000 Franken von der Bank ab, um sie möglichst wahllos zu verschenken.

Aber die pulloverstrickende Öko-Kommune, die Philipp als mögliches Spendenziel ausgemacht hat, entpuppt sich als Gruppe von Neonazis, die sich zwar selbst als vegetarisch-germanisch bezeichnen, ihren Salat aber dennoch mit Schinkenscheiben garnieren. Ohnehin erweist es sich als wesentlich schwerer als gedacht, das Geld loszuwerden – vielleicht auch deshalb, weil es gar nicht wirklich um die 1.000-Franken-Scheine, sondern um die über Generationen in der Familie angehäufte (NS-)Schuld geht, die hier abgestreift werden soll. Aber wenn das mit der Vermögensvernichtung schon nicht hinhaut, könnte es ja zumindest noch mit der späten Versöhnung von Mutter und Sohn funktionieren ...

Motion Dazzle im Schweizer Hinterland

Eine gängige Lesart des Romans besteht darin, dass der Protagonist bei der anfänglichen Beschreibung des potenziell tödlichen Tablettencocktails seiner Mutter in Wahrheit Suizid begeht – und der anschließende Roadtrip nur ein von der Sehnsucht nach familiärer Versöhnung ausgelöster Todestraum ist. In der Verfilmung liegt diese Interpretation sogar noch näher, einfach schon deshalb, weil der Ton des Roadtrips so voller Stimmungsbrüche ist, dass er eigentlich nur noch in einer gewissen Traumlogik Sinn ergibt: Luna Wedler avanciert als philosophierende Taxifahrerin zur mythischen Fährfrau-Figur – und alle, die es auf die Plastiktüte mit der Kohle abgesehen haben, vom Ober-Ökonazi (Michael Maertens) bis zu spontanen Flugplatz-Gangstern (Stefan Kurt, Philippe Graber), wirken wie die Schurkenfiguren aus einem Slapstick-Film.

Gerade wenn der anfänglich noch großzügig eingesetzte, melancholisch-abrechnende Off-Kommentar von Philipp nach und nach zurückgefahren wird, wirkt das – selbst für eine Groteske – tonal ziemlich beliebig. In einem längeren zoologisch-philosophischen Abstecher geht es um Zebras in der Steppe, die von Raubtieren wegen ihrer schwarz-weißen Streifen eigentlich schon von Weitem erspäht werden können – bevor die Jäger daran scheitern, sich auf ein einzelnes Tier in der sich bewegenden Herde zu fokussieren. In der Fachsprache wird dieses Phänomen Motion Dazzle genannt – und ein wenig geht es einem auch beim Schauen von „Eurotrash“ so, wenn sich die verschiedenen tonalen Stimmungen nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammensetzen wollen.

Das finale Drittel ist das stärkste

Im Gegensatz zu seinen gnadenlos-ironischen früheren Werken lässt Christian Kracht in „Eurotrash“ zumindest die entfernte Möglichkeit einer Versöhnung hindurchscheinen – und tatsächlich ist die Verfilmung gerade in diesen empathischen Einschüben auf der Zielgeraden am besten: Natürlich ist Fassbinder-Legende Barbara Sukowa („Lola“) auch vorher schon ein Ereignis, wenn sie Helene als nie ausrechenbare und immer scharf geladene menschliche Schrotflinte porträtiert, während Alexander Fehling („Im Labyrinth des Schweigens“) etwas eintönig mit hängenden Schultern den desillusionierten Stichwortgeber gibt. Aber wenn Mutter und Sohn zwischen den weißweinreichen Forelle-Blau-Testessen feststellen, dass sie als Kinder im exakt selben Alter missbraucht wurden, scheint da plötzlich eine Hoffnung durch, die man von Christian Kracht früher nie für möglich gehalten hätte, die aber auch im Kino erneut tiefst berührt.

Fazit: Auf den Romanseiten ist und bleibt Christian Krachts „Eurotrash“ ein vielschichtiges Meisterwerk – aber bei der Übersetzung auf die große Leinwand geht zu viel verloren, ohne dass in einem vergleichbaren Maße Neues hinzugefügt würde.

Wir haben „Eurotrash“ beim Filmfest Hamburg 2026 gesehen, wo der Film seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.

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