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    Das radikal Böse
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Das radikal Böse
    Von Lars-Christian Daniels

    Auf den Hofer Filmtagen 2013 liefen gleich drei Filme, deren Regisseure sich mit möglichen Motiven, die Menschen zu (Massen-)Mördern werden lassen, beschäftigten: Carsten Degenhardt und Miguel Schütz veranschaulichen in ihrer beklemmenden, wenn auch unwissenschaftlichen Kurzfilm-Trilogie „Wir“ anhand dreier fiktiver Alltagsszenarien, wie Gewalt gegen Mitmenschen entstehen kann. Ganz anders Filmemacher Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“): Der österreichische Oscar-Preisträger tastet sich aus einem psychologischen Blickwinkel an die Thematik heran und lässt dabei zahlreiche Experten zu Wort kommen. Ausgehend von Christopher Brownings Sachbuch „Ordinary Men“ geht der Dokumentarfilmer in „Das radikal Böse“ der Frage nach, wie normale junge Männer während des Holocausts zu Kriegsverbrechern werden konnten. Anders als sein amerikanischer Kollege Joshua Oppenheimer, der mit seiner meisterhaften Genozid-Aufarbeitung „The Act of Killing“ zuletzt neue Maßstäbe setzte, porträtiert Ruzowitzky dabei weniger eine einzelne ausführende Person, sondern konzentriert sich auf die vielen namenlosen Soldaten, die die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten in Osteuropa durchführten und damit das schwächste Glied in einem beispiellosen Vernichtungsprozess bildeten.

    Wie werden aus ehrbaren Familienvätern Massenmörder? Wie kann ein hochkultiviertes Volk derart in die Barbarei abdriften? Ruzowitzky zitiert aus Gerichtsprotokollen der Nürnberger Prozesse und den Briefen verstorbener Soldaten, zeigt historisches Bewegtbildmaterial aus der NS-Zeit und lässt renommierte deutsche Schauspieler wie Alexander Fehling („Buddy“), Benno Fürmann („Hai-Alarm am Müggelsee“), Andreas Schmidt („Sommer vorm Balkon“) oder Devid Striesow („Transpapa“) aus den Originaltagebüchern der Wehrmachtssoldaten vorlesen, denen in den Weltkriegsjahren die systematische Erschießung von rund zwei Millionen Juden in Polen und der Ukraine befohlen wurden. Darüber hinaus stellt der Filmemacher psychologische Tests wie das Konformitätsexperiment von Solomon Asch oder das in Oliver Hirschbiegels Psychothriller „Das Experiment“ veranschaulichte Stanford-Prison-Experiment nach, das 1971 an der Stanford University durchgeführt und nach sechs Tagen abgebrochen wurde. In Interviews kommen zudem renommierte Wissenschaftler zu Wort, die sich über viele Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben.

    Man braucht ein paar Minuten, um mit Stefan Ruzowitzkys ungewöhnlicher Erzähltechnik warm zu werden: Der Filmemacher kombiniert in „Das radikal Böse“ verschiedene dokumentarische Methoden, die in dieser Vielfalt selten miteinander verwoben werden. Ähnlich wie die Fernsehreihe „ZDF-History“ und ähnlich gelagerte Formate lässt Ruzowitzky vergleichsweise unbekannte Schauspieler in Militäruniformen und historische Kleidung schlüpfen, doch stellen diese die grausamen Szenarien des Holocausts nicht etwa nach: Die Schauspieler sprechen im Film kein einziges Wort. Stattdessen schauen sie mit festem oder verunsichertem Blick in die Kamera, posieren für Gruppenaufnahmen und durchleben gelegentlich einsame Momente hinter der nie von der Kamera eingefangenen Ostfront, in denen sie zum Beispiel traumatisiert unter einem Baum sitzen und reflektieren, welchen unbegreiflichen Massenmord sie da eigentlich gerade ausgeführt haben – nur weil es ihnen ihr Vorgesetzter befohlen hat.

    Durch stille Landschaftsaufnahmen der osteuropäischen Einöde ordnet Ruzowitzky diese nachgestellten Momentaufnahmen der Vergangenheit in die Gegenwart ein und unterlegt sie mit den Lesungen der deutschen Schauspieler, die Passagen aus Tagebüchern und Frontbriefen zitieren und die teils menschenverachtenden, teils zweifelnden Gedanken der Soldaten damit aussprechen. Striesow, Fürmann & Co. unterbrechen und übertönen sich bei ihren Ausführungen immer wieder gegenseitig, so dass sich ein differenziertes Gesamtbild mit vielfältigen Zitaten statt einer bloßen Aneinanderreihung der Originaltexte ergibt. Diesen stilistisch eigenwilligen Ansatz erweitert der Regisseur gekonnt um das Nachstellen einiger psychologischer Experimente, die mit simplen Fallbeispielen aus der Praxis und wenigen beunruhigenden Prozentzahlen auch dem Laien klar machen, wie schnell sich Gruppendynamik entwickelt und wie schwer die Frage zu beantworten ist, ob man selbst den Mut gehabt hätte, sich den Anweisungen seiner Vorgesetzten zu widersetzen. Kann es falsch sein, wenn alle es machen und die Öffentlichkeit es duldet? Kann die systematische Auslöschung der vermeintlich „niederen Rasse“ ein Verbrechen sein, wenn alle sagen, dass es richtig ist, der Staat den Dienst fürs Vaterland predigt und ganze Schulklassen bei den Massenmorden in Polen und der Ukraine zusehen?

    In den zahlreichen Interviews mit renommierten Psychologen und Historikern wird deutlich, dass trotz aller drohenden Sanktionen, der gezielten antisemitischen Staatspropaganda und der rasanten Eigendynamik, die sich ab 1941 in den sogenannten „Einsatzgruppen“ bei der Erschießung der jüdischen Bevölkerung entwickelte, durchaus eine Verweigerung möglich gewesen wäre, doch anklagend oder verurteilend sind die Ausführungen von Ruzowitzkys Gesprächspartnern nie. Nur einmal verliert der österreichische Filmemacher seine ansonsten sehr ausgefeilte wissenschaftliche Aufarbeitung der psychologischen Problematik ein wenig aus den Augen: Der Ausflug in die Ukraine, bei dem die dort ansässigen Zeitzeugen die damaligen Erlebnisse an Originalschauplätzen erläutern, wirkt recht beliebig, weil die historischen Ereignisse an dieser Stelle nur nacherzählt werden, statt deren Zustandekommen gezielt zu hinterfragen. Am positiven Gesamteindruck ändert dies wenig: Ruzowitzky liefert eine erfreulich differenzierte und dabei nie reißerische Analyse der damaligen Täter, die Opfer eines mörderischen Systems wurden, „Das radikal Böse“ war.

    Fazit: Stefan Ruzowitzkys Film „Das radikal Böse“ ist eine stilsicher inszenierte und differenziert ausgearbeitete Dokumentation über die ausführenden Organe des Holocaust, die tiefgehende und auch für Laien nachvollziehbare Einblicke in die menschliche Psyche gewährt.

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