Gnadenlos durchgezogen
Von Christoph PetersenWas 1982 als völlig durchgeknallte Sitcom „Die nackte Pistole“ im TV begann, schrieb mit „Die nackte Kanone“ (1988), „Die nackte Kanone 2 ½“ (1991) und „Die nackte Kanone 33 1/3“ Kinogeschichte. Die Trilogie über den völlig verpeilten, aber trotzdem erstaunlich effektiven Frank Drebin, Polizeileutnant der Spezialeinheit, machte Leslie Nielsen zum vielleicht letzten unbestrittenen Superstar des Parodie-Genres (über spätere Totalausfälle wie „2002 - Durchgeknallt im All“ hüllen wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens). Ohne jeden Zweifel zählen die drei Filme bis heute zu den meistzitierten Komödien aller Zeiten – und sind deshalb eigentlich wie gemacht für das Meme-Zeitalter.
Trotzdem hat eine „Die nackte Kanone“-Neuauflage erstaunlich lange auf sich warten lassen. Als das Projekt im Dezember 2013 (!) erstmals angekündigt wurde, war zunächst Ed Helms („Hangover“) für die Rolle von Frank Drebin Jr. vorgesehen. Aber weil der damals noch am Projekt beteiligte Originalregisseur David Zucker klassische Parodien für nicht mehr zeitgemäß hielt, wurde dem Legacy-Reboot eine Neuausrichtung verordnet: So sollte Frank Drebin Jr. seinen Dienst nicht länger als Polizist, sondern als Agent verrichten. Aber dann hat sich das alles zerschlagen – zum Glück! Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass Ed Helms in der Rolle auch nur halb so lustig gewesen wäre wie jetzt Liam Neeson.
Sony Pictures
Nachdem er im Kleines-Mädchen-Kostüm mit Todes-Lolli einen Banküberfall gestoppt hat, wird Frank Drebin Jr. (Liam Neeson) von seinen Kolleg*innen der Spezialeinheit gefeiert. Seine Chefin Davis (CCH Pounder) sieht das allerdings ganz anders – und verfrachtet ihren Lieutenant wegen seiner ständigen Alleingänge kurzerhand zur Verkehrspolizei. Dort bekommen es Frank und sein Partner Ed Hocken Jr. (Paul Walter Hauser) mit einem mysteriösen Unfall zu tun, bei dem ein Tech-Ingenieur mit seinem Elektroauto ohne jede Bremsspur einen Abhang hinabgestürzt ist.
Frank geht zwar zunächst von einem Selbstmord aus, aber als Beth Davenport (Pamela Anderson), die verführerische Schwester des Opfers, persönlich bei ihm vorspricht, sieht er sich den Fall doch noch mal genauer an. Die ersten Hinweise führen dabei direkt zu Richard Cane (Danny Huston), der gemeinsam mit seinem Handlanger Sig Gustafson (Kevin Durand) offensichtlich Pläne verfolgt, wie sie zwielichtige Tech-Milliardäre in solchen Filmen immer verfolgen…
„Die nackte Kanone“-Erfinder David Zucker mag daran zweifeln, ob das damalige Parodie-Konzept noch zeitgemäß ist. Aber Produzent Seth McFarlane („Ted“) und Regisseur Akiva Schaffer waren sich in diesem Punkt offensichtlich sehr sicher – oder sie haben sich zumindest vorgenommen: „Scheiß drauf, wir setzen das jetzt ohne Rücksicht auf gar nichts um – und notfalls werden wir halt katastrophal scheitern.“
Ihr „Die nackte Kanone“-Reboot ist wie die Vorbilder im besten Sinne bescheuert – und sich dabei für keinen Kalauer zu schade: Zumindest die romantische Collage rund um eine kannibalistische Ménage à trois mit einem dämonischen Schneemann wäre wohl bei jedem anderen Projekt dieser Welt bereits bei der ersten Lesung rausgeflogen. In „Die nackte Kanone“ wird so ein (herrlicher) Schwachsinn gnadenlos durchgezogen.
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Liam Neeson ist dabei zu 100 Prozent an Bord: Während Leslie Nielsen schon so aussah, wie man sich einen selbstverliebten Tollpatsch-Cop vorstellt, profitiert der irische Hüne mit der tiefen „Taken“-Stimme davon, dass er mit seinen durchtrainierten 1,93 Metern voll gegen das Klischee besetzt ist – ein Umstand, der direkt in der ersten Szene mit der Verkleidung als unschuldig an ihrem Lolli lutschendes Pfadfinder-Mädchen auf die Spitze getrieben wird. Zudem hat der für „Schindlers Liste“ oscarnominierte Charaktermime jede Eitelkeit an der Tür abgegeben:
Bei einem Durchfall-Joke mit Chili Dogs verzieht sich selbst der in seiner ahnungslosen Naivität ansonsten unbeirrbare Frank Drebin Jr. voller Scham in die dunkelste Ecke des Verhörraums. Und „Baywatch“-Ikone Pamela Anderson riskiert ihren gerade erst durch „The Last Showgirl“ ins Rollen gebrachten zweiten Karriere-Frühling direkt wieder – mit einem quietschenden Jazz-Gesang, der ihren Auftritt als geheimnisvolle Noir-Karikatur sogar noch sympathischer macht. (Man möchte Hollywood ja fast gratulieren, dass eine Frau ihres Alters als Femme fatale besetzt wird, aber wenn man genauer hinsieht, ist sie doch die üblichen 15 Jahre jünger als ihr männlicher Co-Star.)
Wie man es von „Family Guy“-Mastermind Seth McFarlane gewöhnt ist, wird es bei den Popkultur-Zitaten auch schon mal ein wenig obskurer: Neben etlichen Anspielungen auf die „Nackte Kanone“-Trilogie (samt Verweis auf Original-Star O.J. Simpson) ist für Frank Drebin Jr., der sich normalerweise absolut nichts zu Herzen nimmt (erst recht nicht die Kritik seiner Chefin), ausgerechnet bei der versehentlichen Löschung seiner auf TiVo aufgenommenen Folgen von „Buffy – Im Bann der Dämonen“ eine Grenze überschritten.
Trotzdem wird „Die nackte Kanone“ nicht zum ausufernden Zitate-Reigen, wie man es von McFarlanes Animations-Sitcoms gewöhnt ist. Ganz im Gegenteil: In Sachen Gag-Dichte kommt der Reboot (natürlich) nicht ganz an das Original heran, aber doch viel näher, als man es heutzutage noch für möglich gehalten hätte. Akiva Schaffer hat also nicht unrecht, wenn er sagt, man müsse seinen Film schon mindestens drei Mal sehen, um auch die ganzen Pointen im Hintergrund zu entdecken. Einen großen Anteil daran hat auch der gnadenlose Schnitt: So mag mancher Übergang ein wenig holprig wirken, aber dem rasenden Tempo tut das nur gut.
Fazit: Ja, die besten Gags sind (fast) alle schon im Trailer. Aber auch der Rest ist (viel) lustiger, als man es von einem „Nackte Kanone“-Film im Jahr 2025 jemals mit gutem Gewissen erwarten durfte. Zudem haben die Macher*innen ihrem Film wirklich jedes überflüssige Gramm Fett weggeschnitten, weshalb die schamlos-knackigen 85 Minuten wie im Flug vergehen.
PS: Diese Kritik basiert auf der englischen Originalfassung des Films. Meine Kollegin Chantal Neumann hat ihn parallel in der deutschen Fassung gesehen und fand die Synchro „gar nicht mal schlecht“. Aber manche Wortspiele lassen sich halt gar nicht übersetzen („take a chair“) und bei anderen musste man sich schon ziemlich verbiegen, um es noch irgendwie halbwegs hinzubekommen („Totschlag“ und „Torten-Schlacht“ statt „manslaughter“ und „man’s laughter“).
PPS: Diesmal solltet ihr nicht nur ganz bis zum Schluss sitzenbleiben, weil es noch eine Mid- sowie eine Post-Credit-Szene gibt. Stattdessen solltet ihr beim Rollen des Abspanns möglichst alles mitlesen, denn, als hätte es vorher nicht schon genug Pointen gegeben, sind selbst die End-Credits noch mit allerlei Gags von Salatdressings bis zu Netflix-Passwörtern gespickt.