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    Das weiße Band
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Das weiße Band
    Von Ulf Lepelmeier
    Schon seit zwei Jahrzehnten ist das österreichische Enfant terrible Michael Haneke regelmäßig mit seinen Werken bei den Filmfestspielen in Cannes zu Gast und hat seither einige bemerkenswerte Kapitel zur Geschichte des Festivals beigesteuert. Als der Regisseur 1989 im Alter von 46 Jahren seinen ersten Kinofilm „Der siebte Kontinent“ in der Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ vorstellte, war noch nicht unbedingt zu ahnen, dass Haneke in die erste Riege der europäischen Autorenfilmer aufsteigen würde. Doch mit seiner Trilogie über die Vergletscherung der Gefühle („Der siebte Kontinent“, Bennys Video, „77 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“) sorgte der Regisseur bereits für einigen Diskussionsstoff. Seinen Ruf als provokativer Spezialist für die Erforschung von Gewaltmechanismen festigte er dann mit dem Skandalfilm Funny Games. Für die Jelinek-Verfilmung Die Klavierspielerin und das Psycho-Drama Caché erhielt Haneke an der Croisette in der Folge diverse Preise, mit seinem faszinierenden Sittengemälde „Das weiße Band“ hat er nun auch die Goldene Palme, den Hauptpreis des Festivals, gewonnen. Das von Zurückhaltung und formaler Strenge bestimmte Drama beeindruckt durch seine dichte Atmosphäre und die präzise Betrachtung einer Dorfgemeinschaft vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Und Haneke beweist einmal mehr, dass er ein Meister des anspruchsvollen und beklemmenden Kinos ist.

    In den ersten Sommertagen des Jahres 1913 beginnt in einem protestantischen Dorf im Norden Deutschlands mit einem mysteriösen Reitunfall des Doktors (Rainer Bock) eine ganze Kette rätselhafter Ereignisse. Die Hebamme des Dorfes (Susanne Lothar) bemerkt ein Drahtseil, das den Sturz des Pferdes verursacht hat, doch die Appelle des Pastors (Burghart Klaußner), der Drahtzieher möge sich doch stellen, bleiben ohne Wirkung. Als kurze Zeit später eine Bäuerin bei der Arbeit im Sägewerk des Barons (Ulrich Tukur, Das Leben der Anderen, John Rabe) tödlich verunglückt, macht die Familie der Verstorbenen den Aristokraten dafür verantwortlich. Das gegenseitige Misstrauen in der Dorfgemeinschaft wächst zunehmend. Dem jungen Lehrer (Christian Friedel) fällt zudem auf, dass sich einige Kinder anders als sonst verhalten. Insbesondere die beiden Ältesten des strengen Pastors, der seine Sprösslinge ein weißes Band als Zeichen ihrer Sünden tragen lässt, scheinen etwas zu verheimlichen. Da geschieht schon das nächste Unglück...

    „Die oberste Tugend der Kunst ist die Genauigkeit. Ob in der Malerei, in der Literatur oder im Film – es ist die möglichst genaue Beobachtung [...]. Genauigkeit heißt: Man muss sich so weit wie möglich in ein Thema vortasten und dieses rekreieren, und zwar das Wesentliche.“ (Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer) [1]

    Michael Haneke bleibt seinem Bestreben nach Konzentration und Klarheit treu und setzt in seinem neunten und mit Produktionskosten von 12 Millionen Euro bis dato teuersten Film auf bestechend-kühles Schwarz-Weiß und auf natürliche Lichtquellen. In ihrer schlichten Schönheit erzeugen die Aufnahmen von Kameramann Christian Berger („Caché“, Trennung) ein ganz besonderes Flair. Gedreht wurde auf Farbmaterial, wodurch die Nutzung von Kerzen und Petroleumlampen zur Ausleuchtung möglich wurde, das Endergebnis sind ausgesprochen kunstvolle, gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Bilder, die an Fotografien aus der Handlungszeit erinnern und den Zuschauer regelrecht in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eintauchen lassen.

    In „Das weiße Band“ werden die autoritären Strukturen eines protestantischen Dorfes präzise analysiert und beunruhigend glaubwürdig beschrieben. Mit fantastischen Schwarz-Weiß-Kompositionen, die an die strengen Werke von Ingmar Bergman (Wilde Erdbeeren, „Das siebente Siegel“, „Persona“) erinnern, gibt uns Haneke einen Einblick in das dörfliche Leben vor dem Ersten Weltkrieg und in die Kindheit der Generation, die später einen kriegstreiberischen Rattenfänger unterstützen sollte. Die ständige Bekräftigung einer unerbittlichen Moral und ehern-einseitig ausgelegter christlicher Werte, die strengen Erziehungsmethoden und die fehlende emotionale Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern, dazu die eingefahrenen, unüberwindbar scheinenden Machtstrukturen einer dahinsiechenden Gesellschaft - vor dem Auge des Betrachters entsteht das ungeschönte Porträt einer verkrusteten Gemeinschaft. Anstand und Moral sind zu hohlen Phrasen verkommen, der Drang nach Aufbruch und Veränderung ist nur zu verständlich. Ein Umbruch liegt in der Luft, eine Ahnung der Energien, die sich schließlich im Weltkrieg entladen sollten.

    Gleich zu Beginn betont Hanekes Protagonist und Erzähler aus dem Off, dass er nicht wisse, ob sich alle Geschehnisse im Dorf in dem Jahre vor dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo wirklich so zugetragen hätten. Hierdurch wird der greisen Stimme des Dorflehrers, der die einzelnen Episoden aus dem Jahre 1913 zusammenträgt, nicht nur die allwissende Unfehlbarkeit abgesprochen, sondern zugleich wird auch auf die persönliche Färbung der Schilderung verwiesen. So erscheint der zur Handlungszeit noch junge und naive Dorfschullehrer im eigenen Rückblick als einzige Figur, die ihr Handeln wirklich an den eigenen moralischen Normen ausrichtet. Dieses aus dem Rahmen fallende, positive Menschenbild findet allerdings ironischerweise nur durch die Auslassungen des Erzählers einen Weg in den Film, der Lehrer verschweigt seine eigenen Verfehlungen genauso wie die seiner großen Liebe nämlich geflissentlich.

    In „Bennys Video“ hatte Haneke noch den medialen Overkill und bei „Der siebte Kontinent“ die Tristesse des Alltagslebens als Nährboden für Gewalttaten und emotionale Teilnahmslosigkeit identifiziert, in seinem neuesten Drama entsteht die Aggression aus einer Kombination von Missgunst, Unterdrückung und seelischer Pein, die hinter einer Fassade aus Scheinheiligkeit und stummem Gehorsam gedeihen. Die Gewalttaten und Misshandlungen finden anders als in „Funny Games“ oder „Die Klavierspielerin“ nicht vor den Augen des Zuschauers, sondern hinter verschlossenen Türen statt. So beschwört Haneke wirkungsvoll Schreckensfantasien herauf, es entsteht ein beklemmendes und beunruhigendes Gefühl der Machtlosigkeit.

    Das großartige Ensemble - eine ausgewogene Mischung von etablierten Darstellern und Jungschauspielern - besticht durch seine Zurückhaltung und der Strenge der Inszenierung entsprechendes, unterkühltes Spiel. Der Text wird dabei zumeist mit einer unheimlichen Schärfe vorgetragen, die dem Gesagten eine geradezu beängstigende Endgültigkeit verleiht. Besonders der schonungslos-brutale Dialog zwischen Susanne Lothar („Funny Games“, Madonnen) und Rainer Bock (Inglourious Basterds) als Hebamme und Doktor, sowie die Figur des von Burghart Klaußner (Der Vorleser, Die fetten Jahre sind vorbei) hervorragend dargestellten, in seinem starren Weltbild gefangenen Pastors, der sich selbst gegenüber seinen Kindern jede Gefühlsregung verweigert und sie mit grausamer psychischer Härte erzieht, brennen sich ins Gedächtnis.

    Trotz einer beachtlichen Spieldauer, lange ausgehaltener Einstellungen und statischer Bilder kommt keine Langeweile auf, denn die unterschwellige Spannung ist enorm und lässt nicht nach. Haneke treibt die Handlung mit Präzision voran, jede Szene ist wohlbedacht und jede Wirkung perfekt berechnet. Mit Sinn fürs Detail werden dazu die historischen Zeitumstände heraufbeschworen. Einzig die sich vorsichtig entwickelnde Liebesbeziehung des Lehrers fällt ein wenig aus dem Rahmen und hätte eine Kürzung vertragen können.

    Die Filme Hanekes waren schon immer von puritanischer Strenge, analytischer Genauigkeit und bitterer Konsequenz geprägt, doch im Gegensatz zu den vorherigen Werken des Regisseurs ist „Das weiße Band“ ein Werk von einer allumfassenden bestechenden Klarheit. Von vordergründigen formalen Experimenten, allzu manipulativen Kniffen und stilistischen Spielereien nahm der Regisseur bei seinem nach zwölf Jahren erstmals wieder in deutscher Sprache gedrehten Film Abstand. Mit „Das weiße Band“ schuf Haneke ein in sich extrem stimmiges, rundes Werk, das wegen seiner besonderen Geschlossenheit wohl auch das zugänglichste im bisherigem Œuvre des Regisseurs ist. Aber natürlich verzichtet der österreichische Provokateur auch diesmal nicht auf das schon beinahe traditionell offen gehaltene Ende und verweigert jede eindeutige Erklärung, der Zuschauer wird konsequent auf sich selbst zurückgeworfen.

    Der offizielle deutsche Beitrag für das Nominierungsrennen um den Auslands-Oscar 2010 ist ein beklemmendes, von latenter Spannung durchzogenes Drama der leisen Töne, das mit ungeheurer Präzision und einem hervorragendem Ensemble in bestechend-klarer Optik von einem Klima der unterdrückten Menschlichkeit erzählt. „Das weiße Band“ ist mit seiner verstörenden, perfekt ausbalancierten Inszenierung eines der Arthouse-Highlights des Jahres.

    [1] Thomas Assheuer: Nahaufnahme – Michael Haneke. Berlin: Alexander Verlag 2008, S.46
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