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    Marina Abramovic: The Artist Is Present
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Marina Abramovic: The Artist Is Present
    Von Tim Slagman
    Performance-Kunst ist nie identisch reproduzierbar, zielt der Künstler doch oft ganz direkt auf die Einbeziehung der Besucher, versucht diese aus ihrer passiven Zuschauerposition herauszureißen und zum Teil des Werks zu machen. Das sorgt beim Rezipienten oft für Verunsicherung, andere langweilt es sogar und noch mehr Menschen halten Aktionskunst schlicht für Kokolores. Die Serbin Marina Abramović ist eine der berühmtesten Performancekünstlerinnen unserer Zeit und wurde dafür 2010 mit einer großen Retrospektive im legendären New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) geehrt. Bei deren Vorbereitung und Durchführung hat Regisseur und Kameramann Matthew Akers die Künstlerin begleitet. Die so eingefangenen Eindrücke formt er in „The Artist Is Present" zu einer Hommage an die sinnliche Kraft der Performance, wobei sich in subtilen Zwischentönen bisweilen auch eine kritische Distanz zu seiner Protagonistin findet.

    Eine Ausstellung im MoMA bedeutet im Allgemeinen den Ritterschlag für jeden Künstler. Für Marina Abramović brachte die Retrospektive darüber hinaus die Chance, ihre „Body Art" aus der Nische zu führen. Sie lässt fünf ihrer älteren Performances von 30 Nachwuchs-Künstlern nachstellen, die sie einem rigiden mehrtätigen Training unterwirft. Eine Aktion jedoch wird sie selbst durchführen: Während der Dauer der Ausstellung sitzt sie Tag für Tag mitten in einem großen Raum auf einem Stuhl, während ihr gegenüber jeweils ein Besucher Platz nimmt. Die Schau entwickelt sich zu einem riesigen Erfolg und zieht auch zahlreiche Prominente an. Während Abramović vom tagelangen nahezu bewegungslosen Sitzen mit zunehmenden Rückenbeschwerden zu kämpfen hat, summiert sich die Besucherzahl auf über 750.000. Unter ihnen ist auch ihr ehemaliger Kunst- und Lebenspartner Ulay: Ihre gemeinsame Geschichte ist die einer einmaligen Verbindung von Kunst und Leben, sie handelt aber auch davon, wie sich diese Dinge gegenseitig zerstören können.

    Der Grat zwischen einem Künstler- und einem Heldenporträt ist schmal. Selbstverständlich spart auch Regisseur Akers nicht mit Bemerkungen von Kritikern, Galeristen und Kuratoren, die Abramović in den Himmel loben. Es gibt, zugespitzt formuliert, sogar jede Menge verklärendes Geschwätz. Zwar kommen daneben auch kritische Stimmen vor, die aber in einen Kontext gesetzt werden, der sie gleich wieder entkräftet. Wenn eine Moderatorin des konservativen Senders Fox News angesichts nackter Menschen im Museum die erwartbare Frage stellt: „Das soll Kunst sein?", will Akers gar keine Auseinandersetzung mit diesem Statement. Stattdessen ist die Ignoranz der Moderatorin als Amüsement für den Zuschauer gedacht und sicher auch ein gezielter Seitenhieb gegen Fox, den Konkurrenten des progressiven Pay-TV-Senders HBO, der die Dokumentation produziert hat.

    Die wirklich kritischen Untertöne holt sich Akers mit der Einführung von Ulay als eine Art zweitem Protagonisten in seinen Film. Wie es zur Trennung des einst privat und beruflich eng verbundenen Paars kam, lässt er von beiden selbst schildern und dabei Aussage gegen Aussage stehen. So offenbaren sich die gleichen Probleme, die auch bürgerlich-konventionelle Beziehungen ausmachen, Eifersucht und Besitzdenken inklusive. Einmal, so erzählt Ulay, habe er eine gemeinsame Aktion abbrechen müssen, weil er das tagelange Fasten nicht mehr aushielt. Er ging ins Krankenhaus, Marina machte weiter. In solchen Momenten gelingt es Akers zu zeigen, welche Opfer ein derart absolutes Kunstverständnis wie das von Abramović fast notwendigerweise hinterlässt.

    Im Vordergrund der Dokumentation steht aber die Kunst selbst. Nackte, wie es die Fox-Moderatorin vorwurfsvoll äußert, gibt es dabei zuhauf, schließlich funktioniert so nun mal Abramovićs „Body Art". Der größte Verdienst von Matthew Akers ist es, dass er die Unmittelbarkeit der Performances auf die Leinwand bringen kann, so dass der Zuschauer im Kino einen lebendigen Eindruck von der Erfahrung dieser Kunst direkt vor Ort bekommt. Eine mehrfach gezeigte Aktion besteht zum Beispiel daraus, dass ein nackter Mann und eine nackte Frau sich im Durchgang zwischen zwei Ausstellungsräumen gegenüberstehen und diesen so halb versperren. Wer dort vorbeiwill, muss sich regelrecht zwischen ihnen hindurch zwängen, was ohne Berührung gar nicht möglich ist. Das Unwohlsein bei diesem Vorgang steht den meisten Besuchern ins Gesicht geschrieben, der Film macht es deutlich spürbar.

    Fazit: Während Matthew Akers in Zwischentönen durchaus die (selbst-) zerstörerischen Tendenzen in der Arbeit seiner Protagonisten herausarbeitet, liegt sein Schwerpunkt ganz klar auf ihrer Kunst. Und dabei überzeugt „Marina Abramović: The Artist Is Present" mit einer gelungenen Beschwörung der Faszination von „Body Art" und Aktionskunst.
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