Wenn auf Netflix das Scrollen mal wieder länger dauert als der Film selbst…
Von Jochen WernerIm deutschen Kino tut sich was – jedenfalls in dem, das kein Geld hat und mit Freunden und sich selbst einfach vor sich hindreht. Denn während das Filmfördersystem seit gefühlten Jahrzehnten eigentlich ständig in Dauerunzufriedenheit und Reformdebatten feststeckt, fordert etwa der – allerdings auch im bestehenden System fest etablierte – Dauerrebell Dominik Graf von der nachrückenden Generation schon lange, sie möge doch einfach auf die Straße gehen und ihre Filme machen. Ohne Fördergeld, no budget und im Guerillastil. Einfacher und billiger als heute sei das schließlich noch nie gewesen, Smartphonekameras und Freeware-Postproduktionstools sei Dank.
Immer mehr Jungregisseur*innen, so scheint es, folgen diesem Aufruf nun tatsächlich – oder zumindest werden die Filme derjenigen, die außerhalb der Filmförderung drehen, immer sichtbarer. So hat etwa der Jetzt-schon-Kiezkinoklassiker „Heikos Welt“ jedenfalls das Berliner Kinopublikum derart nachhaltig begeistert, dass es Regisseur Dominik Galizia dann im nächsten Schritt von unten doch noch die Türen zu den höheren Budgets öffnete – die er dann in den deutlich aufwendigeren, aber leider weniger erfolgreichen Rummelplatzfilm „Rock’n’Roll Ringo“ investierte.
Der Hamburger Timo Jacobs – der einst als Laienschauspieler beim großen deutschen Kinomaverick Klaus Lemke begann – legte jüngst mit dem charmanten Slackerfilm „Hochstapler & Ponys“ schon seine vierte No-Budget-Indiekomödie vor. Und mit Dietrich Brüggemann („Kreuzweg“, „Nö“) geht jetzt ein etablierter Regisseur nach fünf Filmen (und drei „Tatorten“, ein vierter läuft im Dezember) im deutschen Fördersystem bewusst einen Schritt zurück – und dreht mit „Home Entertainment“ erstmals seit 20 Jahren wieder einen Film ohne Budget. Mit Freunden, darunter auch gar nicht wenigen aus dem deutschen Kino wohlbekannten Gesichtern – konzentriert auf nahezu einen einzigen Schauplatz: nämlich ein großes, beiges und tatsächlich ziemlich bequem aussehendes Sofa.
Home Entertainment GbR
Das Hauptthema von „Home Entertainment“ offenbart Brüggemann bereits in der ersten Szene – eine der wenigen, die sich nicht auf besagtem Sofa abspielen: Darin begegnen wir Florian (Joseph Bundschuh) im Auto, während er auf seine Freundin Marie (Nadine Dubois) wartet. Die ist im Supermarkt und kauft für ein Abendessen mit Freunden ein, aber aufgrund von (lediglich) vermuteten Lebensmittelunverträglichkeiten wird der ursprüngliche Plan kurzerhand über den Haufen geworfen. Die Absprache per Handy scheitert am instabilen Netz – und von der schließlich doch durchdringenden Mitteilung ist Florian zwar wenig begeistert, löscht aber seine zunehmend immer weniger kritischen Voicemails dann vor dem Abschicken immer wieder. (Hört eigentlich wirklich irgendjemand die eigenen Sprachnachrichten vor dem Senden nochmal an? Eine Kulturtechnik, die man in „Home Entertainment“ erlernen kann!)
Am Ende bleibt nur ein resigniertes „ja, okay“ übrig, aber da sitzt Marie eh schon wieder auf dem Beifahrersitz, mit den Einkäufen für den ungeliebten Rote-Bete-Salat in der Tasche. Das Essen fällt dann aber eh aus, die eingeladenen Freunde sagen kurzfristig ab, und man beschließt, dass man sich ja auch einen gemütlichen Abend zu zweit machen könnte: Essen bestellen („4,2 Sterne, das ist so ‘ne Sache“) statt selber kochen, und gemütlich einen Film auf dem Sofa schauen. Und da kommt dann der eigentliche Plot von „Home Entertainment“ in Gang. Oder besser gesagt: zum Stillstand, denn es geht hier im Prinzip um die Unmöglichkeit, einfach mal gemütlich zu Hause einen Film zu gucken.
Denn erstmal muss natürlich die Entscheidung für einen Film getroffen werden. Man klickt sich durch diverse Streamingdienste und stößt auf allerlei, das wir selbst nur mehr oder weniger gern sehen würden. Resolute serbische Kneipenbetreiberinnen, schweigende deutsche Familienväter, oder doch lieber „Das Leben ist ein Croissant“? Auf dem Doku-Kanal setzt man die Klimaaktivisten wie die Seenotrettung zwar auf die Watchlist – aber dann doch lieber nicht heute Abend. Und auch die süßen Tierbabys, die Marie gern sehen würde, sind leider allesamt vom Aussterben bedroht.
Irgendwann entscheidet man sich dann doch noch für einen Film – nur um mit den zahllosen Fallstricken konfrontiert zu werden, die alle Gelegenheits-Streamer nur allzu gut kennen: Account ausgeloggt, Passwort vergessen, alte Handynummer hinterlegt. Und dann, wenn man es endlich schafft, den Film zu starten, läuft er nur in der deutschen Synchronfassung. Vom hakeligen Internet mal gar nicht zu sprechen. „Home Entertainment“ ist eine Komödie der Unterbrechungen und Verzögerungen – selbst die Essenslieferung kann man per App auf dem Irrweg von Charlottenburg bis Tempelhof live verfolgen. Brüggemann eröffnet damit viel Raum für das Wachsen von Spannungen sowie für das verdruckste und immer genervtere Doch-noch-Aussprechen von allerlei Unausgesprochenem.
Home Entertainment GbR
Das Zweipersonenstück bricht dann allerdings im Verlauf des Films zunehmend wieder auf, wenn eine Nachbarin, Freund*innen und irgendwann sogar die Polizei vor der Tür stehen und immer wieder neue Situationen entstehen lassen. Nicht alle diese Episoden funktionieren gleich gut, aber insgesamt hält diese Struktur das Tempo hoch und sorgt dafür, dass „Home Entertainment“ dem begrenzten Schauplatz zum Trotz abwechslungsreich bleibt. Die erfreulich kompakte Laufzeit von 85 Minuten nutzt Brüggemann für einen Rundumschlag durch das kollektive Liebesleben kontemporärer Irgendwas-mit-Kultur-Paare, inklusive platonischer Gratis-Selbstbestätigung per heimlichem Tinderprofil. (Oder war es doch Bumble?)
Fazit: Wer immer schonmal wissen wollte, welche Gefahren es birgt, seinen Filmkonsum lediglich per Streaming zu bestreiten, der kann durchaus einiges lernen im neuen, als No-Budget-Produktion jenseits des deutschen Filmfördersystems gedrehten Film von Dietrich Brüggemann. Neben Netzproblemen und dem ewigen Zwang zum Weiterklicken werden allerdings auch Dating-Apps, Lieferdienste und pflichtbewusst aufgesagte Merksätze von Klimaaktivismus bis hin zu nachhaltiger Elternschaft zur Zielscheibe für Brüggemanns Spott – alles hineingestopft in eine mit 85 Minuten Laufzeit erfreulich dicht und rasant erzählte digitale Beziehungskomödie.
Wir haben „Home Entertainment“ beim Filmfest München 2025 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.