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    Half Moon
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Half Moon
    Von Andreas Staben
    Die Kurden sind bekanntermaßen ein Volk ohne eigenen Staat. Etwa 40 Millionen Menschen leben als Minderheit hauptsächlich im Iran, im Irak, in Syrien und in der Türkei, wo sie unterschiedlich stark verfolgt und unterdrückt werden oder wurden. Für ein solches Volk ist es wichtig, die eigene Kultur zu pflegen, das Verbindende über die Staatsgrenzen hinweg zu erhalten. Da eigene Produktionsstrukturen fehlen und zudem immer wieder Zensurmaßnahmen drohen, ist es für kurdische Filmemacher besonders schwierig, ihre Projekte zu realisieren. Auch Bahman Ghobadi hat als iranischer Kurde immer wieder Probleme mit den staatlichen Behörden. Mit seinen Spielfilmen „Die Zeit der trunkenen Pferde“ und „Schildkröten können fliegen“ hat der Absolvent der Teheraner Filmschule aber auf Festivals und in Programmkinos bereits ein interessiertes internationales Publikum erreicht. Nach Auszeichnungen in San Sebastian, Lissabon und Istanbul muss Ghobadi für seinen neuen Film, die Tragikomödie „Half Moon“, wieder verstärkt auf die ausländische Zuschauerschaft setzen, denn im Iran ist das Werk kurz nach Fertigstellung verboten worden. Tatsächlich greift der Regisseur in seiner thematisch vielschichtigen Tragikomödie Elemente der kurdischen Unterdrückung auf und zeichnet zudem ein wenig schmeichelhaftes Porträt iranischer Militärs und Grenzer, das den Zensoren nicht gefallen kann. So bedenkenswert die politischen Hintergründe auch sind, die ästhetische und erzählerische Ausgestaltung dieser wichtigen Fragen bleibt in „Half Moon“ leider häufig an der folkloristisch wirkenden Oberfläche.

    Nach dem Sturz Saddam Husseins erhält der berühmte Musiker Mamo (Ismail Ghaffari) die Genehmigung nach sehr langer Zeit wieder im Irak aufzutreten, wo kurdische Musik unter dem Regime des Diktators verboten war. Mamos Konzert soll ein Fest für die zu Tausenden erwarteten Kurden werden und ein Zeichen für ihre Freiheit und Unabhängigkeit setzen. In einem großen Bus, der von seinem Freund Kako (Allah Morad Rashtiani) gesteuert wird, macht sich Mamo mit seinem aus seinen neun Söhnen bestehenden Ensemble auf die schwierige Reise durch die Bergwelt vom Iran in den Irak. Da seine Musik wesentlich von der Ausdruckskraft einer weiblichen Stimme lebt, geht Mamo ein zusätzliches Risiko ein, indem er versucht die Sängerin Hesho (Hedye Tehrani) über die Grenze zu schmuggeln. Sie hat keine Reisegenehmigung. Im Iran ist den Frauen der öffentliche Sologesang vor männlichem Publikum nicht gestattet. Hesho ist dem Druck der heimlichen Reise nicht gewachsen, Grenzbeamte zerstören die Instrumente der Gruppe und weitere Schwierigkeiten folgen. Als die geheimnisvolle Niwemang (Golshifteh Farahani) erscheint, wird der Film zunehmend allegorisch und Ghobadi führt uns in das rätselhafte Reich zwischen Leben und Tod.

    Angesichts des fertigen Films ist es eine gelinde Überraschung zu erfahren, dass „Half Moon“ als Auftragswerk anlässlich des Mozart-Jahres 2006 entstanden ist. Offenkundige Verbindungen zum Wiener Klassiker sind außerhalb des Musik-Themas kaum festzustellen, aber wenn Regisseur Bahman Ghobadi Mozarts unvollendetes „Requiem“ als Inspirationsquelle nennt, erscheint dies angesichts des Porträts von Mamo als Musiker an der Schwelle des Todes, der um den Abschluss seines Lebenswerks kämpft, nachvollziehbar. Daneben orientiert der Regisseur sich bei seinem zwischen Komischem und Tragischem wechselnden Tonfall in „Half Moon“ offenbar auch ein wenig an Mozart. Während der Komponist der „Zauberflöte“ und von „Don Giovanni“ aber scheinbar mühelos zu einer universal verständlichen Musiksprache vorstieß, bereitet Ghobadis Genre-Mix aus realistischem Drama, volkstümlicher Farce und bedeutungsträchtiger Allegorie verschiedene Rezeptionsprobleme.

    „Half Moon“ ist für ein Publikum, dem die dargestellte Kultur und die Konflikte nicht sehr vertraut sind, wenig erhellend. Die Bedeutung der Musik für die Kurden wird nicht genauer dargelegt, Fakten wie das Gesangsverbot für Frauen im Iran werden mehr oder weniger als bekannt vorausgesetzt. Zudem sind die Einsprengsel durchaus derben Humors, wenn es beispielsweise um handgreifliche Ehefrauen geht oder um die Darstellung des armen Tors Kako, Geschmacks- und Gewöhnungssache. Das größte Manko ist aber, dass es Ghobadi allzu selten gelingt, seine Erzählung in Bilder zu übersetzen, die auch Allgemeines ausdrücken. Die visuelle Prägnanz und Unmittelbarkeit von „Die Zeit der trunkenen Pferde“, die faszinierende Fremdheit und den Ausdruck des Menschlichen schlechthin zugleich transportierte, ist wie bei einigen Filmen von Emir Kusturica einem Kino der folkloristischen Impressionen, das zunehmend wie ein klischeehaftes Selbstzitat wirkt, gewichen.

    Der faszinierende Klang der kurdischen Sprache und Musik (der Film wird glücklicherweise ausschließlich im Original mit Untertiteln gezeigt) und einige Bilder einer selten zu sehenden Landschaft sorgen in einer häufig schwer zugänglichen und überdeterminierten Erzählung für authentisch und unverstellt wirkende Momente. „Half Moon“ ist ein wenig wie die zerklüftete Bergwelt Kurdistans, in der er spielt - abweisend und anziehend zugleich.
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