Mein Konto
    Das Vermächtnis des geheimen Buches
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Das Vermächtnis des geheimen Buches
    Von Carsten Baumgardt
    Nicolas Cage ist nicht nur ein hervorragender, sondern auch ein sehr vielseitiger Schauspieler. Egal, ob überlebensgroßer Actionheld der Neunzigerjahre (The Rock, Con Air), filigraner Drama/Satire-Darsteller (Leaving Las Vegas, Adaption), Kultfigur (Wild At Heart, Im Körper des Feindes) oder Fels in der Brandung mäßiger Filme (Next, The Wicker Man, Ghost Rider): Cage kann einfach alles. Nur eines hat der Neffe von Francis Ford Coppola trotz einigen Blockbustern noch nie gemacht: eine Fortsetzung. Doch irgendwann ist immer das erste Mal. 2004 schaffte das Action-Abenteuer Das Vermächtnis der Tempelritter das beachtliche Kunststück, trotz biederem Regisseur (Jon Turteltaub), aus einem mehr als hanebüchenen Plot einen höllisch unterhaltsamen Film zu machen. Bei einem weltweiten Einspiel von rund 350 Millionen Dollar muss nach den Gesetzen Hollywoods einfach ein Sequel her – alles andere wäre wirtschaftlich grob fahrlässig. Und wenn schon auf Nummer sicher gehen, dann richtig, dachte sich wohl Turteltaub, als er für den Nachfolger „Das Vermächtnis des geheimen Buches" das Erfolgspersonal von Teil eins erneut versammelte, und es zusätzlich um weitere Superstars erweiterte. Allerdings kopiert der Regisseur das Konzept am Rande des Plagiats so schamlos, dass trotz Spaßfaktor ein leicht fader Beigeschmack bleibt.

    Der unorthodoxe Schatzjäger Benjamin Franklin Gates (Nicolas Cage) und seine Truppe um Kumpel Riley Poole (Justin Bartha), Vater Patrick (Jon Voight) und die Historikerin Abigail Chase (Diane Kruger) haben nach der Entdeckung des legendären Schatzes der Freimaurer und Tempelritter Berühmtheit erlangt. Doch das private Glück zwischen Gates jr. und Chase hat nicht gehalten. Das Paar lebt frisch getrennt, wird aber dennoch durch einen neuen Fall wieder vereint. Der dubiose Geschäftsmann Mitch Wilkinson (Ed Harris) behauptet, dass Gates‘ Ur-Ur-Großvater zu den Verschwörern gehörte, die am 14. April 1865 US-Präsident Abraham Lincoln (Glenn Beck) ermordeten. Im Tagebuch des Attentäters John Wilkes Booth (Christian Camargo) sollen sich Hinweise verbergen, die die Hintergründe aufklären. Allerdings fehlen diesem historischen Dokument die 18 wichtigsten Seiten. Gates und sein Gefolge reisen um den halben Erdball, um das Rätsel zu lösen. Aber nicht nur, dass ihnen Wilkinsons Schergen im Genick sitzen, auch das FBI interessiert sich für Gates, da dieser es für nötig erachtet, den aktuellen Präsidenten der USA (Bruce Greenwood) zur Deutung eines Hinweises vorübergehend zu entführen...

    „My girlfriend kicked me out, I live with my dad and my great-great grandfather killed president Lincoln!" (Benjamin Franklin Gates ist mit der Gesamtsituation unzufrieden)

    Pulitzer-Preisträger Roger Ebert nimmt in seiner amüsanten Rezension genüsslich und mit viel Wonne die haarsträubende Logik des Films auseinander und kommt zu einem treffenden Fazit: „Yes, I know, all of this is beside the point. The person who attends ‘National Treasure: Book of Secrets' expecting logic and plausibility is on a fool's mission." Also für die Akten: Ja, „Das Vermächtnis des geheimen Buches" ist noch abgehobener als der in dieser Hinsicht Maßstäbe setzende Vorgänger. So what!? Wer sich daran stört, ist formal im Recht, aber als potenzieller Kinokartenkäufer schlicht fehl am Platz. Das sollte jeder vor dem Filmtheaterbesuch zwingend auf der Rechnung haben.

    Getreu dem eisernen Sequel-Prinzip „höher, schneller, weiter" breitet Turteltaub das Spielfeld über die Grenzen der USA bis nach London und Paris aus, um später das Nationale Monument Mount Rushmore in einer ironischen Reminiszenz an Hitchcocks Der unsichtbare Dritte in Szene zu setzen. Das geschieht zwar bei weitem nicht so clever wie beim Master Of Suspense, passt sich aber dem Spaßfaktor an. Das Erfolgskonzept des Originals greift auch in der Fortsetzung. Krawall- und Entertainment-Produzent Jerry Bruckheimer (Fluch der Karibik, Top Gun, Bad Boys) ist ein gradliniger Geist: „Audiences love to be entertained, but they also love to learn something. But you know, just laying a bunch of historical facts on the screen is going to bore an audience half to death." Und dieser Aussage verschreibt sich auch „Das Vermächtnis des geheimen Buches" konsequent mit Haut und Haar. Die Autoren des Originals, Cormac und Marianne Wibberly (Shaggy Dog, I-Spy, The 6th Day), verweben einmal mehr kleine historische Abrisse mit dem rasenden Plot, in dem Gates und seine Mitstreiter Rätsel auf Rätsel wie bei einer globalen Schnitzeljagd lösen. Das Vergnügen besteht darin, dass das Drehbuchduo einige historisch kaum bekannte Details ausgräbt und diese locker in die Räuberpistole einflechtet. Das vermengt sich zu einem schmackhaften Unterhaltungscocktail, der einem kaum Zeit lässt, zwischen Fakt und Nonsens zu unterscheiden.

    Ein Wermutstropfen ist die Tatsache, dass Turteltaub („The Kid", „Phenomenon", „Cool Runnings". „Während du schliefst", Instinkt) das Muster des Vorgängers nur minimal variiert. Das macht zwar immer noch eine Menge Spaß, ist aber wohl das genaue Gegenteil von originell. Wie gewohnt, bekommt der Zuschauer kaum eine Möglichkeit zum Mitraten, da Gates die Rätsel bereits entschlüsselt hat, bevor der Betrachter verstanden hat, worum es überhaupt geht. Deshalb ist Staunen statt Knobeln angesagt... und/oder sich eben an den grandiosen Schauwerten des Films erfreuen. Die Settings sind einer Produktion jenseits eines 100-Millionen-Dollar-Budgets angemessen und das riesige Aufgebot an Stars zeigt sich inmitten dieses illustren Firlefanzes als ausgesprochen spielfreudig.

    Das Charisma eines Nicolas Cage trägt selbst schwächere Filme, doch hier muss er nicht die Kohlen aus dem Feuer holen, sondern darf vielmehr als hyperaktiver Indiana-Jones-Verschnitt unter Volldampf Gas geben. Hildesheim-Export Diane Kruger (Troja, Merry Christmas, Sehnsüchtig) verrichtet als Love Interest zuverlässig ihren Dienst, während Jon Voight (Heat, Ali, Midnight Cowboy), Harvey Keitel (Hexenkessel, Cop Land, Taxi Driver, Reservoir Dogs) sowie die Franchise-Neulinge Ed Harris (Absolute Power, Apollo 13, Der Stoff aus dem die Helden sind) und Helen Mirren (Die Queen, Kalender Girls, Gosford Park) ihre Starpower in den Dienst des Entertainments stellen. Justin Bartha (Zum Ausziehen verführt, Liebe ist Nervensache) fällt als Sidekick etwas hinter den ersten Teil zurück, ist aber dennoch für den ironischen Teil und die flotten Sprüche unabdingbar.

    Fazit: Wer an „Das Vermächtnis des geheimen Buches" seine Freude haben will, sollte das Großhirn vorübergehend an der Garderobe abgeben und die Logiksensoren deaktivieren. Das knallige, kurzweilige Action-Abenteuer ist ein legitimes guilty pleasure, selbst wenn das Vergnügen nicht mehr ganz so üppig ausfällt wie in „Das Vermächtnis der Tempelritter".
    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top