Ein Berliner Sommerfilm der besonderen Art
Von Gaby SikorskiBerlin im Sommer ist eine besondere Herausforderung: Durch die dichte Bebauung und die Versiegelung der Böden staut sich die Hitze, sodass sich sogenannte Wärmeinseln bilden. Der Begriff „Hotspot“ ist da durchaus wörtlich zu verstehen. So kann der zubetonierte Alexanderplatz im Sommer bis zu zehn Grad wärmer sein als das westlich gelegene, weniger dicht besiedelte Spandau. Schon der Stummfilm-Klassiker „Menschen am Sonntag“ von 1930 fing die besondere Berliner Sommerstimmung ein – in der jüngeren Kinogeschichte haben auch „Lola rennt“, „Sommer vorm Balkon“ oder „Sonne und Beton“ vom sommerlichen Alltag in der überhitzten Stadt erzählt.
Ausnahmezustand: 35 Grad, Asphaltflirren, klebrige Luft und dazu Dauer-Verkehrsrauschen. Sorina Gajewskis Coming-of-Age-Debüt „Nulpen“ fängt den „Summer in the City“-Rausch nicht als glatte Instagram-Postkarte ein, sondern als sprödes, verschwitztes Lebensgefühl. „Nulpen“ ist ein Film, der so tut, als würde er von nichts erzählen, während er in Wirklichkeit von allem handelt, was wichtig ist: vom Verlorensein, von der Suche nach Liebe und Freundschaft und von der ewigen Frage, wann das Leben eigentlich anfängt und wohin es führt.
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Ramona und Nico – gespielt von den famos ungekünstelten Nachwuchsdarstellerinnen Bella Lochmann und Pola Geiger – sind zwei Jugendliche ohne Plan, aber mit viel zu viel Energie, um einfach nur zu chillen. Der Sommer ist brütend heiß, die Stadt laut, das Leben unaufgeräumt. Als ein impulsiver Schuss mit der Zwille das Fenster des grantigen Nachbarn zerdeppert, nimmt eine aberwitzige Odyssee ihren Lauf. Denn dieser Nachbar, der zwischen Empörung und pädagogischem Übermut schwankt, drückt den Mädchen eine vermeintlich erzieherische Aufgabe aufs Auge: Sie sollen auf seinen Vogel aufpassen. Was dann geschieht, ist logisch, fatal und herrlich symbolisch – die Mädchen öffnen den Käfig, und der Vogel fliegt davon. Was als kleine Rebellion beginnt, wird zum Startpunkt einer Suche, die weit über die Verantwortung für ein Vögelchen hinausgeht.
Die Jagd nach dem entflohenen Federvieh ist natürlich nichts anderes als eine Chiffre für die allgemeine Sinnsuche. Gemeinsam mit Ramonas zwölfjährigem Bruder Noah (Rio Kirchner) – einem nervtötend liebenswerten Anhang, der zwischen kindlicher Neugier und jugendlicher Aufdringlichkeit changiert –taumeln die beiden durch ein Berlin, das hier weniger als Filmkulisse, sondern vielmehr als Lebensraum einer Generation gezeigt wird. Während in Berlins Mitte die Fridays-for-Future-Demos die City-Straßen füllen, stolpert dieses Trio Infernale durch Viertel, Parks und Menschenleben, die mal witzig, mal tragisch oder einfach nur absurd daherkommen.
Dass „Nulpen“ dabei trotz Hitze und Orientierungslosigkeit eine spielerische Leichtigkeit bewahrt, liegt vor allem an der Regie. Sorina Gajewski versteht es, ihr Berlin realistisch, aber ohne Sozialdrama-Schwere zu zeigen. Es erscheint als alltäglich-urbanes Biotop, das seine größte Schönheit in kleinen, vermeintlich hässlichen Momenten entfaltet. Statt Pathos oder Anklage gibt es hier trockenen Witz, punktgenaue Dialoge und einen liebevoll genauen Blick für die Art, wie Jugendliche heute denken, reden und sich verlieren. Ihre Figuren posieren nicht, sie passieren. Gajewski beobachtet, statt zu urteilen – und genau darin liegt einer der größten Verdienste dieses Films.
Visuell erinnert „Nulpen“ in vielen Momenten an Filme der französischen Nouvelle Vague: Handkamera, spontane Begegnungen, elliptischer Schnitt, dazwischen Szenen, die wie zufällig wirken, aber präzise komponiert sind. Wenn Ramona und Nico sich durch aufgeheizte Hinterhöfe oder verlassene Baustellen treiben lassen, schwingt etwas von François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ mit – eine Mischung aus jugendlicher Renitenz und fragiler Poesie, die in deutschen Filmen sonst eher selten zu finden ist.
„Nulpen“ verweigert all das, was konventionelles Coming-of-Age-Kino üblicherweise liefert. Es gibt keine moralische Läuterung, kein pathetisches Ende, keine dramatische Selbstfindung mit aufwallendem Soundtrack. Stattdessen steht am Schluss ein Gefühl von Hoffnung, das zarter und ehrlicher ist als jede Dramatik und von einem Anfang erzählt. Ein Anfang, der offen lässt, wohin er führt – wie das Leben selbst.
Thematisch reiht sich „Nulpen“ in die wachsende Zahl von Filmen ein, die der Generation Z ein authentisches Porträt widmen – aber Sorina Gajewski vermeidet den Fehler, ihre Hauptpersonen mit Schlagwörtern oder soziologischen Etiketten zu erklären oder gar zu verklären. Ihre Jugendlichen müssen keine gesellschaftlichen Thesen verkörpern – sie sind einfach Menschen, die an der Schwelle vor einer verschlossenen Tür stehen und noch nicht wissen, was dahinter liegt. Die unaufgeregte Ehrlichkeit der Erzählung, zusammen mit Humor und einer liebevollen Direktheit, verleiht dem Film eine besondere Frische.
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Auch wenn der Film mit 75 Minuten fast schon lakonisch kurz ausfällt: Jeder Dialog, jede Blickbewegung, jedes kleine Missverständnis zwischen Mona, Nico und Noah erzählt mehr über Jugend und Berlin als mancher feuilletonistische Essay. Gerade in seiner Leichtfüßigkeit liegt der emotionale Tiefgang – wenn die beiden Mädchen über Silberfische, Spinnen oder das sinnlose Warten auf irgendwas reden, ist das niemals banal. Es sind witzige, poetische Miniaturen der Gegenwart, ehrlich und gelegentlich voller zarter Melancholie.
Am Ende bleibt die Gewissheit: „Nulpen“ ist kein Film über Helden, sondern über junge Menschen, die keine Ahnung davon haben, wie das mit dem Erwachsenenleben eigentlich funktioniert – und die genau deshalb berührend echt wirken. Sorina Gajewski gelingt das Kunststück, Berlin und die Jugend als chaotische, vibrierende, manchmal hässliche, aber immer lebendige Einheit und Realität zu zeigen. Dafür braucht sie keine großen Gesten. Nur Hitze, Humor und zwei junge Frauen, die mit offener Zwille und offenem Herzen losziehen, um vielleicht keinen Vogel, aber dafür ein Stück weit sich selbst zu finden.
Fazit: Ein witziges, wunderbar flirrendes Generationenporträt – und gleichzeitig ein ganz besonderer Berliner Sommerfilm.