Ein absoluter Splatter-Zuckerschock
Von Stefan GeislerWährend meines Besuchs der Dreharbeiten zu „Ice Cream Man“ im kanadischen Toronto beschrieb mir Regisseur Eli Roth seinen neuen Schocker als Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ – nur mit Kindern statt Vögeln. Das macht natürlich neugierig – schließlich ist Eli Roth nicht für feingeistigen Grusel bekannt, sondern serviert seinem Publikum zumeist ausufernde Splatter-Unterhaltung, in der Kultur- und Gesellschaftskritik allerhöchstens mit dem groben Schwert statt der feinen Klinge vermittelt wird.
Nach Sichtung des Films kann ich den Vergleich zumindest nachvollziehen – zumal Hitchcocks Klassiker in einer Szene sogar direkt Tribut gezollt wird. Fans des Regisseurs müssen sich jedoch keine Sorgen machen, denn „Ice Cream Man“ trägt unverkennbar die rohe Handschrift von Eli Roth. Herausgekommen ist ein hyperaktives Splatter-Vergnügen, das erzählerisch zwar rein gar nichts zu bieten hat, dennoch spaßige Gore-Unterhaltung en masse liefert. Und wenn man schon unbedingt Vergleiche bemühen möchte, dann ist „Ice Cream Man“ wohl am ehesten eine wirklich abgefuckte Version der deutschen Sage „Der Rattenfänger von Hameln“ – nur mit einem Schuss „Weapons“ und deutlich mehr Blut und Eingeweiden.
Studiocanal
In der US-Kleinstadt Bayleen Bay ticken die Uhren gemächlicher. Im Sommer verbringen die Kinder ihre Zeit auf dem Baseballfeld und genießen die Schulferien. Diese freie Zeit versüßen sie sich zusätzlich durch leckeres Eis – was für ein Glück, dass ein neuer Eisverkäufer (Ari Millen) in die Stadt gekommen ist, der mit seinem Truck um die Häuser zieht und Groß und Klein mit gefrorenen Köstlichkeiten versorgt.
Doch das kühle Glück bringt nicht nur einen heftigen Zuckerschock, sondern birgt auch dämonische Kräfte, die der seltsame Fremde mit der Melodie aus dem Eiswagen wecken kann. Hören die Kinder diese eigentlich glückversprechenden Klänge, verwandeln sie sich in dämonische Killermaschinen, die den Erwachsenen der Stadt ohne Gnade den Garaus machen. Nur eine Truppe um den laktoseintoleranten Jared (Charlie Zeltzer) ist noch bei klarem Verstand – und die letzte Hoffnung für die Stadt …
Gleich vorweg: Wer bisher kein Fan von Eli Roths Arbeiten war, wird auch an „Ice Cream Man“ wenig Freude finden. Vielleicht kann man sogar sagen, dass der Eiscreme-Schocker die bisher unverfälschteste Eli-Roth-Arbeit ist, denn der Regisseur produziert seinen neuesten Film sogar mit seinem eigenen Horror-Label The Horror Section. Und tatsächlich liefert der verrückte Splatterspaß genau das, wofür der Filmemacher steht – und das sogar in potenzierter Form. Leider nicht nur im Guten, sondern auch im Schlechten.
Eli Roth war noch nie ein wirklich guter Geschichtenerzähler. Die Storys der meisten seiner Filme ließen sich auf einem Bierdeckel zusammenfassen. „Ice Cream Man“ bildet da keine Ausnahme, denn Figurenzeichnung, Handlung und Dialoge gestalten sich teilweise erschreckend simpel.
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Dazu gesellen sich in diesem Fall noch technische Schlampereien. Gelungene Kameraeinstellungen – von denen es durchaus einige gibt – dürfen kaum ihre Wirkung entfalten, während extrem belanglosen Momenten viel zu viel Platz eingeräumt wird. Exemplarisch dafür steht eine Szene am Esstisch, in der Familienvater Marty (Eli Roth) mit seiner Tochter Lizzie (Sarah Abbott) eine gefühlte Ewigkeit darüber diskutiert, ob diese am nächsten Tag die Schule schwänzen darf. Dieses Gespräch ist nicht nur schrecklich ideenlos inszeniert, sondern bringt auch erzählerisch keinerlei Mehrwert. Warum dieser Dialog nicht der Schere zum Opfer gefallen ist, weiß wohl nur Roth selbst.
Unterhaltsam wird es immer dann, wenn „Ice Cream Man“ vollends in den B-Movie-Wahnsinn abdriftet und jeglichen Anspruch an Sinnhaftigkeit oder Filmlogik über Bord wirft. Gerade die Erklärung, aus welchem Grund der unheimliche Eisverkäufer denn nun die Kinder der Stadt in mordende Monster verwandelt, ist dermaßen hanebüchen, dass sie zumindest in der Pressevorführung für große Heiterkeit gesorgt hat. Vielleicht hätte es dem von Ari Millen verkörperten Sonderling dennoch gutgetan, wenn der mythologische Unterbau seiner Figur etwas ausgereifter gestaltet wäre – aber das kann ja in einer eventuellen Fortsetzung noch geschehen.
Doch alle Story-Schwächen sind vergessen, wenn das Gemetzel über die Stadt hereinbricht. Dieser wilde Blutrausch mit einer gehörigen Portion Anarcho-Energie präsentiert sich in seinen besten Momenten als ein lebendig gewordener „Itchy & Scratchy“-Cartoon. Hier werden Eltern mit Bratpfannen bis zur Besinnungslosigkeit verdroschen, menschliche Därme als Springseil missbraucht, Doktor Bibber an echten Personen gespielt und aus Gehirnen Eiscreme-Kugeln geformt.
Besonders schön an diesem Wahnsinn: Eli Roth referenziert hier auch immer wieder andere Filme. So lassen sich kleine Hommagen an „Frankenstein“, „The Wolf Of Wall Street“, „Shining“, „Hannibal“ oder auch, wie eingangs erwähnt, Hitchcocks „Die Vögel“ ausmachen. Das größte Highlight dürften hier jedoch die „Kevin – Allein zu Haus“ respektive „Kevin – Allein in New York“-Verweise sein, in denen endlich einmal realistisch gezeigt wird, welche schrecklichen Konsequenzen die von Kevin ausgeheckten Gemeinheiten in Wahrheit hätten – wir sagen nur „fallende Ziegelsteine“.
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Leider kann aus diesem Chaos jedoch nie echte Spannung entstehen – was einerseits an einem dürftigen Drehbuch und zum anderen an der schauspielerischen Limitierung der jungen Darsteller*innen liegt. Denn die Truppe um den jungen Jared bleibt trotz des Eiscreme-Wahnsinns um sie herum stets überraschend gelassen. Selbst wenn um sie herum Menschen zweigeteilt oder schrecklich verstümmelt werden, ringt ihnen das nicht mehr als einen leicht angeekelten Gesichtsausdruck ab – und selbst bei Rettungsaktionen in letzter Sekunde wird noch kurz zuvor der aktuelle Beziehungsstatus abgefragt.
Abseits der Splatter-Passagen, die mit ihrem fiesen Witz punkten können, fühlen sich die Humor-Einschübe zudem stellenweise erstaunlich gestrig an. Es ist unverkennbar, dass Eli Roth in Sachen Witz in den frühen 2000ern steckengeblieben ist, als „Deine Mutter“-Gags noch die Speerspitze der Komik darstellten – und unbeschwert über Essstörungen bei heranwachsenden Mädchen und fette Kinder gelacht wurde. Ob man das heute noch lustig findet oder nicht, müssen wohl alle Kino-Gänger*innen mit sich selbst ausmachen.
Wahrscheinlich ist es letztlich die größte Stärke von „Ice Cream Man“, dass er sich frei von jeder Art von Story-Ballast macht und sich damit als Antithese zum „Elevated Horror“-Trend der letzten Jahre präsentiert. Wer doppelbödige Deutungen oder Interpretationsflächen wie in „Talk To Me“, „It Follows“ oder „Weapons“ sucht, der ist hier fehl am Platz. Obwohl letztgenannter zumindest aufgrund der Kinder- und Schulthematik eine gewisse Ähnlichkeit erkennen lässt. Doch abseits einer leisen Kritik am Medienkonsum Heranwachsender ist Eli Roths neueste Arbeit ein auf angenehme Art und Weise komplett stumpfes Vergnügen. Und so kann sich das Publikum ganz befreit dem hemmungslosen Wahnsinn hingeben.
Fazit: „Ice Cream Man“ ist ein Eli-Roth-Produkt in Reinform. Ein hyperaktives Gemetzel, nahe an der Grenze zum Gore-Zuckerschock. Wer bisher nichts mit den grobschlächtigen Horror-Arbeiten des Regisseurs anfangen kann, der dürfte jetzt durch diesen Film auch nicht plötzlich Fan werden. Wer jedoch Spaß an grenzüberschreitendem Splatter-Wahnsinn hat – und über ein paar Humor-Verfehlungen hinwegsehen kann –, dürfte eine gute Zeit im Kino haben.